Remscheid: Zeitreise durch die Industriegeschichte

Mein Remscheid : Zeitreise durch die Industriegeschichte

Die Ortschaft Platz versprüht Charme, ist ruhig und punktet mit denkmalgeschützten Häusern und der Aussicht.

In der kleine Ortschaft Platz in Alt-Remscheid scheint für einen Augenblick die Zeit stehengeblieben zu sein. Wären da nicht die ganzen Autos, man könnte meinen, man sei wieder zurück in der Epoche, als noch der die Ronsdorf-Müngstener Eisenbahn durchs Morsbachtal zischte und Dampf empor in den Himmel stieg. An vielen Ecken begegnet einem noch die Industriegeschichte von Platz.

Prägnant ist der rote Schornstein, den man auch von der Morsbachtalstraße aus sehen kann. Einst setzte Albert Böker in der ehemaligen Eisenhütte, die zum Hammer umgebaut wurde, ab 1847 die erste Dampfmaschine auf Remscheider Gebiet zur Energienutzung ein. Vom Hüttenplatz im 16. Jahrhundert entwickelte sich Platz über die Jahrhunderte zu einer Ortschaft, die durch Erz- und Eisenhütten geprägt wurde.

Heute ist Platz ein ruhiges und romantisches Wohngebiet. In nur wenigen Gehminuten ist man einmal die verschlungenen Wege und Gassen – zum Teil mit einer Steigung – entlang geschlendert und kommt dabei an vielen alten Fachwerkhäusern vorbei. Bis auf ein paar Ausnahmen sind diese historischen Bauten liebevoll gepflegt und in Schuss gehalten, stehen unter Denkmalschutz und sind zum größten Teil mit Schiefer verkleidet.

Besonders beeindruckend ist das Dreierensemble in der Kurve in Höhe der Hausnummer 34. Ein altes schwarzes Geländer am Treppenaufgang zum Haupteingang ist mit Details versehen und für jeden Fotografen auf Motivsuche sicher ein Bild wert. Etwas versteckt gelegen, verzaubert auch das Fachwerkhaus an Platz 60. Fast scheint es so, als verstecke sich die Perle der Architektur hinter dem funktionalen Geländer auf der Straße Neuplatz, um nur von Augen ausgewählter Wanderer, Spaziergänger oder Zufallsbesucher betrachtet zu werden.

Denn viel Verkehr herrscht in der Ortschaft nicht – zumindest nicht an einem späten sonnigen Sonntagmittag. Der Plan an der Haltestelle des Bürgerbusses verrät: Nur dreimal am Tag hat man motorisierten Anschluss an ein Stück mehr Zivilisation in Lüttringhausen, wenn man keinen eigenen Wagen hat.

Verschlafen scheinen Ort und Bewohner. Für Thomas Schreiber und Elke Gottschalk ist Platz eine beliebte Route, um aus Hasten schnell zum Gelpetal zu gelangen. „Hier gibt es sehr schöne alte Häuser, die gut in Schuss sind“, sagt sie. Er ergänzt: „Man ist schnell im Wald und hat nicht viel Verkehr.“

Zusätzlich hat man von fast jedem Punkt in Platz einen Blick auf den Wald. Fantastisch. Auch wenn das rege Treiben auf der Morsbachtalstraße mit einem Rauschen bis nach oben dringt, lebt man hier doch für sich fernab vom Alltagsstress. Seit der Regionale 2006 gehört Platz zum „Erlebnisweg Morsbach“.

Gut 13 Kilometer ist der überregionale Wanderweg lang und führt von der Remscheider Ortschaft in der einen Richtung über die Straße Clemenshammer zum Steffenshammer in die Gerstau und bis nach Müngsten. In die andere Richtung geht’s über Clarenbach zum Hilbertshammer.

Kleine Tafeln auf der Strecke erzählen von der Tradition der Kotten und Hammer. Sie führen die Wanderer durch die industrielle Entwicklung und die Geschichte der Werkzeugindustrie der Ortschaften am Morsbach.

Noch heute ist Platz die Heimat von vielen Betrieben. Zu den ältesten noch existierenden Unternehmen zählt wohl die Karl Hagenbröcker Werkzeugfabrik. Sie wurde 1787 von Hammerschmied Wilhelm Hagenbröcker als Hammerwerk mit drei Wasserrädern zum Schmieden von Werkzeug-Rohlingen für die Umgebung gegründet.

Heute wird das Unternehmen in siebter Generation immer noch von der Familie geführt und ist Hersteller für Maler- und Maurer-Werkzeuge.

Nicht nur New York oder San Francisco, auch Platz hat ein Bügeleisenhaus. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Egal, an welchem Haus man vorbeigeht, fast überall bellt ein Hund. Es passt zu diesem eigenwilligen und schönen Idyll am Hang des Morsbachs. Folgt man der Straße Neuplatz, die durch die vielen Bäume gerade an heißen Sonnentagen wohltuenden Schatten spendet, gelangt man zum Gründerhammer und zu der Ibacher Mühle. Von hier aus hat man die Wahl: Entweder rauf in Richtung Rath oder doch lieber hoch zum Grund.

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