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Willich: Falten, die Geschichten erzählen

Willich : Falten, die Geschichten erzählen

Ute Gabriel aus Viersen möchte Männer und Frauen vom Niederrhein fotografieren, die viel erlebt haben — und die ihr erzählen, worauf sie besonders stolz sind. Bilder und Texte will sie in einer Ausstellung zeigen.

Zu ihrem Großvater hatte Ute Gabriel immer schon ein inniges Verhältnis. Die beiden kochten zusammen, gingen mit dem Hund spazieren, fuhren zum Einkaufen in die Stadt. Oft erzählte der Großvater von früher. Als er an Demenz erkrankte und merkte, dass er manche Dinge vergaß, bat er die Enkelin: "Wenn ich dir jetzt was erzähle, was ich dir schon mal erzählt habe, dann sag es mir. Dann hör ich auf." Und tatsächlich erzählte er manchmal Geschichten von früher, die Ute Gabriel schon kannte. "Aber ich hätte einen Teufel getan, ihn darauf hinzuweisen", sagt sie und lächelt. Lieber hörte sie sich die Geschichte noch mal an.

Was alte Menschen zu erzählen haben, interessiert Ute Gabriel. Die 42-Jährige zog vor drei Jahren der Liebe wegen aus dem Ruhrgebiet nach Viersen. Als mobile Fotografin ist sie viel am Niederrhein unterwegs, porträtiert Kinder, Paare, Familien. Die Jüngsten mit ihrem offenen Blick auf die Welt haben es ihr besonders angetan - und die Senioren, deren Falten die Geschichte ihres Lebens erzählen.

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Für ein Fotoprojekt möchte Gabriel nun Männer und Frauen vom Niederrhein fotografieren, die mindestens 80 Jahre alt sind, die noch fit genug sind, ihr einige Fragen zu ihrem Leben zu beantworten, und die den Jungen etwas mit auf den Weg geben möchten. Denn: "Wir Jungen können ganz viel von den Alten lernen", ist Gabriel überzeugt.

Bei ihrer Arbeit hat sie schon häufiger alte und sehr alte Menschen kennengelernt. Immer wieder gaben ihr die Senioren so manchen Tipp mit auf den Weg. "Einmal habe ich ein altes Paar nach ihrem Rezept für eine lange und glückliche Ehe gefragt", erinnert sich die Viersenerin. "Der Mann sagte mir, das Wichtigste sei ein Gute-Nacht-Küsschen jeden Abend. Denn das bedeutet auch, dass man einander nah bleibt, dass man ohne Streit ins Bett geht."

Zu oft unterschätze die Jugend die ältere Generation, sagt die Fotografin. "Da steht eine alte Frau an der Supermarktkasse und zählt das Kleingeld, und diejenigen, die in der Schlange stehen, sind genervt. Aber wir werden auch mal alt und möchten respektvoll behandelt werden."

Für ihr Projekt hat sie sich einige Fragen überlegt. Sie möchte von den Senioren zum Beispiel wissen, worauf sie in ihrem Leben besonders stolz sind, was ihnen wichtig war und was sie lieber nicht erlebt hätten. Die Antworten der Teilnehmer will sie aufschreiben, aber auch auf Tonband aufzeichnen, damit in der Ausstellung nicht nur die Bilder zu sehen sind, sondern der Betrachter auch die Stimme des Porträtierten hören kann.

Die 42-Jährige ist überzeugt davon, dass jüngere Menschen, die die Bilder der alten Menschen sehen und ihre Geschichten hören, viel für sich und für ihr eigenes Leben mitnehmen können. "Wenn man sich mit den Erfahrungen anderer Generationen auseinandersetzt, geht man ganz anders mit Menschen um", sagt sie. Ihre Hoffnung: "Ich möchte, dass wir von den Alten lernen, wie das Leben funktioniert."

Und wie stellt sie selbst sich ihr Leben vor, wenn sie 80 Jahre alt ist? Auch darüber hat sich Gabriel schon Gedanken gemacht: "Ich möchte in meinem Sessel sitzen und sagen: ,Es war schön', ich habe nette Leute kennengelernt und konnte oft das machen, was ich wollte."

(RP)