Das "D'Haus" war an der Rupert-Neudeck-Gesamtschule Tönisvorst zu Gast

Rupert-Neudeck-Gesamtschule : Der junge Werther mal anders

Mit einer modernen Aufführung von Goethes „Werther“ überraschte das „D’haus“ aus Düsseldorf die Schüler der Rupert-Neudeck-Gesamtschule. Schauspiel, das zum Nachdenken anregte.

Kaum hat sich die hintere Tür des Forums im Schulzentrum Corneliusfeld geöffnet, strömen die Schüler der EF und der Stufe zehn der Rupert-Neudeck-Gesamtschule in den Saal. Dabei spiegelt sich auf etlichen Gesichtern Überraschung wider. Sätze wie „Wo ist denn die Bühne?“, Wir sitzen ja alle im Kreis“, „Das ist ja eine regelrechte Arena“ und „Das sieht aus wie im Zirkus“ sind zu hören. Und wirklich mutet die Anordnung der Stühle und der davor liegenden Sitzkissen auf den ersten Blick merkwürdig an. Sie sind als großer Kreis aufgebaut. Vier mit Stahlrahmen symbolisch dargestellte Tore stehen sich paarweise gegenüber. Von Tor zu Tor ist eine Lichterkette gespannt.

Es dauert ein Weilchen, bis jeder Platz genommen hat. Ob auf einem Stuhl oder einem Kissen sitzend: Der freie Blick in die Mitte und das Gegenüber ist überall gleich gut. Das Stimmengewirr verstummt. Das Licht geht aus. Nur einige Lämpchen über einem der Tore leuchten noch schwach mit der Notausgang-Beleuchtung um die Wette. Mit einem Ruck wird die Eingangstür aufgerissen und der Vorhang dahinter zur Seite gezogen. Drei Nachzügler trudeln lautstark mit eiligen Schritten ein. Doch weit gefehlt, es sind keine Gesamtschüler, sondern es handelt sich um die drei Schauspieler vom „D’haus“.

Mit einem dynamischen Auftakt bringt das „D’haus“, wie das Junge Düsseldorfer Schauspielhaus sich nennt, einen Klassiker auf die Bühne. Das dreiköpfige Ensemble hat „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe im Gepäck. Allerdings in Form einer Inszenierung, die auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten ist. Die Situation des bekannten Klassikers spielt in der heutigen Zeit, wobei die Konstellation die gleiche geblieben ist. Werther hat sich in Lotte verliebt, die allerdings einen Freund namens Albert hat, mit dem sie so gut wie verlobt ist.

Die drei Schauspieler erobern die ebenerdige kreisrunde Bühne inmitten der Besucher und schreiten mit gewaltigen Schritten durch die Arena. In schnellen Wechseln richten sie kurze Monologe an die Schüler. Es geht so schnell, dass man teilweise gar nicht weiß, wer eigentlich spricht. Die Dynamik ist gewaltig und bricht regelrecht über die Schüler herein. Plötzlich liegt einer der drei, mit einer Pistole in der Hand, am Boden. „Was ist die Welt ohne Liebe?“, lautet dabei seine Frage.

Auf der runden, von allen Seiten zugänglichen Bühne hat sich das Bild geändert. Moritz Otto, in einen Fellmantel gehüllt und mit einer Schäferhundmaske auf dem Kopf, schießt um Eduard Lind in der Rolle des Werther. „Lotte ist schon vergeben“, lautet sein sich immer wiederholender Satz, der aber von Werther ignoriert wird. Erneuter Szenenwechsel. Natalie Hanslik als Lotte erscheint im kurzen Glitzerkleid auf der Bühne. Lotte und Werther tanzen und philosophieren gemeinsam. Dass sich dort zwei gefunden haben, die zueinander passen, ist mehr als deutlich. Otto, immer noch als Hund verkleidet, sitzt in den Lamettavorhängen, die inzwischen an den Toren angebracht wurden, und zischt den Namen „Albert“ in den Raum. „Wer ist Albert?“ will Werther wissen. Doch obwohl er um Albert weiß, verliebt er sich immer mehr in Lotte. Sie sei vollkommen, so sein Urteil.

Bei den Schülern herrscht Stille. Sie verfolgen die vor ihnen ausgebreitete Gefühlswelt, die von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt reicht, mit absoluter Aufmerksamkeit. Das Thema Liebe mit all seinen Facetten zieht heute wie auch zu Goethes Zeiten in den Bann, wobei die moderne Aufbereitung es leicht macht, sich mit dem Geschehen auf der Bühne zu identifizieren. Dass der moderne Werther gut ankommt, zeigt die Nachbesprechung mit den drei jungen Schauspielern. Die Frage, ob man sich einen Suizid aus Liebeskummer vorstellen könnte, wird von allen verneint, wenngleich alle einen verzweifelten Liebeskummer mit dem sich dem Glück anschließenden Weltschmerz nachvollziehen können.

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