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Krefeld: Die unverdrossenen Briefe-Schreiber von Amnesty

Krefeld : Die unverdrossenen Briefe-Schreiber von Amnesty

Die Krefelder Amnesty-Gruppe wurde 1969 gegründet; viele Mitglieder von heute sind seit Jahrzehnten dabei. Ungebrochen ist die Hoffnung, mit Briefen die Welt verändern zu können. Immer stehen persönliche Schicksale im Vordergrund. Wir stellen die Gruppe vor und berichten, was sie auch nach Jahrzehnten packt und bewegt.

Sie haben angefangen, als die Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International noch kaum jemand kannte. Ursula Kruse etwa, heute 73 Jahre alt, ist Anfang der 70er Jahre durch einen Zeitungsartikel auf diese Organisation aufmerksam geworden; "ich hatte", erinnert sie sich, "vorher nie etwas davon gehört". Die Aktivisten in dieser Gruppe hatten eine Wahnsinnsidee und einen Wahnsinnsoptimismus: Sie wollten gegen die Diktatoren der Welt, gegen Mörder von Staats wegen, gegen all die Schlächter und Schinder ihres Volkes, die es bis heute gibt und die für sich bis heute schöne Titel und nette Uniformen erfinden, mit nichts als Briefen vorgehen.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat mit einer Grafik, die das Cover der Erzählung "Das Treffen in Telgte" illustriert, unbeabsichtigt das perfekte Bild für die Arbeit von Amnesty International geliefert: Eine Hand hält unverdrossen die Feder hoch, mit der sie gegen die Gräuel in der Welt anschreibt. In Grass' Erzählung waren es Barockdichter, die gegen den 30-jährigen Krieg protestieren wollen - die Amnesty-Aktivisten von heute schreiben seit der Gründung 1961 Briefe für politische Gefangene. Die Erlaubnis zur Abbildung der Grafik wurde uns freundlicherweise vom Steidl-Verlag gegeben. Foto: Cover-Zeichnung zum Buch "Treffen in Telgte" von Günter Grass - © Steidl Verlag + Günter und Ute Grass Stiftung

Treffpunkt Friedenskirche: Vier Krefelder berichten, wie sie zu Amnesty kamen; drei von ihnen sind fast so lange dabei, wie es die Krefelder Amnesty-Gruppe gibt: Sie wurde 1969 gegründet.

Je länger man sich mit ihnen unterhält, umso mehr wird einem bewusst: Fast hat man es vergessen. So lange ist es nicht her, dass in Ländern der heutigen EU politische Gefangene gefoltert und ermordet wurden.

Auslöser für die Gründung der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International war das Schicksal von zwei portugiesischen Studenten, die unter Diktator Salazar verhaftet wurden. Für den Londoner Anwalt Peter Benenson war das der Anlass, einen flammenden Appell zur Gründung einer Organisation zu halten, die sich für politische Gefangene einsetzt.

Was Ursula Kruse von Anfang an bei den Amnesty-Leuten imponiert hat, war die Direktheit der Ansprache: "Die hatten überhaupt keine Scheu vor großen Namen und davor, Briefe an, wie man so schön sagt, hochgestellte Persönlichkeiten zu schreiben", sagt sie.

Der erste Gefangene, um den sich die Krefelder Amnesty-Gruppe gekümmert hat, war ein Grieche - denn das Land, das die Demokratie erfunden hat, stand von 1967 bis 1974 unter der Knute einer Militärdiktatur. Zu den wundersamen Erfahrungen, die die Amnesty-Leute immer wieder gemacht haben, gehört eben das: Die Mächtigen der Welt lassen sich durchaus von Briefen beeindrucken, besser: von der Öffentlichkeit, die in ihnen repräsentiert ist.

"Wenn man sich für jemanden einsetzt und dann erfährt: Er ist frei - das ist ein unglaubliches Gefühl", sagt Ursula Kruse. Es blieb nicht die einzige Erfahrung, es gab auch Misserfolge, Phasen der Resignation: "Es waren immer Wellenbewegungen; es gab auch Zeiten, in denen man sich fragte: Warum machst du das?"

Das, was die Aktiven am Ende doch über Jahrzehnte bei der Stange hielt, war die Unmittelbarkeit zum persönlichen Schicksal. Monika Kühn ist 73 Jahre alt und stieß wie Ursula Kruse Anfang der 70er Jahre zur Krefelder Amnesty-Gruppe. Sie erinnert sich an den griechischen Gefangenen, den die Krefelder unterstützten: "Wir haben Briefe an Behörden und politisch Verantwortliche geschrieben, wir hatten Kontakt zur Familie, haben auch Geld überwiesen. Nach einem halben Jahr bekamen wir die Nachricht: Er ist frei. Das war natürlich toll." Bei politischen Gefangenen in der Sowjetunion erreichten die Briefe oft Verbesserungen der Haftbedingungen; sie waren oft genug auch Vorboten einer bevorstehenden Freilassung samt Abschiebung.

Jutta Koebernick stieß 1999 zur Krefelder Amnesty-Gruppe. Soziale Themen haben sie schon immer interessiert, berichtet sie; früher hat sie mit Drogenabhängigen gearbeitet. Für Amnesty hat sie sich über das Thema Kinderrechte interessiert. Ein Besuch in Indien, den sie eigentlich als Touristin gemacht hatte, bestärkte sie: "Was ich da an Elend und arbeitenden Kindern gesehen habe, war sehr deprimierend." Heute steht für sie das Thema Todesstrafe im Fokus. So engagiert sie sich für einen Jugendlichen aus den USA, der in Texas wegen Mordes zum Tode verurteilt wurde - aufgrund einer nach Einschätzung von Koebernick sehr dünnen Beweislage. Der Kampf gegen die Todesstrafe gehört zu den wichtigsten Anliegen von Amnesty in den vergangenen Jahren. Daneben gibt es immer wieder die klassischen politischen Gefangenen von diktatorischen Regimen - das Ur-Thema von Amnesty.

Die Krefelder Gruppe betreut zurzeit zwei Gefangene: den iranischen Menschenrechtsaktivisten und Anwalt Abdolfattah Soltani und den Journalisten Ibrahim Manneh in Gambia. Der westafrikanische Staat wird von Präsident Yahya Jammeh mit brutaler Gewalt beherrscht, seit Jahren gibt es Nachrichtern über Morde an Regimegegnern. Der Journalist Ibrahim Manneh ist seit Jahren "verschwunden", Amnesty fordert Auskunft über sein Schicksal. Man muss mit dem Schlimmsten rechnen; Manneh wäre nicht der erste ermordete Journalist.

Auch Hans Eiserfey (78) ist seit den 70er Jahren bei der Krefelder Gruppe dabei; ihn hatten die Gründungsmitglieder von Amnesty International Deutschland, die Journalisten Gerd Ruge und Carola Stern, beeindruckt. Der heute 78-Jährige war Lehrer am Ricarda-Huch-Gymnasium und hat nach seiner Pensionierung im Jahr 2002 eine Amnesty-Schülergruppe am Ricarda aufgebaut. Doch 2014 sind die 14-täglichen Treffen langsam eingeschlafen.

Eiserfey vermutet, dass die Schüler wegen des G8-Abiturs schlicht weniger Zeit haben. Zudem hat auch Amnesty Anteil an einem allgemeinen Trend im Ehrenamt: Ehrenamtliche engagieren sich heute nicht mehr über Jahre konstant für eine Gruppierung, sondern sprunghafter, sporadischer und mehr projektbezogen. Zudem nutzen Jugendliche gern die Möglichkeit, sich über die sozialen Netzwerke und übers Internet an Amnesty-Aktionen zu beteiligen.

Gleichwohl hoffen Hans Eiserfey, Jutta Koebernick, Ursula Kruse und Monika Kühn, ihre Arbeit fortsetzen zu können. Es geht nicht um den Bestand des Vereins, sondern um Gefangene, deren letzte Hoffnung Briefe aus Deutschland sind.

(RP)