„Meeting Strangers“ im FFT in Düsseldorf: Nach der Geschichte herrscht kurz Stille

„Meeting Strangers“ im FFT in Düsseldorf : Nach der Geschichte herrscht kurz Stille

Im Forum Freies Theater (FFT) erzählen acht junge Migranten von ihrer Flucht nach Deutschland. Mit „Meeting Strangers“ fördert Theatermacher Ingo Toben die direkte Begegnung. Die Zuschauer müssen mitmachen.

Schwarze, halbdurchsichtige Wände ziehen sich wie ein Labyrinth durch den großen Raum des FFT-Juta. Dahinter kann man durch gedämpftes Licht verschwommen Menschen sitzen sehen. Leise dringen Stimmen durch das Labyrinth. Acht Jugendliche, die über ihre Fluchterfahrungen erzählen, sitzen in Separees und warten auf den nächsten Besucher, der sich für ein Gespräch auf dem freien Platz neben ihnen niederlässt.

Vielmehr als ein performatives Stück ist „Meeting Strangers“ von Ingo Toben eine Begegnung zwischen Performern und Zuschauern, und zwar eine längst überfällige. Toben gibt den jungen Migranten eine Stimme. Sie erzählen aus ihren Leben vor und auf der Flucht. Für den Zuhörer wird aus abstrakter Politik ein menschliches Schicksal. Anrührend und packend ist diese Form des Theaters. Sie verlangt auch vom Zuschauer Interesse an seinem Gegenüber. Belohnt wird man mit Geschichten und mit Einsichten, die man sonst nicht bekommt.

Der 21-jährige Fahd aus dem Nordirak wartet auf einem Autositz. Auf seinem Telefon zeigt er Fotos seines Dorfes und seiner Schulklasse. Schöne Zeiten seien das gewesen, erzählt Fahd. Denn er sei gerne zur Schule gegangen und habe die Klassengemeinschaft sehr gemocht. Als der IS auf das jesidische Dorf zumarschierte, floh die gesamte Bevölkerung vor dem sicheren Tod. Von vielen seiner Klassenkameraden fehlt bis jetzt jede Spur. Den Text hat Fahd mit Tobens Team anhand von Interviews zusammengestellt. Nach der Erzählung herrscht einige Sekunden Stille. Denn nun ist es am Zuhörer, das Gespräch weiterzuführen. Fahd antwortet bereitwillig auf alle Fragen. So erzählt er weiter von seiner Flucht, von zwei Jahren mit seiner Familie in einem vier Quadratmeter großen Zelt in einem Camp, von der nächtlichen, 1000 Dollar teuren Überfahrt nach Griechenland und seinem Weg nach Deutschland.

Nach zwei Jahren in der Sicherheit Deutschlands haben sich Fahd und seine Familie eingelebt. Und er kann endlich wieder zur Schule gehen. Später will er, so erzählt Fahd zum Schluss, eine Ausbildung zum pharmazeutisch-technischen Assistenten machen.

Ein Separee weiter sitzt Mohammad, ein syrischer Kurde. Seit mehr als sechs Jahren ist er in Deutschland. Auch er zeigt zuerst Fotos aus glücklichen und unbeschwerten Kindertagen. Und er erzählt von bangen Jahren im Krieg, die durch die Multiple-Sklerose-Erkrankung seines Vaters noch schlimmer wurden. Denn die Flucht über die Türkei war wegen der Krankheit nicht möglich. Nach einer Odyssee mit Aufenthalten an zahlreichen Flughäfen der Welt schafften es Mohammed und seine Familie nach Düsseldorf.

Über Verlust erzählt die 17-jährige Gulhan. Ihr jesidischer Groß­vater starb im vergangenen Jahr bei einem Angriff. Er war von seinem Dorf im syrischen Kurdistan auf den Weg ins Krankenhaus nach Aleppo. Von seinem Tod erfuhren Gulhan und ihre Familie durch das Internet, dort wurden Bilder des Toten geteilt. Auch wenn es schwer sei, darüber mit Fremden zu reden, so helfe es ihr auch, die Trauer zu verarbeiten, sagt Gulhan. Sie blickt voller Zuversicht in die Zukunft. Sie will nach der Schule Medizin studieren und so Menschen helfen.

Nach einer guten Stunden und aufwühlenden Unterhaltungen verlassen die Besucher den dunklen Raum wieder. Auf dem hellen und kargen Gang kommt vor allem ein Gedanke: Wie schön, dass diese Acht ihr Leben in Freiheit und Sicherheit verbringen können.