Heiligabend Friedensstifter: "Man braucht eine Vision"

Heiligabend Friedensstifter: "Man braucht eine Vision"

Ingrid Vogel ist seit ihrer Jugend Friedensaktivistin. Sie glaubt: Wenn die Welt gerechter wäre, gäbe es keine Flüchtlinge und keine Gewalt. Es ginge, sagt sie: Ein gutes Leben für alle Menschen

Man kann mit dieser Frau wunderbar streiten und auch wieder nicht. Streiten, weil sie als Friedensbewegte eine sehr dezidierte Sicht der Welt hat, und dabei geht es immer um fundamentale ethische Fragen, bei denen man nun mal trefflich streiten kann. Etwa die, ob Krieg immer abzulehnen ist oder ob er nötig werden kann, um Extremisten und politischen Großverbrechern entgegenzutreten. Streiten mit ihr fällt aber auch schwer, weil sie Sätze sagt wie "Ich habe viel vom Herzen her argumentiert." Da spricht keine Ideologin, keine listige Argumentiererin, keine politische Dampfplauderin. Man spürt bei ihr stets auch dies: Entsetzen und Trauer über all das Grässliche in der Welt. "Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger", zitiert sie irgendwann den berühmten Satz des Publizisten Jean Ziegler, "das geht mir nicht aus dem Kopf." Darüber kann man nun nicht mehr streiten; das geht einem nicht mehr aus dem Kopf.

Ingrid Vogel ist 68 Jahre alt und seit ihrer Schülerzeit gefesselt von der Frage, wie Frieden in der Welt zu schaffen ist. Nie wurde die Frage weniger brennend, im Gegenteil. Als junge Mutter mit zwei kleinen Kindern lebte sie in den 80er Jahren zur Hochzeit des Kalten Krieges: "Es hieß damals, das neue Parkhaus unterm Krefelder Rathaus sei atombombenfest. Es gab sogar Leute, die einen privaten Atombunker unter ihrem Haus angebracht haben. Uns wurde vorgemacht, ein Atomkrieg sei führbar, überlebbar und gewinnbar", erinnert sie sich. Sie habe Angst gehabt, auch um die Zukunft ihrer Kinder.

So begann sie, sich in der Friedensbewegung zu engagieren, etwa über den Krefelder Appell, in dem 1980 die Bundesregierung aufgefordert wurde, den Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung neuer Mittelstreckenraketen zurückzuziehen. Vogel hat den Protest auch lokal verankert. "Ich hatte mir vorgenommen, die Paul-Schütz-Straße atomwaffenfrei zu machen", sagt sie und schmunzelt. Damals arbeitete sie in der BIFA (Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung) mit. Heute ist es das Krefelder Friedensbündnis. Dass dort mit der DKP auch eine Partei vertreten ist, die sich nur halbherzig von totalitären sozialistischen Regimen distanziert, ficht sie nicht an: "Auch die Christen haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Für mich zählt die Idee eines humanistischen Sozialismus und von einer Welt, in der Solidarität und Gemeinwohl großgeschrieben werden." Wichtig sei der Willen, "es in Zukunft besser zu machen, und das können wir am besten gemeinsam. Man braucht eine Vision."

Frieden, so glaubt sie fest, ist ohne Gerechtigkeit nicht zu haben. Ingrid Vogel ist überzeugt, dass das globale Wirtschaftsystem neoliberal ist, ohne Respekt gegenüber Mensch und Natur, gegen Menschenrechte verstößt und den Graben zwischen Arm und Reich vergrößert.

Der reiche Teil der Welt, meint sie, schaffe mit einer ungerechten globalen Wirtschaft Armut und Flüchtlingswellen und treibe junge Leute Terrororganisationen wie dem IS zu. "Wenn es überall fairen Handel und auskömmliche Löhne gäbe, dann gäbe es weniger Extremismus", sagte sie fest. Ihr Traum ist eine Welt, in der nicht Geld im Mittelpunkt steht, sondern der Mensch. "Ein gutes Leben für alle ist möglich", sagte sie, wiederum fest.

Waffengewalt zur Lösung von Konflikten lehnt sie ab, erst recht das Bestreben von Kanzlerin Merkel, gemäß einer Nato-Vereinbarung das Verteidigungsbudget auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. "Unser Rüstungshaushalt wäre dann genauso groß wie der von Russland", sagt sie, "das ist unvorstellbar und unmoralisch".

Bei all dem ist sie christlich inspiriert. Sie ging auf eine katholisches Gymnasium in Düsseldorf und konvertierte irgendwann zur evangelischen Kirche, weil sie die Unfehlbarkeit des Papstes ablehnt. Im Studium hat die Grundschullehrerin die Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann und den Theologen Hans Küng kennengelernt. Dessen Weltethos-Idee, die in allen Religionen und Kulturen das Prinzip der Humanität zu finden glaubt, manifestiert sich für Vogel im "Engel der Kulturen", der auf ihre Initiative hin als sichtbares Zeichen eines friedlichen Zusammenlebens von 139 Nationen in Krefeld auf dem Platz an der Alten Kirche installiert ist.

Zu den schönsten Dingen in ihrem Wohnzimmer gehört eine Krippensammlung. Gesichter und Stile sind unverkennbar, besonders beeindruckend bei einer afrikanischen Gruppe. Der Schrank mit den vielen Gruppen bildet ein schönes Bild: Was die Figuren aus aller Welt im Stall zu Bethlehem teilen, ist die eine Hoffnung: auf Frieden.

(RP)