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Solingen: Tänzer zeigen viele "Heimat"-Gesichter

Solingen : Tänzer zeigen viele "Heimat"-Gesichter

Die zweite Inszenierung des Tanztheaters 55+ beeindruckte die Zuschauer zweimal im jeweils vollbesetzten Konzertsaal. Unterstützung erhielt das Ensemble vom blendend aufgelegten Jugendsinfonieorchester.

Der Versuch, das schwer Fassbare und doch Allgegenwärtige zu erklären, mündete in einem heillosen Stimmengewirr: Denn schließlich hat jeder seine eigene Vorstellung von "Heimat". Für den Einen ist sie der Ort, an dem er geboren wurde oder aufwuchs, der Andere verknüpft mit ihr Familie oder Freunde, und für den Nächsten wiederum beschreibt das Wort ein Gefühl von Geborgenheit, Vertrautheit und Zugehörigkeit. "Heimat war dahinten im Garten, ein Forsythienstrauch, ein Apfelbaum, Regenwürmer zerteilen, Blüten zermalmen, ein verbotenes Spiel, ein Klettern über den Zaun", erklärte Renate Kemperdick ihren gebannten Zuhörern im von Christine Knecht verfassten Einstiegstext. Er lieferte die Blaupause für eine eindrucksvolle Choreografie.

Das Tanztheater 55+, dessen Akteure im Alter von bis zu 80 Jahren schon im vergangenen Jahr das Solinger Publikum mit ihrer Ausdrucksstärke, Hingabe und Körperbeherrschung fasziniert hatten, brachte am Wochenende seine zweite Inszenierung auf die Bühne: In "Heimat. Eine Spurensuche" lotete Choreograf Marcus Grolle gemeinsam mit Renate Kemperdick alle Facetten des oft umstrittenen Begriffs aus. Dabei wurde deutlich: Heimat kann Menschen zusammenführen, voneinander abgrenzen, und sie ist auch veränderbar, sei es durch Flucht, Vertreibung oder schlicht durch geplante Umzüge. "Als ich in meiner Kindheit mit meinen Eltern von Bremen nach Hamburg zog, hatte ich Heimweh nach Bremen", erzählte Grolle. "Als wir dann wiederum von Hamburg ins Rheinland kamen, vermisste ich beide Städte."

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Wie schon im Vorjahr ließen Grolle und Kemperdick ihren Akteuren auch Raum, im Rahmen der ausgefeilten Choreografie ihre eigene Kreativität zu entfalten: Sie entwickelten im Tanz mit ihren Requisiten - darunter Umzugskartons, die mal als Sinnbild für räumliche Veränderung und mal als Trennmauer fungierten - unzählige Figuren und brachten auch eigene Gedanken zum Thema "Heimat" ein: Karla Janke-Butterfield etwa verarbeitete in ihrem Monolog die eigene Flucht aus der kommunistischen Tschechoslowakei. Ihre Worte standen stellvertretend für all jene, die ihre Heimat in der Vergangenheit hinter sich ließen oder es noch immer müssen: "Man integriert sich am besten, wenn man alles vergisst und sich Neuem zuwendet", erklärte sie, schob aber kurz darauf hinterher: "Die Heimat holt Dich doch wieder ein." Denn gerade im neuen Umfeld weiche die Erinnerung an dunkle Kapitel früherer Tage schnell dem Gedanken an schöne Erlebnisse vergangener Zeiten. "Mit dem Heimatverlust", so die Quintessenz des einleitenden Monologs, "stellt sich Heimat wieder ein, ja findet Heimat überhaupt erst statt."

Unterstützung erhielten die Tänzer vom bravourös aufspielenden Jugendsinfonieorchester unter der Leitung von Ulrich Eick-Kerssenbrock, das unter anderem mit Franz Schuberts unvollendeter Sinfonie in h-moll die treffende musikalische Begleitung lieferte. Für die prägnante Ausstattung sorgte Stephan Haeger. Lange anhaltender Applaus der Zuschauer belohnte das Ensemble im Großen Konzertsaal am Samstag und Sonntag für eine starke Gesamtleistung.

(ied)