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"Integrationskurs Alphabetisierung": Wie Migranten lesen und schreiben lernen

"Integrationskurs Alphabetisierung" : Wie Migranten lesen und schreiben lernen

Wer Deutscher werden will, muss die Sprache können - auch schriftlich. Dafür gibt es Kurse in der Volkshochschule.

Umed Omar ist tief über sein Aufgaben-Heft gebeugt. Seine Augen suchen auf dem Papier, sie folgen den Zeichen, die Mundwinkel zucken. Er beginnt zu sprechen, und dabei formt er jeden einzelnen Buchstaben. "Gu-tt-en Taahg! Meiiinnn Name ist Sch-schnei-derrr." Seine Frau Maysa Elyas (35) nickt und lächelt. Sie hat die Schriftzeichen in dem gemeinsamen Übungsheft genauso verstanden wie ihr Mann. Lesen und schreiben lernen in einer fremden Sprache als Erwachsener ist harte Arbeit. Wie soll man deutsche Buchstaben verstehen, wenn man nie gelernt hat, überhaupt erstmal die vertrauten arabische Schriftzeichen zu deuten?

Omar ist 40. Er spricht Türkisch, Arabisch, Kurdisch, Turkmenisch, und auch Deutsch. "Ein bisschen", sagt er. Aber lesen und schreiben kann er nicht, genausowenig wie seine Frau, in keiner Sprache. Seit 15 Jahren lebt die aus dem Irak geflohene Familie in Deutschland, jetzt will er Deutscher werden, und das geht nur, wenn er lesen und schreiben kann. Der Einbürgerungstest verlangt das so. Seit mehr als einem Jahr sitzt er deshalb mit seiner Frau gemeinsam in der Volkshochschule im Unterricht von Wolfgang Benner (63): Der Lehrer bringt Fremdsprachlern, die nicht einmal lesen können, Deutsch bei. "Integrationskurs Alphabetisierung" heißt das bei der Volkshochschule.

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In Benners Klasse sitzen 17 solcher erwachsenen Schüler. Sie kommen aus dem arabischen Raum, Osteuropa, Asien, Afghanistan, Nordafrika. Die meisten von ihnen sind schon einige Jahre in Deutschland. Die Stimmung untereinander ist gut. Man scherzt viel. Auch auf Deutsch. Die Kinder der Teilnehmer können oftmals viel besser mit der deutschen Sprache umgehen. Die älteste Tochter von Umed Omar und Maysa Elyas geht aufs Gymnasium. Und eine andere Frau erzählt: "Wenn ich meine Hausaufgaben mache, sagt meine Tochter immer: Mama, das ist doch ein Kinderbuch."

Das ist kein Kinderbuch, sagt Wolfgang Benner. Er ist ein extrem höflicher Mensch. Zur Begrüßung sagt er "Guten Tag" und "Buongiorno", legt die Hände aneinander und verbeugt sich. Wenn er spricht, dann klingt das so, als würde er im Mund jeden einzelnen Buchstaben extra schön gestalten und dann wohlgeordnet ins Freie lassen. Die Bedeutung seiner Worte unterstreicht er zusätzlich mit Gesten. Seine Schüler sollen eben jeden einzelne Sprachhappen genauestens erfassen können. Er weiß genau, wie es geht. Er macht das schon seit 30 Jahren. "Wenn jemand gar nicht alphabetisiert ist, dann braucht es neurologisch gesehen etwa drei Jahre, bis das Gehirn vollständig umprogrammiert ist", sagt Lehrer Benner. "Einfach nur die Buchstaben lernen, das funktioniert nicht."

Als er seine Schüler begrüßt, lässt er auch die Anwesenheitsliste herumgehen. Jeder Schüler muss unterschreiben. So will es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das die Kurse mitfinanziert. Die Liste zeigt aber auch den Erfolg: Die Unterschriften werden immer besser.

Bis zu zwei Jahre dauert die Alphabetisierung in den Kursen der VHS. Anschließend geht es in die "normalen" Integrationskurse. Die aber werden dann nicht mehr vom BAMF finanziert. Dann kann es teuer werden. Und dennoch sind die Zahlen der Teilnehmer an den Integrationskursen seit Jahren konstant hoch. Im vergangenen Jahr waren es 1338 Teilnehmer in 112 Kursen. "Wir haben im Moment keine Plätze frei, weil wir einfach überlaufen sind. Wir wissen nicht, wohin mit den Leuten", sagt Sonja Vieten, Leiterin des zuständigen Fachbereichs an der VHS. Die Motivation bei den Teilnehmern sei sehr unterschiedlich. "Es gibt Teilnehmer, die begreifen es als Zwang, die deutsche Sprache zu lernen. Und es gibt Teilnehmer, die haben eine extrem hohe Eigenmotivation und machen sogar richtig Druck, weil sie schnell viel lernen wollen", sagt Sonja Vieten. Klar ist: Die meisten von ihnen sind kaum beschult worden.

Umed Omar will lesen und schreiben lernen, um wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Mit deutschem Pass, sagt er, ist es leichter, eine Stelle zu finden. Und er hat noch einen Beweggrund: Er zückt einen Brief aus der Tasche, es ist ein Schreiben vom Gebührenservice des öffentliche-rechtlichen Rundfunks. "Ich will, dass meine Tochter mir das nicht mehr vorlesen muss."

(NGZ)