Reichsgasse: Das letzte Dorf in Düsseldorf-Unterbilk

Geschichte in Düsseldorf : Das letzte Dorf in Unterbilk

Mit Großstadt hat die Reichsgasse wenig gemein. Sie ist ein Idyll, das versteckt liegt und doch mittendrin.

Leicht zu übersehen ist die kleine Einbahnstraße, die vom Fürstenwall aus abzweigt, nur wenige Meter hinter der Elisabethstraße, verdeckt von einem Baustellenzaun. Der Bürgersteig ist abgesenkt, fast so, als würde sich dort nur eine kleine Einfahrt befinden, in einen Hinterhof oder einen Garagenkomplex. Die Mauern links und rechts stehen eng beieinander, so dicht, dass kaum ein Auto hindurchpasst. Zumindest keines, das viel größer ist als ein Smart. Der Blick in die schmale Straße reicht nicht weit, eine Kurve verdeckt das Kleinod, das sich dort befindet, das letzte Dorf in Unterbilk, das letzte mitten in der Großstadt, das sich seit über 100 Jahren nur wenig verändert hat. Die Reichsgasse ist so anders als der Rest des Stadtteils, ein Relikt aus einer anderen Zeit.

„Ein kleines, idyllisch wirkendes Gässchen“, steht im Düsseldorf-Lexikon geschrieben. Nur ein paar Zeilen ist der Eintrag lang, der sich den Platz auf der Seite teilt mit den Stichworten „Reichsheimstättensiedlung“ und „Reichsmusiktage“. „Nachdem ab 1838 am Graf-Adolf-Platz die Bahnhöfe der verschiedenen Eisenbahngesellschaften entstanden waren, breitete sich die Stadt weiter nach Süden aus. Die Friedrichstadt und der Stadtteil Unterbilk wurden ohne Rücksicht auf vorhandene Gegebenheiten neu geplant. Nur die Reichsgasse ist als Verbindungsstück zwischen der Reichsstraße und dem Fürstenwall erhalten geblieben – ein heute denkmalgeschütztes Ensemble barocker Wohn- und Siedlungshäuser“, steht im Lexikon weiter.

196 Schritte sind es, bis man auf der anderen Seite angekommen ist, 196 Schritte liegen zwischen Fürstenwall und Reichsstraße, die neben der Rheinkniebrücke verläuft. Der Asphalt ist aufgeplatzt, an manchen Stellen rissig, brüchig. Von weit her ertönt ein Martinshorn, von den vielen Baustellen rundherum im Viertel sind Maschinen zu hören, nicht laut, schwaches Gehämmer, Kratzen, Brummen. Einen Moment dauert es, bis die Welt anders wird, bis die Geräusche weg sind,

Zwei Gesichter hat die Reichsgasse. Ein altes, auf der Seite mit den ungeraden Hausnummern. Dort, wo eine große Fünf an der Einfahrt hängt, die zum Eingang eines hübschen Landhauses mit grünen Fensterläden führt. Das Dach ist wellig, ein paar Zentimeter darunter hängt ein kleines Schild mit dem Landeswappen und der Überschrift „Denkmal“. Auf der anderen Seite ist die Reichsgasse jung, modern, hip. Kuben mit großen Fenstern und gläsernen Balkonbrüstungen reihen sich aneinander, irgendwo in der Mitte der Reichsgasse stehen zwei Frauen mit einem Kinderwagen im Schatten eines solchen Würfels, grüßen freundlich ihre Nachbarn und gucken wachsam, sobald sich ein Fremder in das Kleinod verirrt.

Die beiden Frauen sind Nadine Wietschorke (43) und Stefanie Meurs (46), die in der Reichsgasse leben. Meurs auf der jungen Seite, Wietschorke auf der alten. Sie sind Nachbarinnen. Und mehr als das. „Es ist wie im Dorf hier“, sagt Stefanie Meurs, „jeder kennt jeden.“ Man kümmert sich um die Menschen, die in der Reichsgasse wohnen, man kümmert sich um die Menschen, die nicht dort wohnen. „Wenn hier Leute rumschleichen, sprechen wir sie auch an“, sagt Meurs. Seit 2015 ist sie in dem kleinen Dorf in Unterbilk zu Hause, mit ihrem Mann, ihrem Sohn und den zwei Katzen. „Mein Haus ist das mit dem Garten und dem Trampolin“, sagt sie. Ihr Mann ist es gewesen, der immer in die Reichsgasse wollte, seit dem Augenblick, als er nach Düsseldorf zog. Das war 2000, „ein Freund führte ihn hier durch“, sagt die 46-Jährige. Das Paar hatte an der Jahnstraße gelebt, am Fürstenwall, kaufte schließlich ein Haus in Heerdt. Kaum drei Monate lebte es im Linksrheinischen, als Stefanie Meurs sah, dass an der Reichsstraße gebaut wird. „Mein Mann sagte: ,Kümmer dich’“, erzählt Meurs, die telefonierte und Glück hatte. Der Rest ist Geschichte.

Glück nennt es auch Nadine Wietschorke, dass sie in der Reichsgasse wohnen darf mit ihrer Familie. Auch wenn der Tag, an dem sie sich für das alte Haus entschied, für viele Düsseldorfer ein Unglückstag war. Der 9. Juni 2014, der Tag, an dem Orkan Ela verheerende Schäden in der ganzen Stadt anrichtete, als Wietschorke und ihr Mann bei einem Stück Kuchen beschlossen, das Haus zu kaufen. „Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs“, erzählt die 43-Jährige, „der Vorbesitzer hat uns bei dem Unwetter noch nach Hause gefahren.“

Dass es Veränderungen gibt in der Reichsgasse, das stört die beiden Frauen nicht. „Sonst dürfte mein Haus hier auch nicht stehen“, sagt Stefanie Meurs, „das Alte bleibt ja erhalten, und neuer Wohnraum ist doch immer etwas Gutes“, findet Nadine Wietschorke, die sich freut, wenn neue Leute in die Reichsgasse kommen. Und weil der Platz endlich ist im Dorf, wird es auch nicht mehr allzu viele Bauprojekte geben.

Eines ist in der letzten Sitzung der Bezirksvertretung 3 beschlossen worden, nachdem es Proteste von Grünen und Linken gab. Die Hausnummern 7, 7a und 9 – also die alte Seite – sollen umgebaut und erweitert werden. Außerdem ist ein weiteres Wohnhaus im Hinterhof geplant. Dieter Sawalies (Die Linke), der dem Vorhaben nicht zustimmen wollte, sieht die Seite mit den ungeraden Nummern als Gesamtensemble, „eine letzte Erinnerung an die ländliche Bebauung im Stadtteil. Wir haben schon auf der anderen Seite Bausünden früherer Jahre stehen“. Ihn störte vor allem der eine Satz der unteren Denkmalbehörde: „Die Zustimmung liegt bereits vor.“ Ohne weitere Details, ohne Ausführungen. „Als es 2007 eine Bebauung gab bei Haus Nummer 11, wurde uns eine Stellungnahme vorgelegt“, sagt Thorsten Graeßner von den Grünen, der schon oft vergeblich für den Erhalt alter Objekte und Fassaden im Bezirk gekämpft hat. Verschwinden wird nichts an der Reichsgasse. Und am Ende sind es die Bewohner selbst, die es gut oder schlecht finden müssen, was passiert in ihrer Straße.

Die Nachbarinnen Nadine Wietschorke (l.) und Stefanie Meurs schätzen das Miteinander an der Reichsgasse. Foto: Bretz, Andreas (abr)
Die Reichsgasse um 1908: Das Bild stammt von dem Düsseldorfer Fotografen Rolf Lantin. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf
Ein Foto von Julius Söhn (1935): Zu sehen ist eines der vier Reliefs (rechts im Bild). Foto: Stadtarchiv Düsseldorf
Die Häuser 5 und 7 stehen unter Denkmalschutz. Das Landeswappen hängt über der Toreinfahrt. Foto: Bretz, Andreas (abr)
Das andere Gesicht der Reichsgasse: Auf der Seite mit den geraden Hausnummern stehen moderne Bauten. Foto: Nicole Kampe

„Wir sind auch vor ein paar Jahren neu dazugekommen“, sagt Stefanie Meurs, die noch ein bisschen Platz sieht in der kleinen Straße, für neue Nachbarn. Sie werden aufgenommen im Dorf und Mitglieder in der Reichsgassen-Gruppe, die die Bewohner auf dem Smartphone haben. Sie werden eingeladen zum Reichsgassen-Fest, das einmal im Jahr gefeiert wird. Und vielleicht werden sie auch irgendwann im Schatten der Häuser stehen und auf die spielenden Kinder achtgeben, wenn mal wieder Autos zu schnell durch die Reichsgasse sausen, die eine Abkürzung nehmen wollen oder auf der Suche nach einem Parkplatz sind. „Eine Spielstraße wäre toll“, sagt Nadine Wietschorke. Für eine Gasse, die so idyllisch ist wie keine zweite in Unterbilk.

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