Mönchengladbach: Künstlerfamilie kämpft um ihre Identität

Mönchengladbach : Künstlerfamilie kämpft um ihre Identität

1995 flüchtete die Familie Achmadow aus Tschetschenien nach Gladbach. Noch immer ist ihr Status ungeklärt. Weil er für Mekka kein Visum erhält, will der muslimische Maler Shamsudin Achmadow nun auf dem Jakobsweg pilgern.

Shamsudin Achmadow ist verzweifelt. Sein "Reiseausweis für Ausländer" nützt ihm außerhalb des Schengen-Raums nichts. Weder stellt ihm die zuständige Russische Botschaft einen Pass aus, noch hat ihm die Ausländerbehörde die vor zweieinhalb Jahren beantragte deutsche Staatsbürgerschaft zugestanden. Und so konnte Achmadow weder ein Visum für eine Reise nach England, wo er an einer Ausstellung teilnehmen wollte, noch für Saudi-Arabien erhalten, wo der Muslim gern die Pilgerreise nach Mekka machen würde. "Gilt nicht für RUS" (Russland), hat die Behörde in seinen Ausweis gestempelt. Als Shamsudins Ehefrau das russische Konsulat in Bonn aufsuchte, sei sie als "Verräterin" beschimpft und barsch weggeschickt worden.

Shamsudin Achmadow mit drei selbst gemalten Bildern. Foto: Raupold

In seiner Heimat Tschetschenien und Dagestan im Südkaukasus war der 55-Jährige ein anerkannter Künstler, schon mit 24 gehörte er der dortigen Akademie der Künste an. Und seit seiner Flucht nach Mönchengladbach 1995 haben Shamsudin Achmadow und seine ebenfalls künstlerisch tätige Frau Zarema Rashidowa zahlreiche andere Projekte realisiert, in Malschulen unterrichtet, Ausstellungen gemacht oder mit Mönchengladbacher Schülern die Aktion "Wahrnehmung der Menschenrechte" erarbeitet. Nicht allein die Eltern leiden unter der politischen Einschnürung ihrer Existenz, auch die Kinder sind weit davon entfernt, ein "normales" Leben mit Chancen wie andere Bürger führen zu können. "Ich kam 1996 mit elf Jahren nach Deutschland, bin jetzt 27, habe eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskaufmann abgelegt und finde keinen Job", erzählt Sohn Schamil Achmadow. Dabei sei es für ihn sehr wichtig, wenigstens ein halbes Jahr lang Steuern aus einer regelmäßigen Beschäftigung zu zahlen, damit seine Chancen steigen, die Staatsangehörigkeit zu erwerben. Sein jüngerer Bruder Chamkhan (23) hat zwar Abitur, bekommt aber keinen Studienplatz. Sein Pech, so Schamil Achmadow: "Als Chamkhan zwölf Jahre war, haben die Eltern einmal die Meldefrist für die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis um 14 Tage verpasst." Er befürchte, dass die Auskunft der Ausländerbehörde, er müsse erneut acht Jahre warten, bis seine Sache entscheidungsreif sei, Ausdruck von Verzögerungstaktik sei. Seine zehnjährige Schwester Fajna besucht ab September das Stiftische Humanistische Gymnasium. Auch sie weiß nicht, ob sie Deutsche werden darf.

"Wir sind Deutschland sehr dankbar, dass wir durch Aufnahme hier vor dem Bürgerkrieg in Tschetschenien Zuflucht gefunden haben", betont Schamil Achmadow. Einige Privatleute unterstützten sie, aber auf Seiten der Stadt Mönchengladbach sei wenig Neigung zu erkennen, der Familie zu helfen. In das städtische Künstlerverzeichnis c/o wurde Achmadow immerhin aufgenommen.

Als Zaremas Vater im Kaukasus im Sterben lag, durfte niemand von den Achmadows dorthin, um Abschied zu nehmen. "Das hat sehr weh getan", sagt Shamsudin Achmadow. Er wird bitter, wenn er daran denkt, dass seine in den Niederlanden lebende Schwester längst dort das Bürgerrecht erworben hat, ebenso sein Bruder in Frankreich.

Auf Anfrage erklärte Wolfgang Speen, Leiter der städtischen Pressestelle, zu dem komplexen Fall: "Die Familie ist bereits vor zwei Jahren aufgefordert worden, Dokumente vorzulegen. Das ist bis heute nicht geschehen." Der Fachbereich Bürgerservice moniert, dass mehrere Familienangehörige die erbetenen Unterlagen zur Identitätsermittlung bisher nicht vorgelegt hätten. Zwar bestünden bei Flüchtlingen "typischerweise Beweisschwierigkeiten", aber einen "generellen Verzicht auf die Identitätsprüfung" könne es nicht geben, teilt der Fachbereich der Stadt mit. Die Kinder besäßen übrigens "keinen Flüchtlingsstatus".

Als Anhänger der Sufi-Richtung des Islam fühlt der Maler Shamsudin Achmadow sich von Gott aufgerufen, sich unentwegt "auf die Suche nach dem Allmächtigen" zu machen. Deshalb wollte er auch die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka, unternehmen. Was an fehlenden Visa scheitert. In seiner Not hat Achmadow sich nun Reiseprospekte für den Jakobsweg besorgt und plant ernsthaft, als muslimischer Pilger zu dem christlichen Heiligtum in Santiago de Compostela in Nordwestspanien zu wallfahren. "Ich schätze, dass ich zwei Monate für den Weg brauchen werde", sagt Achmadow. Wann es losgeht, steht noch nicht fest. Er hoffe, dabei zur Ruhe zu kommen. Unterwegs will er fleißig Skizzen anfertigen, um Stationen des Jakobsweges später in gemalten Bildern festzuhalten.

(RP/ac)
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