Viersen: Was Krieg für Kinder bedeutet

Viersen: Was Krieg für Kinder bedeutet

Die Niederländerin Barbara Beckers forscht über den Zweiten Weltkrieg an der deutsch-niederländischen Grenze. Die Doktorandin an der Universität Maastricht sucht Dülkener mit Kindheitserinnerungen aus dieser Zeit.

6000 Füße stapfen durch den Schnee, durch die Nacht. Es ist kalt und dunkel. Die Jungen und Männer sind nicht freiwillig unterwegs. Als sie die Dülkener Radrennbahn erreichen, richten deutsche Soldaten ihre Waffen auf sie. Viele von ihnen denken: "Das ist das Ende!"

In der Nassaustraat in Roermond erinnert seit 1953 dieses Monument an die deportation der Jungen und Männer. Kurz nach Weihnachten 1944 mussten sie zu Fuß, bei klirrender Kälte, nach Dülken in die Zwangsarbeit gehen. Foto: Gemeente Roermond

Als "De tocht van de 3000", als "Marsch der 3000" ist die Nacht des 30\. Dezember 1944 in die Erinnerung der Roermonder Bevölkerung an den Zweiten Weltkrieg eingegangen. Jungen und Männer zwischen 16 und 60 Jahren wurden in dieser Nacht aus der niederländischen Grenzstadt nach Dülken deportiert. Als künftige Zwangsarbeiter mussten sie in der nicht überdachten Radrennbahn bei Bodenfrost ausharren, bis sie am nächsten Tag mit dem Zug nach Wuppertal gebracht und von dort auf verschiedene Städte verteilt wurden.

Wenn tausende Männer in der Nacht durch eine Kleinstadt wie Dülken — damals lebten etwa 16 000 Menschen hier — marschieren, geht das nicht unbemerkt vor sich. "Mich interessiert, ob es Dülkener gibt, die sich daran erinnern", sagt Barbara Beckers. Sie ist Doktorandin an der Universität Maastricht und schreibt ihre Dissertation über die Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg in Roermond und Dülken.

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Bisher hat sie vor allem mit Zeitzeugen in den Niederlanden gesprochen. Um das Bild zu komplettieren, sucht sie jetzt nach Dülkenerinnen und Dülkenern, die über ihre Kindheit im "Dritten Reich" und im Zweiten Weltkrieg berichten. "In Interviews fange ich immer mit den ersten Erinnerungen an. Mit den Brüdern und Schwestern, dann erst mit dem Krieg", erläutert die zweifache Mutter. "Ich möchte wissen, wie das Leben vor dem Krieg war und wie der Kriegsausbruch die Kindheit beeinflusst hat. Etwa, ob er eine Schulkarriere unterbrochen hat."

Was die Kriegserfahrung für das spätere Leben bedeutete, möchte Barbara Beckers herausfinden. "Hat man überhaupt eine richtige Kindheit gehabt?" fragt sie.Ihre Interviewpartner sind heute zwischen 70 und 90 Jahre alt. "Die älteren Leute tragen so viele Geschichten mit sich — schwierig, traurig, aber auch alltäglich. Ich freue mich immer, wenn ich da sitze und zuhöre", erzählt die Doktorandin. Neugierig ist sie darauf, wie die Dülkener die Niederländer gesehen haben. Gab es nach dem Krieg noch Antipathien oder nahmen sie alte Freundschaften über die Grenze wieder auf?

In ihrer Doktorarbeit kontrastiert Barbara Beckers Vorurteile und Stereotypen mit den persönlichen Geschichten und Begegnungen. Die Ergebnisse möchte sie nach Abschluss der Arbeit in Dülken präsentieren: "Ich finde es sehr wichtig, dass ich etwas zurückgebe."

(RP/ac)
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