Leverkusen: Genie und Wahnsinn

Leverkusen: Genie und Wahnsinn

An der Seite von Segej Diaghilew hat Waslaw Nijinski Karriere gemacht. Die Gauthier Dance Company tanzte im Forum ein Stück über ein bewegtes Leben.

Die junge Stuttgarter Tanzcompagnie von Eric Gauthier hat im Rheinland längst ein Fanpublikum. Das nimmt auch eine längere Anreise auf sich, um diese einzigartige Truppe zu erleben, wie die Kennzeichen in der überfüllten Forum-Garage erkennen ließen. Ein voller Saal zum zehnten Gastspiel in Folge war da keine große Überraschung. Von den "ersten zehn Jahren" sprach Forum-Dramaturgin Claudia Scherb, die auf weitere Zusammenarbeit setzt. Wieder war das Publikum restlos begeistert von der hochkonzentrierten und außergewöhnlichen Darbietung dieser Compagnie, die dieses Mal ein erzählerisches Stück zeigte.

Die zehn Bilder der Choreografie "Nijinski" von Marco Goecke halten sich an die biografischen Daten des russischen Tänzers und Choreografen und setzen doch vor allem auf Emotion und die Faszination einer reichen Bewegungssprache, die bei aller Variationsbreite einem Grundmuster folgt. Und das ist vom tragischen Ende der Geschichte her entwickelt. Die Nervenkrankheit, die in den Wahnsinn, in unkontrollierte Wutausbrüche münden wird, scheint sich schon am Beginn der Karriereleiter anzudeuten.

  • Leverkusen : Gauthier Dance mit Ballett "Nijinski" zu Gast im Forum

Das sind die extrem schnellen Bewegungen von Armen, Händen und Beinen, die bei aller Sicherheit und Größe bereits eine permanente Nervosität vermitteln. Maurus Gauthier reizte diesen choreografischen Grundgedanken mit großer Beherrschung, Kraft und Energie aus, die die Zuschauer manchmal geradezu körperliche Schmerzen spüren ließ. Die erlebten zunächst, wie Terpsichore, die Muse des Tanzes, den jungen Nijinski in einer anmutigen Szene wachküsst. Sie umschwirrt auch den Kunstkenner Diaghilew, den David Rodriguez mit kerzengerader Haltung und gestreckten Bewegungen als strengen und selbstbewussten Impresario zeichnete, der die russische Kunst im Westen bekanntmachen will. Mit dem Ballett "Russes" bringt er später auch den begabten Nijinski nach Paris. Auf der Bühne wurde vor allem die Beziehung der beiden zwischen Liebe und Hass zum Ausdruck gebracht.

Schlaglichtartig wurden die Höhepunkte in Nijinskis Karriere zur Musik von Frederic Chopins Klavierkonzerten beleuchtet. Die großen Partien wie Petruschka, le Sacre, den Faun in Debussys "L' après-midi d'un faune" oder den Geist der Rose. Dazu regnet es Rosenblätter vom Himmel einer ansonsten streng schwarz gehaltenen Bühne. Mehrfach werden Worte in ein Mikrofon geflüstert, die man zunehmend als eingebildete Stimme eines Wahnsinnigen begreift, während sich der eben noch umjubelte Tänzer immer weiter isoliert. Am Schluss tanzt er nicht mehr, sondern kniet und zeichnet in wilden Bewegungen Kreise auf den Boden.

(mkl)