1. Panorama
  2. Coronavirus

Coronavirus: Wie Menschen mit Behinderung unter der Corona-Krise leiden

Fehlende Tagesstrukturen und Besuchsverbote : Wie Menschen mit Behinderung unter der Corona-Krise leiden

Geschlossene Werkstätten und Besuchsverbote für Angehörige stellen den Alltag von Menschen mit Behinderung auf den Kopf. Viele von ihnen können das Ausmaß der Corona-Krise zudem nicht wirklich verstehen. Wie gehen die Einrichtungen mit dieser Herausforderung um?

Für Eva Strack (64) ist es eine unbeschreiblich schwere und emotional belastende Zeit. Ihre Schwester (55) ist aufgrund einer Gehirnhautentzündung im Säuglingsalter geistig eingeschränkt, autistisch und epileptisch. Mit 22 weiteren Menschen mit Behinderung wohnt sie in einer Einrichtung der Lebenshilfe im Kreis Kleve. „Die meisten arbeiten in einer Werkstatt und kommen nachmittags zurück in die Wohneinrichtung. Das gibt ihnen Struktur“, sagt Strack. Nun sei diese völlig durcheinander, weil die Werkstätten in der Corona-Krise mit einem Betretungsverbot belegt sind und fast alle sonstigen Aktivitäten ebenso auf Eis liegen.

Dazu komme, dass die Schwester nicht verstehe, was los sei, erzählt Strack. Normalerweise nimmt sie sie an den Wochenenden oft zu sich nach Hause – aber auch das ist beim momentanen Besuchsverbot natürlich nicht möglich. „Das ist eine hohe, emotionale Belastung“, sagt die 64-Jährige.

So ähnlich geht es momentan vielen Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen. Und auch für die Wohneinrichtungen und Werkstätten ist die Situation schwierig. „Wir haben in unseren Wohneinheiten kleine Produktionsgruppen geschaffen, wo wir den Menschen eine Arbeit ohne Maschinen ermöglichen“, sagt Wolfram Teschner, Geschäftsführer der Caritas Wohn- und Werkstätten am Niederrhein. Lediglich 20 der sonst 1200 behinderten Menschen haben derzeit für eine Art Notbetreuung Zugang zu den Werkstätten. Das verändert auch die Arbeit der Pfleger. „Rund 55 Mitarbeiter helfen und unterstützen das Personal in unseren und zwei weiteren Wohneinrichtungen. Dort herrscht momentan natürlich ein erhöhter Bedarf“, sagt Teschner. Um das aufzufangen, versuche man, auf anderen Wegen Kontakt zu halten, zum Beispiel über das Telefon, Skype, Mail oder Whatsapp. „Außerdem schicken wir Lernpakete mit allgemeinen und beruflichen Bildungsinhalten nach Hause“, sagt Teschner. Dafür hat die Caritas sogar einen eigenen Youtube-Channel ins Leben gerufen. Auf dem Kanal „CWWN Go“ können behinderte Menschen weiterhin an den Bildungsangeboten der Caritas teilnehmen.

Auch die neun Werkstätten der evangelischen Stiftung Hephata in Mönchengladbach und Mettmann haben einen Arbeitsplatzwechsel von der Werkbank in den Wohnbereich vorgenommen. 1800 Menschen mit Behinderung und 115 Mitarbeiter sind dort betroffen. „Die Kollegen bringen Arbeitsmaterialien in den Wohnbereich. Dadurch steht der Betrieb nicht still und systemrelevante Aufträge können bedient werden“, sagt Werkstätten-Leiter Dieter Püllen. Für viele Mitarbeiter ist das ungewohnt, wie Jasper Veckes in einem Video-Statement auf der Hephata-Facebookseite erzählt. „Normalerweise bin ich Gruppenleiter in einer Werkstatt, momentan unterstütze ich aber eine Wohngruppe. Ich gehe mit den Leuten spazieren und helfe, dass sie weiter ihrem alltäglichen Leben nachkommen können.“ Auch Alexandra Kauertz hilft derzeit in einem Wohnhaus aus – und sagt: „Viele Menschen mit Behinderung sind verwirrt, weil die Arbeit in der Werkstatt wegfällt und plötzlich neue Gesichter in den Einrichtungen sind – ihr Tagesablauf ist ja völlig anders als sonst.“

Eine Art Home Office bietet auch die Werkstatt für angepasste Arbeit (WFAA) den rund 1500 Menschen an, die in Düsseldorf betreut werden. Mit leichten Montageaufgaben, die von zu Hause erledigt werden können, versucht die Einrichtung ein wenig Normalität in ihr Leben zu bringen. „Vorgestern kamen zwei Menschen mit Behinderung ganz normal zur Arbeit. Die mussten wir dann leider wieder nach Hause schicken. Sie vermissen ihre Tagesstruktur in der Werkstatt“, sagt Geschäftsführer Thomas Schilder. Spätestens kommende Woche will die WFAA eine Online-Lernplattform für den berufsausbildenden Bereich zur Verfügung stellen.

Diese Angebote sind zwar gut – aber nicht für alle Menschen mit Behinderung geeignet, sagt Eva Strack. „Meine Schwester trennt ihre Welten. Die Werkstatt, ihr Wohnheim und mein zu Hause. Sie wäre verwirrt, wenn plötzlich die Arbeit zu ihr nach Hause kommen würde. Damit könnte sie nicht umgehen.“ Zumindest weiß sie die Schwester aber in guten Händen: „Ich möchte mich bei allen Pflegenden für ihr großen Engagement und ihre herausragenden Leistungen bedanken.“

+++ Alle aktuellen Infos zum Coronavirus bekommen Sie in unserem Liveblog. +++