Remscheid: Liebesgeschichte eines schwulen Schwans

Remscheid: Liebesgeschichte eines schwulen Schwans

Die eigenwillige, mutige und brillante Interpretation des klassischen Ballett-Stoffs "Schwanensee" von der Dance Factory Johannesburg riss die 400 Zuschauer im Teo Otto Theater zu Begeisterungsstürmen hin.

Manchmal gibt es Veranstaltungen, die beginnen ganz normal, man erwartet nicht mehr und nicht weniger als solide Kost - und steht am Ende völlig begeistert mit dem restlichen Publikum und kann mit dem Klatschen kaum aufhören. Am Dienstagabend war im mit 400 Besuchern sehr gut besuchten Teo Otto Theater so eine Veranstaltung: "Schwanensee" stand auf dem Programm, dargeboten von der südafrikanischen Dance Factory aus Johannesburg nach einem Konzept und mit der Choreographie vom Shootingstar der südafrikanischen Tanzszene, Dada Masilo.

Das Ensemble bestand aus 18 Tänzerinnen und Tänzern. Und Masilo, die selbst auch mittanzte, hatte ihrem Ensemble nichts geringeres als die komplette Dekonstruktion des europäischen Ballettklassikers von Peter Tschaikowsky auf die durchtrainierten Körper geschrieben. Ein bisschen sei die Choreographie wie beim Spielen mit Lego-Steinen entstanden, sagte die zierliche Tänzerin: "Ich habe meinen 'Schwanensee' Stück für Stück zusammengebaut."

Herausgekommen war eine eigenwillige, mutige und letztlich brillante Interpretation des klassischen Stoffs. Die Kostüme waren dabei noch das traditionellste Element - wenngleich die Männer im weißen Tütü und mit Federschmuck auf dem Kopf durchaus provokant wirkten. Die bekannten Melodien Tschaikowskis wurden dabei ergänzt um Musik der Komponisten Camille Saint-Saens, Rene Avenant, Arvo Pärt und Steve Reich, was dem Dargebotenen noch eine weitere Portion Extravaganz verlieh. Und auch die Geschichte um die Heirat von Prinz Siegfried mit der schönen Prinzessin Odette wurde modernisiert: In Masilos Lesart merkte Siegfried nämlich, dass er sich gar nicht zu weiblichen Schwänen hingezogen fühlte, sondern vielmehr den männlichen Schwan Odile liebte. Homophobie und Geschlechterrollen als Würze im klassischen Ballett? Ja, warum eigentlich nicht? Kunst sollte schließlich ein Abbild der Gegenwart und der gesellschaftlichen Entwicklungen sein.

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Was den Abend jedoch zu jener genialen Brillanz verhalf, war die Leistung des Tanzensembles. Körperbeherrschung, Spannung, unglaublicher Bewegungsdrang, ungezügelte Kraft und Leidenschaft - diese Vokabeln schossen einem durch den Sinn, während man zu begreifen versuchte, was sich auf der simpel und dennoch effektiv gestalteten Bühne gerade tat. Da tanzten schöne Menschen derart entfesselt, dass sämtliche Gliedmaßen wie losgelöst wirkten. Da war ständig Bewegung drin, manchmal wusste man gar nicht, wohin man zuerst schauen sollte, um in dieser enorm intensiven guten Stunde nur ja nichts zu verpassen.

Manchmal wirkte das Geschehen wie eine durchgeknallte Mischung aus Musical-Revue und afrikanischem Stammesfest. Denn die Tänzerinnen und Tänzer tanzten nicht nur, sie kommentierten in "Schwanensprache" das Geschehen, heulten und schrien. "Dieser 'Lärm' ist Teil unserer Kultur, Südafrikaner vokalisieren alles", sagte Masilo dazu. Bei dem hohen Tempo machte man sich manchmal fast Sorgen um die Konstitution des Tanzensembles. Völlig zu Unrecht, denn die Performance wirkte bei aller Intensität doch tatsächlich federleicht. Völlig zu Recht gab es dafür am Ende stehende Ovationen.

(RP)