In Litauen lohnt sich ein Besuch der Kurischen Nehrung

Kurische Nehrung: Die Tür zum Paradies

In Litauen gibt es einiges zu entdecken – die Städte Vilnius, Kleipeda und Kaunas zum Beispiel. Besonders lohnt sich aber ein Besuch der Dünen bei Nida.

Wenn die litauische Hafenstadt Kleipeda feiert, schlendern gefühlt alle 160.000 Einwohner durch die Straßen. Mittendrin ziehen wir – meine Frau, unsere beiden Kinder und ich – unsere Trolleys, während die Rucksäcke bei 30 Grad an unseren Rücken kleben. Endlich finden wir ein Taxi. Der Fahrer legt sein Smartphone vor den Taxameter, und der scheint einen Cent pro gefahrenen Zentimeter zu berechnen. Als ich den Fahrer darauf hinweise, sagt er: „This is a VIP-Taxi.“ Horrorurlaub Litauen? Nein. Es ist unser letzter Tag, aber es ist der einzige, an dem alles schiefgeht.

Rückblick: Wir befinden uns auf dem Sonnendeck der Fähre der Linie DFDS, auf der wir in einer Vierbettkabine geschlafen haben und die knapp 20 Stunden von Kiel nach Litauen braucht. Wir lesen, spielen Uno und lassen uns immer wieder von der sonnenbeleuchteten Ostsee verzaubern.

Unsere ersten beiden Stationen sind Klaipeda und Kaunas, die zweitgrößte Stadt Litauens. Beiden Städten ist gemeinsam, dass sie knapp 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch immer Städte im Umbruch sind. Renovierte Fassaden stehen in Steinwurfweite zu verrotteten Bauten aus der Sowjetzeit und auch manch ein Linienbus scheint aus dieser Zeit zu stammen.

Litauen macht es den Besuchern leicht: In den Restaurants gibt es leckere Kartoffelgerichte, das litauische Bier schmeckt hervorragend, alles ist recht günstig und das Bezahlen ist praktisch – in Litauen zahlt man mit dem Euro –, die Altstädte sind schnuckelig und die Lage der Städte ist spektakulär. Von Klaipeda schaut man auf das nördliche Ende der Kurischen Nehrung. Somit liegt die Stadt sowohl am Haff, einem gigantischen Binnengewässer, als auch an der Ostsee. Kaunas wiederum liegt an der Nemudas (deutsch: Memel) und der Neris, und genau im Dreieck, das durch den Zusammenfluss beider Flüsse entsteht, befindet sich die Altstadt.

Von Kaunas fahren wir mit dem Zug nach Vilnius, der Haupstadt, in der knapp 600.000 Menschen leben und damit knapp ein Fünftel aller Litauer. Dort kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Altstadt, seit 1994 Unesco-Kulturerbe, glänzt vor Sauberkeit, besticht durch unzählige Prachtbauten und enge Gassen, und sie bebt geradezu vor Leben. Von Vilnius fahren wir im Bus, in dem fast nur Litauer sitzen, sechs Stunden über Klaipeda nach Nida auf die litauisch-russische Kurische Nehrung. Dieser Landstrich ist tatsächlich nur ein Strich: Knapp hundert Kilometer lang und an einigen Stellen nur einen Kilometer breit, auf der einen Seite die Ostsee, auf der anderen Seite das Haff.

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Nida, ein Ort mit 2000 Einwohnern, kennen die Thomas Mann-Experten, weil Thomas Mann hier ein Ferienhaus besaß, das man heute besichtigen kann. Man geht durch einen Pinienwald, den man eher am Mittelmeer vermuten würde, in Richtung Strand. Als wir uns ihm am ersten Tag nähern, läuft meine Tochter los und bleibt plötzlich wie erstarrt stehen. Vor uns erstreckt sich, so weit das Auge reicht, der hellste und sauberste Ostseestrand, den ich jemals gesehen habe. Schon in diesem Moment verstehe ich, warum die gesamte Kurische Nehrung Weltkulturerbe ist.

Durch die Wälder führt ein Radweg, von dem aus man nach Lust und Laune Abstecher machen kann: Auf der Haffseite liegen die Orte, auf der Ostseeseite befinden sich die Strände. Berühmt ist die Kurische Nehrung aber vor allem für ihre Dünen. Die Parnidis-Düne grenzt direkt an Nida und ist ein Naturwunder. Durch den Pinienwald geht es hinauf auf 50 Meter und von dort gelangt man durch Dünensand hinunter bis ans Wasser. Meine Tochter springt über den Sand, und ich schaffe es kaum hinterher. Da die anderen Touristen, die sich mit Bussen zum Aussichtspunkt fahren lassen, keine Lust auf den beschwerlichen Weg durch den Sand haben, sind wir schon bald allein. „So muss es in der Wüste sein“, sagt meine Tochter und ich nicke.

Es ist so gigantisch, dass ich mir einen Tag später den Wecker auf fünf Uhr stelle, um während der Morgendämmerung von der Düne aus den Sonnenaufgang zu beobachten und anschließend durch die Wälder zu streifen. Ich hoffe darauf, einen Elch zu sehen. Und irgendwann raschelt es tatsächlich verdächtig im Gebüsch. Und dann… kreuzt eine Wildschweinfamilie meinen Weg. Ich habe ein wenig Angst, aber die Familie ignoriert mich. Das macht das Reh nicht, das plötzlich vor mir steht. Es sieht mich, zuckt zusammen, gibt einen undefinierbaren Schrei von sich und rennt davon.

Wieder auf der Düne, laufe ich fast gegen ein Denkmal. Ein wandernder Mensch. Ich schüttele den Kopf, denn der französische Philosoph Jean-Paul Sartre (1905-1980), der im Jahr 1965 in Nida war und dessen Philosophie eine gewisse Bedeutung für mich hat, wandert mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen überlebensgroß durch den Sand. Auf dem Sockel befinden sich mehrere Zitate, unter anderem Folgendes: „Ich fühle mich, als würde ich an die Tür zum Paradies klopfen.“

Und genauso fühle ich mich auch.

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