1. NRW
  2. Städte
  3. Rhein-Kreis
  4. Sport im Rhein-Kreis

Sportpolitik: Der Ausverkauf des heimischen Spitzensports

Sportpolitik : Der Ausverkauf des heimischen Spitzensports

Der Weggang von immer mehr Spitzensportlern wie Björn Otto und Karsten Dilla wirft Fragen nach der Sportförderung im Rhein-Kreis auf.

Gerade hatten sie die Sektgläser wieder in den Schrank geräumt, mit denen der TSV Bayer Dormagen das eindeutige Bürgervotum für den Erhalt der Römertherme gefeiert hatte, da wurde Geschäftsführer Frank Neuenhausen vom rauen Sportalltag eingeholt: Nach Karsten Dilla verlässt im Olympiazweiten Björn Otto das nächste Aushängeschild den Höhenberg. Der deutsche Rekordhalter im Stabhochsprung (6,01 Meter) vertauscht nach genau dreißig Jahren das blaue Trikot mit dem Bayer-Kreuz auf der Brust mit dem roten des ASV Köln (die NGZ berichtete).

Erst am Freitag teilte der 35-Jährige seinen Entschluss Frank Neuenhausen mit. Voraufgegangen waren viele Gespräche und Verhandlungen, in die sich auch Jürgen Beckmann, der Sportkoordinator der Bayer AG, eingeschaltet hatte. "Wir sind mit unserem Angebot bis an die Grenze dessen gegangen, was für den Verein machbar war", sagt Rainer Lisson, beim TSV für Organisation und Kommunikation zuständig.

Doch offenbar war die finanzielle Offerte des seit Jahren nicht mehr als Leichtathletik-Hochburg in Erscheinung getretenen ehemaligen Spitzenklubs aus Köln zu verlockend. "Dies ist ein weiterer Schritt auf unserem Weg, die Leichtathletik in Köln nach vorne zu bringen und die Sportstadt Köln weiter zu stärken", sagt ASV-Präsident Helmut Breuer ungeachtet der Tatsache, dass Otto nach eigener Aussage wohl nur noch zwei Jahre springen und parallel dazu seine Pilotenausbildung vorantreiben will.

Anders der "Fall Dilla". Der 23-Jährige, 2011 Vize-Europameister der U 23, lebt und trainiert bereits seit zwei Jahren in Leverkusen. "Die Bedingungen hier sind perfekt und quasi auf Stabhochsprung ausgerichtet," sagt der aus Grimlinghausen stammende Sportsoldat. "Sein Wechsel ist eigentlich die logische Konsequenz aus Trainings- und Trainerbedingungen", zeigt Lisson Verständnis für Dillas Schritt. Denn Sprünge unter Wettkampfbedingungen sind für die Stabartisten in der Leichtathletik-Halle am Höhenberg nicht möglich.

Zwei unterschiedliche Fälle, doch beide sind bezeichnend für die Lage des Spitzensports im Rhein-Kreis, der in den vergangenen Jahren einen Exodus von Kaderathleten (siehe nebenstehende Aufstellung) über sich ergehen lassen musste. Vor Otto und Dilla hatten sich in Janine Kohlmann, Lena Andersch und Hamza Touba bereits drei Mitglieder des von der Stiftung Sport finanzierten "Olympia-Perspektivteams 2012" bei ihren Vereinen abgemeldet. Vom ursprünglichen Dutzend sind sieben übrig geblieben, wobei noch nicht sicher ist, ob alle ihre Karriere fortsetzen.

Die vor 27 Jahren vom damaligen Kreistagsabgeordneten Alfons Kranz gegründete Stiftung stößt immer mehr an ihre teilweise selbst auferlegten Grenzen. Allein auf die — seit längerem im Sinkflug begriffenen — Zinserlöse des Stiftungskapitals und einen Zuschuss des Kreises angewiesen, kann sie die Athleten zwar finanziell unterstützen.

Absichern kann sie sie allerdings ebenso wenig wie für gute Trainings- und Trainerbedingungen sorgen — neben den Finanzen Hauptgrund für die meisten Vereinswechsel. "Wir müssen die Sportförderung neu überdenken", sagt deshalb Jürgen Steinmetz, Stellvertreter des Landrats und Sportdezernent. Die ist weitgehend Sache der — finanziell ohnehin klammen — Kommunen, was Bau und Bildung von Trainingszentren erschwert. Nur in denen, siehe Stabhochsprung in Leverkusen oder Kanu in Berlin und Essen, scheint Spitzensport jedoch künftig noch möglich. Doch die Kommunen, falls sie überhaupt noch in Sport investieren, stecken lieber Geld in von Vereinsfunktionären und (oftmals mit diesen identischen) Ortsteilpolitikern geforderte Kunstrasenplätze. Dabei wäre eine Schließung mancher Sportstätte mach- und vertretbar — unter der Bedingung, dass das so eingesparte oder gar (durch Verkauf) hinzu gewonnene Geld anderswo in den Sport gesteckt wird.

Ohne solche — für manchen schmerzhafte — Entscheidungen wird der Ausverkauf des Spitzensports kaum aufzuhalten sein. "Wir müssen uns Nischen suchen und dort unsere Schwerpunkte bilden", sagt Steinmetz. Nur da zu fördern, wo schon Strukturen, Athleten und Erfolge vorhanden sind, ist eigentlich Konsens in der Sportselbstverwaltung, wird hierzulande (siehe das "Fußballkonzept" des Stadtsportverbandes Neuss) jedoch oft unterlaufen. Säbelfechten, Handball, Hockey, Frauenringen, Schwimmen und das nicht-olympische Voltigieren sind die "gesetzten" Sportarten. Kanu, Rudern, Leichtathletik und Damen-Basketball eignen sich für Nachwuchsförderung. Alles andere ist — jedem Sponsor unbenommenes — Mäzenatentum. Das mag kurzzeitig sogar Erfolg versprechen — siehe Björn Otto und der ASV Köln. Doch nur Strukturen und Nachhaltigkeit können einen weiteren Ausverkauf verhindern.

(NGZ)