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Neuss: Alltagsidyllen sind nur ein Schein

Neuss : Alltagsidyllen sind nur ein Schein

Eindringliche (Doppel-)Porträts und auf den ersten Blick harmonisch-harmlos scheinende Szenen der früh verstorbenen Neusser Künstlerin Veronika Otten sind derzeit in der Christ-König-Kirche am Berliner Platz ausgestellt.

Der Schmerz steht diesen Menschen ins Gesicht geschrieben. Die Trauer, das Entsetzen, der Schrecken über das Durchgemachte. Es sind Frauen, Männer, Kinder. Und sie lassen den Betrachter nicht los. Daran ändert auch die teils pastellige Farbgebung nichts, der zarte Pinselstrich, der gelegentlich eher an Aquarelle denn an Ei-Tempera, geschweige denn an Ölfarbe denken lässt.

Mehr als zehn Jahre alt sind die vier Flüchtlingsbilder, die zu einem 2003 entstandenen Zyklus der Neusser Malerin Veronika Otten gehören - und doch hochaktuell. Zu sehen sind sie in der Christ-König-Kirche, zusammen mit zehn anderen Gemälden der mit 45 Jahren verstorbenen Künstlerin, die nach ihrem Tod 2007 ein umfangreiches Oeuvre mit mehr als 400 Gemälden hinterließ. Für die Ausstellung in der Further Kirche erhielt die Schwester der Malerin, Aurelia Otten-von Ostrowski, 14 Bilder aus dem Besitz der Stadt Neuss als Leihgabe.

Die Bilder Veronika Ottens erzwingen geradezu ein zweites Hinsehen, und ein drittes, ein viertes. Zunächst harmlos wirken etwa ihre Alltagsszenen, die entspannt scheinende Jugendliche in Wohnräumen zeigen. Der über die Leinwand schweifende Blick nimmt eine scheinbar idyllische Situation wahr, bleibt dann aber an etwas Unvorhergesehenem hängen, das irritiert - wie dem durch die Kulisse stapfenden Elefanten -, dringt tiefer in die Szenerie ein und entlarvt sie schließlich als Trugbild.

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Denn die Menschen, die sich im Sessel lümmeln, lässig auf der Gitarre klimpern oder auf dem Bett räkeln, sind zwar zusammen, aber dennoch isoliert, weil sie keinerlei Beziehung zueinander aufnehmen, es keine Interaktion gibt. "Trotz der Personen sind es eher Stillleben": Diese Worte von Aurelia Otten-von Ostrowski bringen es auf den Punkt.

Neben Menschen und ihren Beziehungen beschäftigte die Frage nach Schein und Sein der Wirklichkeit die Künstlerin Veronika Otten. Das zeigt sich auch in der Serie "Kate", die niemand anderen zeigt als das Fotomodell Kate Moss. "Models waren für Veronika Otten die Madonnen der Gegenwart", erklärt ihre Schwester. Obwohl die Porträts sich nur geringfügig voneinander unterscheiden, hier die Farbe um eine Nuance variiert wurde, dort ein Detail im Hintergrund verändert ist, wirkt sich dies unmittelbar auf den Ausdruck der Bilder aus - wie sich ja auch die jeweilige Stimmung des Künstlers immer in seinem Werk niederschlägt.

Dass Veronika Otten im Neusser Norden aufwuchs, in der Pfarrkirche Christ König nicht nur getauft wurde, sondern dort auch zu Erstkommunion und zur Firmung ging, ist allenfalls ein ganz hübscher Zufall, war aber keineswegs entscheidend dafür, ihre Werke in dem Gotteshaus zu zeigen, wie Kirchenvorstand Hans-Dieter Feuerlein deutlich macht.

Er führte bei der Eröffnung im Anschluss an die Abendmesse mit einigen begleitenden Worten in die Ausstellung ein und zeigt sich beeindruckt von der tiefgründigen Künstlerin. Die stammte aus einer Neusser Architekten-Familie und einem kunstsinnigen Elternhaus. Nach dem Abitur am Gymnasium Marienberg war Veronika Otten jedoch zunächst unentschlossen, wusste nicht, ob sie Medizin oder Malerei studieren sollte. Ein Aufenthalt in Venedig, wo sie Werke Tintorettos sah, brachte schließlich die Entscheidung.

(NGZ)