Rosenmontag in Düsseldorf: Na endlich, er kütt - d'r Zoch von vorn

Rosenmontag in Düsseldorf : Na endlich, er kütt - d'r Zoch von vorn

Vorfreude ist nicht immer die schönste, aber immer die erste Freude beim Zug. Wenn die Plastiktüten noch nicht mit Kamelle gefüllt sind und am Horizont nur die Polizeiwagen zu sehen sind, hält der Tag noch alle Möglichkeiten bereit.

Vorfreude ist bei einem Rosenmontagszug auch nur ein anderes Wort für Bonbonsehnsucht. Oder Schunkelerwartung. Oder Hoffnung, die noch nicht enttäuscht worden ist. Vorfreude ist die schönste Freunde, so lautet ein olles Sprichwort. Für einige ist das an diesem Tag der Fall, für andere ist es bloß die erste Freude. Je nachdem, wo man steht, was man will und was man erwartet.

Der nächste Blick sorgt bereits für mehr Karnevalsgefühle. Foto: Schaller,Bernd (bs)

Die Vorfreude auf den Rosenmontagszug beginnt nicht erst für den, der seinen Platz am Straßenrand gefunden hat. Für manche hat sie schon im Vorjahr am Rosenmontag begonnen, unmittelbar nachdem der letzte Wagen vorbeigezogen ist. Für andere morgens, als sie sich in das Krokodilskostüm gezwängt und mit grüner Farbe gemalt haben. Für wieder andere beginnt sie auf dem Weg zum Rosenmontagszug, in der U-Bahn, im Auto. Wenn sie den ersten anderen Verkleideten sehen oder zum ersten Mal ein Karnevalslied hören.

Die erste Kapelle ist im Anmarsch. Foto: Schaller,Bernd (bs)

Wann auch immer die Vorfreude beginnt, der Teil, der danach folgt, ist für alle gleich. Er besteht ausschließlich aus Warten. Weil kaum jemand die Nerven, das Wissen und die Lust hat, unmittelbar vor Zugbeginn aufzutauchen. Väter sagen zu ihren Söhnen: "Wenn du alle fünf Sekunden fragst, dann geht es auch nicht schneller." Sie sagen zu dem Nachwuchs, der überhaupt keine Lust auf Karneval hat: "Nur noch drei Stunden, dann können wir gehen."

Dazwischen steht nur noch der Närrische Schutzmann. Foto: Schaller,Bernd (bs)

Weil die wenigsten es aushalten, einfach nur zu warten, beschäftigen sie sich. Sie tippen was ins Handy, sie essen Würstchen, sie trinken Bier, sie verteilen Brötchen, sie fotografieren sich, sie fotografieren andere, sie tanzen, sie schunkeln, sie laden die Pistole. Sie achten darauf, dass ihre Kinder keinen Quatsch machen. Sie fragen einen Polizisten, auf welcher Seite der Straße der Zug dann fährt. Sie fachsimpeln, wo man sich am besten hinstellt: "Hinten in der Stadt ist es schon rappelvoll. Früher war ich immer in Bilk, da werfen sie schon gar nichts mehr." Pippi Langstrumpf bringt ihren Becher zum Mülleimer. "Noch sind wir ordentlich", sagt sie zu ihrer Freundin. Sie diskutieren, ob Veganer Bier trinken dürfen.

Sebastian Wais ermöglicht seinem Sohn Konrad einen besseren Blick. Foto: Schaller,Bernd (bs)

Und in regelmäßigen Abständen wenden sie ihren Blick nach rechts oder links, um zu sehen, ob am Ende der Straße nicht doch schon der erste Wagen zu sehen ist. Das machen vor allem die Kinder, für die dieser Tag die große Gelegenheit ist, kostenlos Süßwaren zu beschaffen, für die sonst das Taschengeld nicht reicht. Sie gucken selbst dann, wenn der Zug sich noch gar nicht in Bewegung gesetzt hat.

Die kleine Aro (rechts) wartet mit Mutter und Schwester auf die ersten Kamelle. Foto: Schaller,Bernd (bs)

Nicht allen ist die Vorfreude anzusehen. Für die einen ist Vorfreude die Zeit vor der Freude, für die anderen ist es eine Freude vor der eigentlichen Freude. Wie oft springt die Ampel noch um? Wie oft kommt noch die Straßenbahn vorbei?

Sara (links) und Steffi haben schon gute Laune, bevor der erste Wagen vorübergezogen ist. Foto: Schaller,Bernd (bs)

So überbrücken alle auf eine andere Weise die Wartezeit, bis irgendjemand sagt: "Da blinkt auf jeden Fall irgendwo was." Und was da blinkt, das sind die Blaulichter der Polizeiwagen, die den Zug anführen, um Platz zu schaffen. Die Kinder halten schon mal die Plastiktüten und Stoffbeutel offen vor sich hin und sie gucken zu gleichen Teilen Richtung Zug und Richtung Bonbonland in ihren Gedanken.

Laura-Alina Blüming sieht in die Ferne. Tut sich da etwa was? Foto: Schaller,Bernd (bs)

Wann die Vorfreude endet, ist für jeden unterschiedlich, weil der Zug für jeden zu einem anderen Zeitpunkt beginnt. Auf jeden Fall nicht mit den Polizeiwagen. Nicht mit dem grünen an der Spitze, nicht mit den drei blauen, die folgen und auch nicht mit dem schwarzen Mercedes. "Helau" wird trotzdem schon gerufen. Das erste, was an Karneval erinnert, sind die Trecker der Zugleitung, gleich darauf der Närrische Schutzmann und die erste Kapelle. Einige Kindergesichter, vorhin noch voller Hoffnung, werden schon wieder länger. Wann fallen denn die ersten Kamelle vom Himmel? Auch die Männer auf der Kanone werfen nichts. Dann geht alles ganz schnell, die Fußgruppe der Düsseldorfer Bürgerwehr, der erste Wagen mit dem Kinderprinzenpaar der Bürgerwehr, der Kölner Jürgen Becker auf dem Wagen des Zugleiters. Endlich regnet es vom Himmel.

Man könnte meinen, dass an dieser Stelle die Vorfreude endet. Das stimmt nicht. Das stimmt zum Beispiel nicht wegen der Kinder, die jedem Wagen entgegenschauen, als habe es die anderen nicht gegeben. Entweder mit bangem Blick, ob sie denn endlich auch was abkriegen, oder mit großer Zuversicht. Was nicht unbedingt mit dem Füllstand des Beutels zu tun hat. Es gibt Kinder, denen selbst eine Halbjahresration Plombenzieher in der Tüte noch kein Grinsen ins Gesicht zeichnet. Jungs, Ihr seid gemeint. Die Vorfreude endet auch deshalb nicht, weil für einige der Karnevalszug nur die Vorfreude auf die Stunden danach steigert, auf das Feiern mit Freunden, das Anbandeln in den Kneipen mit bisher Fremden. Halbstarke, Ihr seid gemeint.

Die Vorfreude endet aber auch deshalb nicht, weil für die, die sich am hinteren Teil der Strecke aufgestellt haben, der Zug noch gar nicht begonnen hat. Der Zug beginnt jede Sekunde neu, auch noch vorm Bilker Bahnhof. Während für die Teilnehmer der Zug dort endet, geht es für die Besucher dort erst gerade los. Während die einen schon mal gähnen, noch ein letztes Mal Helau rufen, noch ein letztes Mal in den Kamellebeutel greifen, erleben die Besucher am Ende des Zugweges alles zum ersten Mal. Bis sie alles zum letzten Mal erleben, werden noch zwei Stunden vergehen. Und die Leute werden zur Seite blicken und hoffen, dass da da noch was um die Ecke biegt. Erst dann endet auch für den letzten die Vorfreude.

(RP)
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