Von Düsseldorf-Bilk zur Bolker Straße: Als Unbeteiligter beim Karneval in Düsseldorf

Von Düsseldorf-Bilk zur Bolker Straße : Als Unbeteiligter beim Karneval in Düsseldorf

Düsseldorf-Bilk. Alles ist ruhig. Die Geschäfte sind geöffnet, der Dönermann raucht vor seinem Laden, das Blumenparadies an der Ecke dekoriert das Schaufenster neu, und die Leute stehen gelangweilt an der Straßenbahnhaltestelle. Nur ein Kind will nicht recht in die Szenerie passen. Puschelig, weiß, mit Flügeln. Ein kleiner Engel an der Hand ihrer Mutter. Die erste Begegnung und eine Verheißung für das, was mich heute erwarten würde: Karneval in Düsseldorf.

Ich bin zugezogen. Dieser Karneval ist mein erster. Ich wohnte die letzten sieben Jahre in Marburg. Einer Stadt in der Mitte Hessens. Dort heißt der Karneval Fasching und findet eher in der Turnhalle der örtlichen Grundschule statt, als auf der Straße. Die einzige Berührung mit Fasching, der man nicht aus dem Weg gehen kann, sind die Angebote für Berliner beim Bäcker. Auch meine vorherigen Städte sind nicht unbedingt als Karnevalshochburgen bekannt. Und so ist dies meine erste närrische Zeit überhaupt. Ich kann nicht sagen, dass ich mich darauf gefreut hätte. Musste ich mich doch zum ersten Mal entscheiden, ob ich jetzt Karnevalsmuffel bin oder nicht. Diese Frage stellte sich bis jetzt noch nicht.

Aber hier kommt man daran nicht vorbei. Das habe ich schon am Donnerstag bemerkt. Auf der Arbeit. Überall Kostümierte und ab 11.11 Uhr Karnevalslieder im Betriebsrestaurant. Und doch ist jetzt noch alles ruhig. Hier in Bilk. Bin ich vielleicht doch am falschen Tag los? Gestern konnte ich auch recht unbehelligt in der Altstadt noch ein neues Objektiv besorgen.

Aber je näher ich der Altstadt komme, desto höher die Dichte an strubbeligen Bären, schwankenden Matrosen, frechen Nonnen und deformierten Früchten. Doch nicht falscher Tag. Ich bin nicht verkleidet. Aber bewaffnet. Bewaffnet mit dem Werkzeug der Distanz: meinem Fotoapparat. Ganz ohne Distanz habe ich mich nämlich nicht aus dem Haus getraut in dieses Karneval. Ich verstecke mich nicht hinter der Kamera, aber ich kann den Ausschnitt verkleinern. Ich zücke sie schon in der Bahn.

Aussteigen an der Heinrich-Heine-Allee und gleich mittendrin. Jetzt kann ich mich nicht mehr verstecken, Ich werde vom Zug der bunten munteren Masse mitgezogen. Elvis trinkt Bier, Lara Croft rosa Sekt. Ich bin nüchtern und merke schon fünfzehn Minuten später, dass das der Fehler ist. Bis dahin knipse ich drauf los, fasziniert von den vielen lachenden Gesichtern, geschminkten Menschen, verkleideten Leuten. Und muss doch zunächst flüchten. Vor dem Regen, denn es gießt in Strömen. Ich stelle mich unter und wundere mich darüber, dass ich da wohl der einzige bin. Schminke verläuft, aber die Stimmung will sich bei niemandem dem Wetter anpassen. Sollte diese Fröhlichkeit vielleicht doch echt sein?

Ist sie, das merke ich, als ich trotz Regen in die Bolker Straße einbiege. Ein buntes Treiben, was die äußerlichen Bedingungen völlig ignoriert. Regen egal. Kalt egal. Karneval Helau.

Ich knipse weiter, werde angesprochen, bekomme meine erstes Alt in die Hand gedrückt. Es wird posiert, ich werde gefragt, wo die Bilder veröffentlich werden. Kein einziger abschätziger Blick wegen meiner fehlenden Verkleidung, wegen meiner Distanz. Ich unterhalte mich, werde in Unterhaltungen einfach eingebunden, es geht immer schnell um mehr, als nur Karneval. Man lernt sich kennen und geht wieder auseinander. Auf Bolker werden wir zu einer Masse. Ich werde auch immer lustiger. Und das liegt nicht nur an den drei Alt, die ich jetzt schon getrunken habe, trinken musste. Bisweilen gröhlend, bisweilen leise. Viele Blicke, einige drehen sich weg, wollen nicht fotografiert werden. Ich respektiere das. Viele flirten mit der Kamera, posieren, freuen sich, dass jemand ihre Kostümidee honoriert. Hier ist alles und noch viel mehr. Für mich als Fotografen ein Traum.

Ich bin mittendrin und doch nur Zuschauer. Ganz warm werde ich trotz Bier und netter Menschen nicht. Fühle mich wie Thomas Mann in Los Angeles: fasziniert und doch nicht ganz dort, wo ich sein möchte.

Es wird langsam dunkel und da ich nicht gerne mit Blitz arbeite, hat es keinen Sinn mehr zu fotografieren. Ich hole mir noch ein Alt und setze mich für einen Moment an die Rheintreppe. Ich beobachte einige Gruppen ausgelassener Jugendlicher, die zwar verkleidet sind, aber dennoch das Spiel spielen, was Jugendliche schon immer gespielt haben, ob an Karneval oder nur am Wochenende. Ich lächele in mich hinein. Sie sind wie ich, mitten in Gesellschaft und doch in ihrer eigenen Welt.

Aber so wie Jugendliche irgendwann Erwachsen werden, sich mehr und mehr ihren Platz in der Gesellschaft suchen, so nehme ich mir ebenfalls vor, nächstes Mal zwar nicht die Kamera zuhause zu lassen, aber mir, zum ersten vorsichtigen Ausprobieren, eine rote Nase zu besorgen.

Auf dem Heimweg am Rhein entlang resümiere ich. Karneval in Düsseldorf ist nicht so schlimm wie ich dachte. Die Bolker Straße finde ich an normalen Wochenenden anstrengender. Irgendwie sympathisch diese verkleideten Menschen. Und der Spaß ist echter, als ich gedacht hätte.

Aber auch, wenn ich weder mittendrin noch wirklich dabei war, so weiß ich, dass ich mich morgen wieder dem bunten Treiben nähern werde.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Karneval in Düsseldorf in schwarz-weiß

(rr)
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