Kriegsende und Neuanfang im Rhein-Kreis Neuss: Die Stunde Null

Kriegsende und Neuanfang im Rhein-Kreis Neuss: Die Stunde Null

Anfang März 1945 besetzten US-Truppen das Gebiet des heutigen Rhein-Kreises. Doch das Gefühl einer Befreiung vom NS-Regime stellte sich bei den meisten Deutschen erst später ein.

Die Amerikaner trauten dem Frieden nicht. Am Morgen des 2. März 1945 rückte die 83. Infanteriedivision der 9. US-Armee im vom Krieg gezeichneten Neuss ein. An einigen Fenstern hingen weiße Laken zum Zeichen der Kapitulation. Doch die GIs gingen weiter sehr vorsichtig vor. Nur langsam zogen die Truppen an diesem Freitagvormittag von Westen Richtung Innenstadt und Hafen.

Die Deutschen sahen dem Einmarsch vor 70 Jahren mit einer Mischung aus Staunen und Angst zu. "Jeep auf Jeep, Panzer auf Panzer rollte in die Stadt", sagt Zeitzeuge Hans Wilke, während der damals gerade einmal fünfjährige Helmut J. Bräutigam das Ende in einem Luftschutzkeller erlebte. "Die Soldaten durchsuchten unsere Häuser", erinnert sich Bräutigam Jahrzehnte später.

In den Monaten zuvor, nach der Landung in der Normandie, hatten sich die USA und ihre Verbündeten immer weiter vorangekämpft. Hundertausende deutsche und alliierte Soldaten waren dabei in dieser letzten Phase des Zweiten Weltkriegs, gefallen oder verwundet worden. Und nun, an jenem Vorfrühlingsmorgen in Neuss, wollten die GIs jedes unnötige Risiko vermeiden. Sie waren weiter auf der Hut, rückten gegenseitig abgesichert in die Quirinusstadt ein.

Dabei war die Operation, mit der schließlich der gesamte heutige Rhein-Kreis von den Nazis befreit wurde, sehr erfolgreich verlaufen. Die Offensive hatte erst wenige Tage zuvor, am 23. Februar 1945, unter dem Namen "Grenade" an der Rur begonnen. Ein weiteres Mal hatten die Amerikaner eine riesige Streitmacht aufgeboten, da sie noch immer mit erbittertem Widerstand rechneten. Doch der blieb weitgehend aus. "Es gab so gut wie keine regulären Wehrmachtsverbände mehr in der Region", sagt beispielsweise der Neusser Stadtarchivar Jens Metzdorf.

Tatsächlich rückten die US-Truppen schnell vor. Bereits am 28. Februar, also nur fünf Tage nach Beginn von "Grenade", fiel mit Jüchen die erste Gemeinde im Kreis — und Sherman-Panzer der 2. amerikanischen Panzerdivision rollten auf den Marktplatz. Korschenbroich sowie Kaarst kamen einen Tag später unter US-Kontrolle, ehe schließlich mit Neuss und Grevenbroich (3. März) auch die größten Städte in der Region von der 9. US-Armee eingenommen wurden (siehe Grafik: 1, 2, 3).

Lediglich die Befreiung Dormagens zog sich etwas hin. Die Chemiestadt wurde erst am 5. März durch Einheiten der 1. amerikanischen Armee besetzt, die von Südwesten vordrangen (Grafik: 4). Das benachbarte Rommerskirchen wiederum war am 3. März unter US-Kontrolle gekommen.

Gleichwohl gab es auch in diesen letzten Kriegstagen noch sinnlose Opfer unter den Soldaten und der Zivilbevölkerung. Bei Kapellen etwa lieferten verbliebene deutsche Einheiten trotz der aussichtslosen Lage den Alliierten eine letzte Panzerschlacht. Der Ortskern von Rommerskirchen wurde am 1. März 1945 von Fliegern zerstört. Und auch in Korschenbroich, Grevenbroich sowie Neuss hielt sich vereinzelter Widerstand, der aber überall schnell gebrochen wurde.

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Entsprechend groß und dauerhaft erschienen zunächst Angst und Misstrauen — nicht allein bei den GIs. "Viele Erwachsenen waren zwar froh, dass die Schrecken der Bombenangriffe vorüber waren", erinnert sich zum Beispiel der spätere Neusser CDU-Bundestagsabgeordnete Heinz Günther Hüsch, der als 15-jähriger Notdienstverpflichteter das Kriegsende in seiner Heimatstadt erlebte.

Doch als eine Befreiung wurde der Einmarsch der Alliierten damals vermutlich nur von den wenigsten Deutschen empfunden. "Wir hatten das Gefühl, den Krieg verloren zu haben. Wir wussten nicht, wie es weitergeht", sagt Heinz Günther Hüsch. Er selbst stammt aus einer Familie, die dem NS-Regime kritisch gegenüberstand, und nahm den Einmarsch seinerzeit bereits mit einem "diffusen Gefühl der Befreiung" wahr. Trotzdem: Die Unsicherheit über die Zukunft überschattete einstweilen alles.

Denn noch herrschte Krieg. Wohl setzten die Amerikaner in den Städten sowie Gemeinden des Rhein-Kreises schnell neue deutsche Verwaltungsspitzen ein. Und vielerorts funktionierte auch die Stromversorgung rasch wieder — zumal darüber hinaus die Versorgungslage der Bevölkerung zunächst ebenfalls noch erträglich war. Trotzdem traten die Besatzer den Deutschen keineswegs als Freunde entgegen. Zu deutlich waren auch im Rhein-Kreis die menschlichen Tragödien sichtbar, die die Nazis zu verantworten hatten. So befanden sich allein in Neuss am Ende des Krieges 4000 "Displaced Persons" — Menschen, die als Zwangsarbeiter aus ihren Heimatländern verschleppt worden waren.

Den Preis zahlten zunächst andere. Während sich die meisten Funktionsträger des Dritten Reichs im letzten Moment aus dem Staub machten, kamen viele einfache Soldaten in Gefangenschaft. So auch in Wickratherberg, wo mindestens 150 000 Wehrmachtsangehörige unter schrecklichen Bedingungen zu überleben versuchten. Die Soldaten mussten in Erdhöhlen vegetieren. Die Versorgung war miserabel, Hunderte starben. Und auch die Zivilisten bekamen die Härte der Besatzung zu spüren. Das katholische Neuss und die anderen Gemeinden des Kreises, die nie zu den Nazi-Hochburgen gehört hatten, waren in den Augen der Amerikaner — wie alle deutschen Gebiete — nach wie vor Feindesland.

Überall herrschte eine strenge Ausgangssperre. Die Truppen quartierten sich in Häusern ein, die Bewohner mussten weichen. "Ein Soldat sagte meiner Mutter, dass wir in zwei Stunden raus zu sein hatten", erinnert sich etwa Zeitzeugin Christel Zelleröhr, die mit ihrer Familie eine Weile in einem zerstörten Kloster lebte. Erst Wochen später konnte die Familie zurück — und das Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten begann sich ganz langsam zu wandeln. "Die Soldaten waren immer freundlich", sagt Christel Zelleröhr, während Heinz Günther Hüsch bis heute die Schokolade in Erinnerung ist, die die GIs Kindern schenkten. Hüsch: "Dabei sahen die US-Soldaten mit ihren 17, 18 Jahren selbst aus wie große Kinder."

Die Amerikaner, die in Neuss zum ersten Mal bis zum Rhein vordrangen, blieben nur kurz. Ende April wurden sie von den Briten als Besatzer abgelöst. Dabei hatten die US-Truppen, trotz des schnellen Vorrückens im März 1945, ihr eigentliches Ziel noch nicht einmal erreicht. Ursprünglich hatten sie bei Neuss über den Rhein setzen wollen. Daraus wurde aber nichts, weil die Nazis in der Nacht auf den 2. März — nur Stunden vor der Kapitulation — in einem letzten Akt sinnloser Zerstörung die beiden Rhein-Brücken der Stadt sprengen ließen. Geholfen hat es ihnen nichts. Die Alliierten gingen kurze Zeit später bei Wesel über den Strom. Und die Tage des Regimes waren gezählt.

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