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"Ein fremder Feind": Thriller über Nazi-Expedition zum Amazonas

"Ein fremder Feind" : Thriller über Nazi-Expedition zum Amazonas

RP-Redakteur Jörg Isringhaus hat einen neuen aufregenden Agenten-Roman geschrieben. Der Titel: "Ein fremder Feind".

"Krauss drückte ab." Mit diesem so kalten und unheilvollen Satz von "Unter Mördern" endete der Agenten-Thriller aus der Nazi-Zeit. Vor drei Jahren war das, und es war das sehr überzeugende Schriftsteller-Debüt von Jörg Isringhaus, unseren Lesern bis dahin ausschließlich als Reporter der RP bekannt. Jetzt hat mein Kollege nachgelegt, und es beginnt wieder mit Krauss, wieder mit einem Duell, doch diesmal ist er es, der exekutiert werden soll.

Jörg Isringhaus, „Ein fremder Feind“, Aufbau Verlag, 477 S., 9,99 Euro Foto: Aufbau Verlag

Die Wiederbegegnung mit dem Überläufer - der im Auftrag des britischen Geheimdienstes Hitler töten und Hitlers heimlichen Sohn vor den Nazis in Sicherheit bringen soll - ist die Wiederbegegnung mit einer fortgesetzten, unglaublichen Geschichte. Die Nazi-Zeit als eine Agenten-Geschichte zu erzählen und dem schlimmsten Terror der Menschheitsgeschichte etwas Thriller-haftes abzugewinnen, ist nach wie vor ein Wagnis. Im ersten Roman ist Jörg Isringhaus das souverän gelungen; in der Fortsetzung beginnt er damit virtuos zu spielen.

Die Handlungsorte? Natürlich Berlin, auch Görings Burg Veldenstein, in der sich eine blutgetränkte Befreiungsaktion abspielen soll; aber wir folgen den Figuren und ihren Schicksalen auch in die Straßen von Buenos Aires und die Hölle des brasilianischen Dschungels am Rio Jary. Was für ein weites Panorama! Und wie kunstvoll miteinander verknüpft sind die einzelnen Handlungsstränge!

Dabei greift Jörg Isringhaus auf seine bewährte Dramaturgie zurück, das ganze spektakuläre Szenario an einer historisch beglaubigten Person zu entspinnen. Das war im ersten Buch der schwedische Unternehmer Birger Dahlerus, der 1939 tatsächlich in einer Art diplomatischem Alleingang versucht hatte, den nahen Weltkrieg doch noch zu verhindern.

Diesmal hat Isringhaus den SS-Mann und Geografen Otto Schulz-Kampfhenkel ausgegraben, der sich 1935 auf eine Expedition ins Amazonas-Gebiet begab und später Himmler abenteuerliche Invasionspläne für die drei Guyanas präsentierte - Gold- und Bodenschätze sowie neuer Lebensraum für das deutsche Volk waren das Argumentationsfutter. Mit seinem Dokumentations-Film "Rätsel der Urwaldhölle" sollte Schulz-Kampfhenkel sogar zu einiger Popularität gelangen.

Das alles hat es - so wahnsinnig dies neben all dem anderen Wahnsinnigen dieser Zeit auch klingt - wirklich gegeben. Jörg Isringhaus aber stellt dem Nazi-Forscher auf seiner Dschungelreise noch Heinrich Hansen an die Seite, eine erfundene Figur aus dem finsteren Reich der Psychopathen: Hansen, der unfähig ist, seine homosexuellen Neigungen zu leben und stattdessen seine Liebhaber in einem Furor aus Hass und Wut tötet. Hansen, der geborene Jäger, eine geschickte Mordmaschine, den der Dschungel verwandelt und ihn zu einem "weißen Indianer" werden lässt, wie ihn die Eingeborenen bald durchaus respektvoll nennen. Hansen, der nach seiner Rückkehr in Deutschland als Zeichen seines Wandels noch einen langen Zopf trägt, der sich Göring andient, SS-Offizier und schließlich zum lebensgefährlichen Gegenspieler von Krauss wird.

Das ist nur ein verhängnisvolles Duell von mehreren. Aber es ist das zentrale. Und es wird über fast 500 Seiten aus großer Distanz geführt und aus blutiger Nähe; in den Wäldern bei Potsdam und mit einem großen Showdown im Dschungel-Dorf des Amazonas-Stammes der Aparai; mit Pistolen und schnell wirkenden Frosch-Giften, mit Opfern und unerwarteten Rettern und Helfern wie dem jungen Indianer, dem die deutschen Expeditionsforscher ebenso albern wie arrogant den Namen Winnetou geben.

Eine Geschichte aus katastrophaler Zeit

Eine Geschichte also aus katastrophaler Zeit und von exotischen Schauplätzen. Doch kennt der Roman noch eine spannende Unterströmung, die alles unsichtbar zu begleiten scheint. Das ist die Frage, was Zivilisation ist und ausmacht. Was passiert, wenn die Wildnis uns in Frage stellt? Was ist brutaler und unmenschlicher: der Überlebenskampf im Dschungel oder das technisch-perfektionierte Massenmorden in Europa? Und was ist das Archaische in uns? In "Ein fremder Feind" lernt der Europäer vom Indianer, wird der Nazi von Juden und ein Agent von einem Kind gerettet. Wie schief doch unsere Weltbilder sind und wie verachtend die Vorstellungen von der scheinbaren Überlegenheit bestimmter Rassen.

Die Frage nach dem, was einen Menschen ausmacht und worin seine Würde ruht, wird in dem Roman natürlich nicht beantwortet. Solche Fragen werden ja nicht einmal offen gestellt. Aber all das wird uns in diesem Thriller, der 1935 mit einem Flugzeugabsturz im Dschungel beginnt und fünf Jahre später in einem mörderischen Duell auch wieder im Dschungel endet, als eine spannende Geschichte angeboten. Ein Zeitpanorama wird uns vorgestellt sowie die Psychogramme von Menschen, die alle eingeübten Verhaltensweisen abgelegt haben.

Das, was uns Jörg Isringhaus erzählt, hat sich so nicht abgespielt. Und in seinem Nachwort wird das Wahre vom Erfundenen getrennt und fein säuberlich unterschieden. Die Leistung und die Qualität des Romans aber ist es, dass er uns glauben macht, dass es so zumindest gewesen sein könnte. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass wir schon jetzt auf eine Fortsetzung gespannt sind.

(jco)