Senioren führen pfiffigen Struwwelpeter in Düsseldorf auf 

Theater im FFT : Senioren führen pfiffigen Struwwelpeter auf

Das Seniorentheater bringt ein Kinderbuch auf die Bühne. Eine gute Idee, denn wer kümmert sich in der materiell orientierten Leistungsgesellschaft vor allem um den Nachwuchs? Das tun die rüstigen Omas und Opas.

Der „Struwwelpeter“ ist die neue Produktion des „SeTa“ im Forum Freies Theater. Die Amateur-Gruppe, die 1989 von Ernest Martin und Wolfgang Caspar gegründet wurde, übt seit dreißig Jahren regelmäßig neue Stücke ein. Vermutlich haben die Senioren noch das berühmt-berüchtigte Pappbilderbuch in Händen gehalten, bevor es auf den Index antiautoritärer Erziehung gesetzt wurde. Es darf auch vermutet werden, dass sie angesichts des heutigen Terminologie-Wahns bei kindlichem Fehlverhalten die Köpfe schütteln.

Was bei ihren Proben mit der Regisseurin Kathrin Sievers herausgekommen ist, trägt deshalb auch den Untertitel „ein Erziehungscocktail“. Ein energischer weißer Teufel (Lis Gansweid) tritt zu Beginn vor das Publikum und kündigt eine Fachtagung zum Thema „Familie“ an. Hinter dem Teufel sitzen an langer Tafel die sechszehn Mitspieler, ähnlich den Aposteln beim „Letzten Abendmahl“. Dann geht es los mit dem Suppenkaspar und Paulinchen, dem Bösen Buben und Konrad und natürlich dem Zappelphilipp. Der ist schon lange in der Obhut von geschulten Pädagogen, weil er an dem Mode-Syndrom ADHS leidet. Selbst die Fachleute haben keine Lust, das Kürzel in seiner vollen Länge auszusprechen: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Jetzt sitzen sechs dieser Fachleute dem armen Knaben gegenüber, drangsalieren ihn und noch mehr seine Eltern mit Psycho-Sprech. Zum Schluss der quälend langen Therapiestunde werden Philipp, seine Eltern und das Publikum mit den Originalversen des Kinderbuchs und der Musik von Jonatan Fidus Blomeier belohnt.

Für den Hans-Guck-in-die-Luft hat sich Sievers, die auch die Textfassung schrieb, ein Phänomen der Jetztzeit einfallen lassen: den Dauer-Handynutzer: „Wenn der Hans zur Schule ging, stets sein Blick am Smartphone hing.“ In der Folge fällt Hans von der Brücke, und das Unglück nimmt seinen Lauf: „Hans im Wasser sinkt und wischt, bis sein Lebenslicht erlischt.“ Die Titelfigur des Buchs ist in dieser spielfreudigen Inszenierung ein Alt-Hippie mit Borderline-Syndrom. Welche zweite Rolle der Abend für den Darsteller Willi Hagemann noch bereithält, wird nicht verraten. Wohl aber, dass sich beim „systemischen Elterncoaching“ der Wunsch nach einem völlig anderen Kind herausstellt. Als wenn das so einfach wäre. Großer Applaus fürs pfiffige Amateurtheater.