Meerbusch: Trauma und Traum

Meerbusch: Trauma und Traum

Der Büdericher Musikprofessor, Philosoph und Schriftsteller Herbert Thomas Mandl ist Ehrengast beim Konzert am Totensonntag in der Thomaskirche in Leipzig und Gesprächspartner für Studenten während eines Universitätsseminars.

"Zwischen Trauma und Traum: Verdis Requiem im Ghetto Theresienstadt" lautet das Thema eines Seminars der Universität Leipzig, das morgen stattfindet und als Ergänzung zu dem entsprechenden Konzert am Totensonntag in der Leipziger Thomaskirche gedacht ist. Dort singen der Universitätschor und der Vokalkreis begleitet vom Mendelssohn-Orchester. Ehrengast beim Konzert und Gesprächspartner im Seminar ist der Büdericher Musikprofessor, Philosoph und Schriftsteller Herbert Thomas Mandl.

Der 80-Jährige gehörte dem berühmten symphonischen KZ-Streichorchester unter der Leitung des Dirigenten Karel Ancerl an, dem späteren Chef der tschechischen Philharmonie. Sein aufregendes Leben hat Mandl in dem Buch "Durst, Musik, Geheime Dienste" im Münchener Boer-Verlag beschrieben.

Mandl kam im März 1942 nach Theresienstadt und erlebte dort den verbrecherischen Zynismus des nationalsozialistischen Regimes durch eigene Anschauung. Für die Inspektion des Lagers durch das Internationale Rote Kreuz wurden Fassaden gestrichen und ein Kulturprogramm aufgelegt. Zweieinhalb Jahr hat Mandl in dem KZ verbracht und ungewollt als Orchestermitglied in dem Propagandastreifen der Nazis mit dem Arbeitstitel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" als Musiker mitgewirkt.

An die Diskussion über Verdis Requiem erinnert der Büdericher sich gut. Die Aufführung war unter den Insassen sehr umstritten. Einige kritisierten zum Beispiel die Wahl eines katholischen Requiems. Mandl fasste seine Eindrücke wie folgt zusammen: "Es gab Puristen, die die Programme am liebsten auf Ernsteres beschränkt hätten, andere, die Verdis Requiem für unpassend für jüdische Häftlinge hielten, und wieder andere, die alles akzeptierten, das geeignet schien, den Lebensmut der Menschen im KZ zu stärken. Ich hielt damals als Ghettoinsasse die dritte Position für richtig, und ich habe nicht den Eindruck, dass ich nach vielen Jahrzehnten meine Auffassung zu revidieren hätte."

Auf Theresienstadt folgte für Mandl im September 1944 Auschwitz und anschließend Dachau, wo der Lagerkommandant ihn nach einem Fluchtversuch zum Tod durch Erschießen verurteilte. Statt ihn zu erschießen, brachte der SS-Posten Mandl in einen anderen Lagerabschnitt.

Nach der Befreiung machte er Abitur, studierte Violine und Klavier, wurde Professor am Musikkonservatorium in Ostrau, wo er seine Frau Jaroslava Mandlova kennen lernte. Nach einer tollkühnen Flucht aus der CSSR über Afrika und Griechenland landete Mandl 1961 als Privatsekretär in Diensten des späteren Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll. Böll betätigte sich als Fluchthelfer und schmuggelte Mandls Frau aus der CSSR nach Deutschland, wo sie vor Monaten in Büderich starb.

(RP)
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