Kairotisch (10): Die Sehnsucht nach dem Westen

Kairotisch (10) : Die Sehnsucht nach dem Westen

Land der Freiheit, Zuhause der Mutigen – die ersten Schritte in Richtung Demokratie, die Wahl einer unerfahrenen Regierung, die den Staat aufweicht. Im neuen, wilden Osten ist Arbeit knapp und Geld kaum aufzutreiben, während in einer galoppierenden Inflation alles teurer wird. Nur für Touristen ist es ein nettes Bild, wenn zu jeder Tageszeit die Shisha-Cafés voll besetzt sind und teetrinkende Männer einen von allen Seiten in Ägypten willkommen heißen.

Sie sitzen dort, weil es für sie kein Geld zu verdienen gibt, sie hoffen und suchen, und während Touristen willkommen sind, aber nicht mehr kommen, fühlen sich die Massen an Ägyptern immer unwillkommener. Dass ich die Pyramiden von Giza (Gizeh) (menschenleer bewundern konnte, ist mein Glück – und Ägyptens finanzieller Untergang. Seit 100 Jahren ist Tourismus das Fenster zur kapitalistischen Welt, nachdem das westliche Geld Kairo zur größten Stadt Nordafrikas gemacht hat, bricht der Tourismus zusammen.

Westliche Freiheit bedeutet hier jetzt: frei von Geld, frei von Plänen, frei von Sicherheit. Wer unter diesen Umständen bleiben will, muss mutig sein, denn Druck erzeugt Spannung. Männer haben nichts zutun, aber zu Hause ihre Familie zu versorgen. Als Touristin merke ich es nicht, aber die christlichen Kopten bekommen es zu spüren, und die Straßenkinder könnten einen eigenen Staat errichten in den Hochhausruinen der Vorstädte. Die Parallelgesellschaft wächst. Die wirklich Mutigen wollen nicht bleiben, sondern erstreben ein Leben im verheißungsvollen Westen, wo sie mit Arbeit noch Geld verdienen können. Sie hassen den Westen nicht – sie sehnen sich danach.

DIE GLADBACHERIN KATJA MÖLTGEN (24) STUDIERT DESIGN AN DER HOCHSCHULE NIEDERRHEIN. DERZEIT VERBRINGT SIE DREI MONATE IN KAIRO. IHRE EINDRÜCKE SCHILDERT SIE AUCH AUF IHREM BLOG "KAIROTISCH": HTTP://KAIROTISCH.BLOGSPOT.COM/

(RP)
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