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Solingen: Literarische und kritische Blicke hinter Burka und Kopftuch

Solingen : Literarische und kritische Blicke hinter Burka und Kopftuch

Als Safeta Obhodjas mit fester Stimme aus ihrem Roman "Scheherazade im Winterland" vorliest, könnten die vorgetragenen Gedanken ihrer Protagonistin ihre eigenen sein, als sie jung war. "Eine Zukunft, wie sie ihrer Tochter wünschte, ließ sich aber nicht erreichen, indem man ihr einerseits Flügel gab und sie andererseits mit dem Gewicht aller Vorurteile belastete, die in ihrer Familie und ihrer Umgebung aufzutreiben waren." Das denkt die junge Bosnierin Nadira Smajic-Otas, die sich gegen die alten Traditionen ihrer streng muslimischen Familie auflehnt und bei ihrem Wunsch, Schriftstellerin zu werden, von ihrer Mutter unterstützt, aber gleichzeitig auch unter Druck gesetzt wird. Ähnlich ihrer erfundenen Figur erging es der bosnischen Schriftstellerin Safeta Obhodjas selbst - auch sie litt unter den starren Traditionen, an denen in ihrer Familie festgehalten wurde. "Und das ist nicht vorbei. Diese Probleme sind immer noch präsent, in Bosnien, in anderen muslimischen Ländern und auch in manchen islamischen Familien hier in Deutschland", sagt sie eindringlich zu den 30 Besuchern, die zur Lesung in die Güterhallen kamen.

Sie liest vor dem Hintergrund Daniel Etters Fotografien, die Menschen während ihrer Flucht nach Europa abbilden. Die Lesung ist gleichzeitig auch Finissage seiner Ausstellung "41.000 Kilometer - Flucht nach Europa", die einen Monat lang in Astrid Kirscheys Südpark-Galerie zu sehen war. Und der Abschluss steht unter einem besonderen Thema, der zugleich ein oft brisanter, nicht nur politischer Streitpunkt ist: "Niqab, Burka, Kopftuch - Literarische, dokumentarische und kritische Blicke hinter die Macht der Schleier". Auch Anja Liedtke, die als zweite Autorin im Südpark zu Gast ist, eröffnet den Zuhörern ihren Blick auf diese Thematik - wenn auch aus einer völlig anderen Perspektive, wie sie gleich zu Beginn klarstellt: "Meine Lesung ist das Kontrastprogramm zu Safeta Obhodjas. Sie berichtet aus dem Inneren heraus, während ich von außen beobachte."

Anja Liedtke hat ein halbes Jahr in Israel gearbeitet und während ihres Aufenthaltes auch Jordanien besucht. In "Blumenwiesen und Minenfelder - Reiseerzählungen aus Israel" berichtet sie von Frauen, die in Burkas im Golf von Akaba baden und Männern in weißen Kaftanen, die würdevoller erscheinen als die westlich gekleideten Touristen. Blitzende, perfekt geschminkte Augen, die durch den Schlitz des Schleiers hervorstechen und sie immer wieder in ihren Bann ziehen. Frauen mit diesen blitzenden Augen, die stundenlang im Dessous-Geschäft verschwinden, während andere sich vom Kellner eine Shisha vorbereiten lassen und sie genüsslich rauchen. Für sie erscheinen diese Frauen wie eine aktuelle Version von "Prinzessinnen aus 1001 Nacht" und damit so anders, als sie erwartete.

Wer dachte, von den Autorinnen eine Antwort auf die Frage zu bekommen, warum muslimische Frauen ihre Köpfe und manchmal ihre ganzen Körper verstecken, hat weit gefehlt. Vielmehr rückt durch die verschiedenen Einblicke die Komplexität dieses Themas in den Vordergrund. Sei es eine Burka oder ein Kopftuch, das eine Frau trägt - die Blicke, die ihr begegnen, sind verschieden: manche neugierig und offen, andere kritisch und ablehnend. Der Blick von Safeta Obhodjas wäre vermutlich eher kritisch, kommt sie doch aus einer streng muslimischen Familie, gegen die sie sich aufgelehnt und ihren Wunsch, als erste Frau in der Familie zu studieren und Schriftstellerin zu werden, durchgesetzt hat. Neugierig ist der Blick von Anja Liedtke, die von außen beobachtet, ohne zu urteilen.

"Reisen zerstört Vorurteile" lautet der Appell, mit dem die Zuhörer nach Hause gehen und der zum Nachdenken bewegt. Über eigene Vorurteile, die einem möglicherweise beim Aufeinandertreffen mit einer verschleierten Frau durch den Kopf schießen, und darüber, wie wenig man doch über die persönlichen Beweggründe dieser Frau, ihren Körper zu bedecken, weiß.

(RP)