Theaterregisseurin Liesbeth Coltof: „Die Jugend hat jedes Recht, wütend zu sein“

Theaterregisseurin Liesbeth Coltof : „Die Jugend hat jedes Recht, wütend zu sein“

Das Junge Schauspiel zeigt „Antigone“. Die griechische Tragödie hat viel mit unserer Gegenwart gemein, findet die Regisseurin.

Antigone riskiert ihr Leben. Sie will ihren toten Bruder Polyneikes beerdigen. Er hat zwar gegen die eigene Stadt Krieg geführt, darum soll er nach dem Willen des neuen Herrschers ohne Grab bleiben, den Hunden und Vögeln zum Fraß ausgesetzt. Doch Antigone hält dieses Gesetz für Unrecht. Sie wird ihren Bruder unter die Erde bringen, koste es, was es wolle. Am Ende wird der Streit zwischen ihr und dem Herrscher eine ganze Folge von Morden und Selbstmorden nach sich ziehen.

Ist das ein Stoff fürs Jugendtheater? Unbedingt, findet Liesbeth Coltof. Die niederländische Regisseurin hat am Jungen Schauspiel schon einmal einen schweren Stoff so eindringlich inszeniert, dass er Zuschauer jeden Alters tief bewegt hat. 2016 gewann „Der Junge mit dem Koffer“ dann den deutschen Theaterpreis „Der Faust“. Nun ist Coltof nach Düsseldorf zurückgekehrt, um eine griechische Tragödie für Jugendliche auf die Bühne zu bringen. „Wir erleben gerade in der ganzen Welt, dass junge Menschen aufbegehren und uns Älteren sagen, dass wir uns nicht gut um ihre Zukunft kümmern. Es gibt die Klimabewegung, die Antiwaffen-Bewegung in den USA“, sagt Coltof, „ich finde es sehr ermutigend, dass so viele junge Menschen sich wieder engagieren.“ Auch Antigone erkläre öffentlich, dass sie mit den Gesetzen der Alten nicht mehr leben kann. Sie halte sie für unmenschlich und nicht zukunftstauglich, deswegen begehre sie auf.

Sophokles’ Tragödie „Antigone“ ist für Coltof ein Stück über den Kampf einer jungen Frau gegen Machthaber, die sich korrumpiert haben. Darin liegt für sie der aktuelle Zugang. Außerdem findet sie es bemerkenswert, dass schon im griechischen Mythos eine Frau opponiert. Auch darin sieht sie eine Parallele zur Gegenwart. „Die aktuellen Bewegungen werden oft von jungen Frauen geführt“, sagt Coltof, „und zwar auf sehr klare, rationale, klug argumentierende Weise, während man Frauen doch immer unterstellt, sie seien gefühlig und schnell hysterisch.“

Coltof findet es auffällig, dass man Aktivistinnen wie Greta Thunberg ihre Emotionen vorwirft, wenn sie doch einmal zornig werden, während das bei Männern als Stärke interpretiert wird. Warum Mädchen wie Thunberg so viel Hass auf sich ziehen, erklärt die Regisseurin mit „Antigone“: „Wenn junge Menschen nach neuen Regeln verlangen, macht das den Alten Angst, weil sie Macht verlieren. Und wenn der Mensch Angst bekommt, wird er böse, so wie Kreon.“

Dieser Angst vor Machtverlust ist Coltof (65) auch in ihrer eigenen Theaterkarriere begegnet. Derzeit ist sie künstlerische Leiterin des Jugendtheaters Toneelmakerij in Amsterdam, arbeitet auch regelmäßig in Krisenregionen wie dem Nahen Osten und blickt auf 30 Jahre Theaterarbeit zurück. In dieser Zeit sei es oft von Vorteil gewesen, dass sie eine Frau ist. Männer hätten sie gern dabei haben wollen – ab und zu allerdings als hübsches Beiwerk. „Wenn ich früher in Theatersitzungen kam, saßen da 35 Männer, von jedem wurde ich zur Begrüßung geküsst. Drei Küsse von jedem, das waren über Hundert Küsse. Die Männer untereinander küssten sich nicht. Das war also nur an der Oberfläche freundlich, vor allem haben die Küsschen aus mir ein kleines Mädchen gemacht, das man nach Belieben herzen kann. Ich habe die Kollegen darum freundlich gebeten, entweder sich auch gegenseitig zu küssen oder es zu lassen.“

In Coltofs Inszenierung wird nicht nur Antigone von einer jungen Frau gespielt, sondern auch Kreon, der Herrscher, gegen den sie rebelliert. Das Regieteam will nicht den Geschlechterkampf in den Mittelpunkt rücken, sondern den Streit um die Sache. Coltof hat sich auch gefreut, dass sie im Ensemble des Jungen Schauspiels auf Darsteller unterschiedlicher Herkunft zurückgreifen kann. „In Holland ist das längst so“, sagt Coltof, „es geht im Theater immer um Repräsentation, Menschen sollen sich auf der Bühne wiederbegegnen. Wenn also das Publikum diverser wird, muss das auch für die Schauspieler gelten.“

Außerdem wird die Inszenierung mit Musik und Rhythmuselementen arbeiten. Coltof hat die Düsseldorfer Rapper Aylin Celik und Ugur Kepenek engagiert, um als antiker Chor aufzutreten. Die Künstler haben angeregt durch die antiken Passagen eigene Texte verfasst – und treiben die Inszenierung mit eigenen Beats voran.

Dass Antigones Rebellion nicht gut ausgeht, hat für Coltof nichts mit der Wirklichkeit zu tun. „Theater muss immer alles zu Ende führen, nur so kann es zeigen, wohin die Dinge führen, wenn man nichts unternimmt“, sagt sie. Immerhin sieht Kreon bei Sophokles am Ende ein, dass er seine Macht zu weit getrieben hat. „Wir Erwachsenen treiben es auch zu weit“, sagt Coltof, „auch unser Verhalten kostet Leben. Die Jugend hat jedes Recht, wütend zu sein.“