Interview mit türkischem Tourismusgewerkschafts-Chef „Das ist Ausbeutung“

Interview · Die türkische Tourismus-Branche bereitet sich auf die Sommersaison vor. Antalya und andere Küstenregionen erwarten einen Rekordansturm von 60 Millionen Besuchern. Der Boom hat auch Schattenseiten, sagt Mustafa Yahyaoglu, Vorsitzender der Tourismus-Gewerkschaft Dev-Turizm.

 Postkarten-Panorama: Alanya mit dem "Roten Turm" (Symbolbild).

Postkarten-Panorama: Alanya mit dem "Roten Turm" (Symbolbild).

Foto: dpa-tmn/Tourismusministerium Türkei

Herr Yahyaoglu, warum ist Urlaub in der Türkei billig?

Yahyaoglu Ein Grund ist die Schwäche der türkischen Währung. Ein Euro entspricht derzeit rund 35 Lira, ein Europäer bekommt also für 1000 Euro rund 35.000 Lira - das ist mehr Geld, als viele Türken in einem Monat zu sehen bekommen. Der zweite Grund ist, dass die Türkei sich vor Jahrzehnten zum internationalen Unternehmer-Paradies der billigen Arbeitskraft erklärt hat, um Investitionen anzulocken. Beim Putsch von 1980 wurden die Gewerkschaften verboten und die Arbeiterrechte suspendiert, um die Arbeitskraft der Türken billig zu verkaufen. Später wurden Gewerkschaften zwar wieder zugelassen, aber mit einem Gewerkschaftsgesetz geknebelt, das Gewerkschaftsarbeit bis heute fast unmöglich macht. Und wo es keine Gewerkschaften gibt, können die Arbeiter ihre Rechte und Löhne nicht durchsetzen.

Wie sind die Löhne im Tourismussektor?

Yahyaoglu Rund 60 Prozent der Beschäftigten arbeiten für den Mindestlohn oder kaum mehr, also den aktuellen Mindestlohn von monatlich 17.000 Lira (490 Euro). Und das bei den Lebenshaltungskosten in Antalya, wo der Ukraine-Krieg die Mieten so hochgetrieben hat, dass wir als Gewerkschaft die Mieterhöhungen für unser Büro zuletzt nicht mehr verkraften konnten und umziehen mussten.

Wer arbeitet im Tourismus?

Yahyaoglu Allein in Antalya arbeiten 1,35 Millionen Menschen im Tourismus. Das kann die Provinz nicht aus der eigenen Bevölkerung stemmen, deshalb kommen die meisten Beschäftigten im Tourismussektor aus allen Provinzen der Türkei – und dahin kehren sie nach Ende der Saison zurück. Sie sind hier in Antalya nicht gemeldet und bleiben auch nicht hier; sie kommen nur für die Saison im Sommer, um ihr Brot zu verdienen.

Wie kommen sie damit über den Winter?

Yahyaoglu Sie kommen damit nicht über den Winter. Das Geld, das sie im Sommer verdienen, liegt unterhalb der Armutsgrenze – der Mindestlohn in der Türkei liegt derzeit unter der Armutsgrenze. Davon kann man nichts zurücklegen, deshalb kommen die Tourismus-Beschäftigten am Ende der Saison mit leeren Taschen in ihre Dörfer zurück. Dort leben sie auf Pump, reizen ihre Kreditkarten aus, bezahlen die Schulden von einer Karte mit der nächsten Karte und hangeln sich so durch bis zum Beginn der neuen Saison – da nehmen sie wieder die Arbeit auf in den Strandhotels von Antalya, um die Schulden abzubezahlen. Das ist ein Teufelskreis.

Bekommen sie kein Arbeitslosengeld?

Yahyaoglu Ein Arbeiter muss in den letzten drei Jahren 600 Tage lang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben, um Arbeitslosengeld bekommen zu können. Das wären 200 Tage, also fast sieben Monate im Jahr – aber so lange wird man im Tourismus nicht beschäftigt. Von Mai bis September, länger kann man in dem Sektor nicht arbeiten. Obendrein muss man 120 Tage beim letzten Arbeitgeber vollendet haben, um Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben – das sind vier Monate, aber die durchschnittliche Beschäftigungszeit bei einem Betrieb im Tourismussektor liegt bei 3,5 Monaten. Und schließlich entlassen viele Arbeitgeber ihre Beschäftigten nach der Saison nicht, sie stellen sie nur „frei“ bis zur nächsten Saison. Da werden sie nicht bezahlt, können aber auch nicht zum Arbeitsamt gehen, denn offiziell sind sie noch beschäftigt. Auf diese Weise kann ein Tourismus-Angestellter lebenslang in die Arbeitslosigkeitsversicherung einzahlen und bekommt doch niemals Arbeitslosengeld. Er steckt in der Falle.

Wie sind die Beschäftigten während der Saison in Antalya untergebracht?

Yahyaoglu Gehen Sie in ein Hotel zum Vordereingang hinein, so kommen Sie in einen Palast; gehen Sie durch den Personaleingang, dann stehen Sie in einem Viehstall. Da läuft das Abwasser über den Flur, die Beschäftigten sind in Quartieren von zwei bis acht Mann pro Zimmer untergebracht und teilen sich die Waschgelegenheit – und das im Fünf-Sterne Hotel. Nicht alle, muss ich sagen – ich habe schon Vier-Sterne-Hotels mit ausgezeichneten Wohnheimen für ihre Angestellten gesehen, bis hin zum eigenen Sportraum. Aber in den meisten ist die Unterbringung für das Personal miserabel, und das Essen auch.

Was unternehmen die Gewerkschaften dagegen?

Yahyaoglu Uns sind die Hände gebunden, denn wir erreichen den notwendigen Organisationsgrad nicht. Sobald ein Arbeiter der Gewerkschaft beitritt, sobald der Arbeitgeber das mitkriegt, fliegt der Arbeiter raus. Die Arbeitgeber wollen keine Gewerkschaft, sie wollen billige Arbeiter. Wenn der Arbeiter vor Gericht geht, bekommt er recht, aber das nützt uns nichts, denn der Arbeitgeber zahlt ihm dann einfach eine Entschädigung und ist ihn los - und die Gewerkschaft bleibt draußen. Im Tourismus haben wir einen Organisationsgrad von 3,5 Prozent, das ist der zweitniedrigste in der Türkei – nur im Bau ist es mit 2,6 Prozent noch schlimmer.

Was unternimmt das Tourismusministerium gegen diese Zustände?

Yahyaoglu Unser Tourismusminister ist selbst Hotelbesitzer und Tourismus-Unternehmer. Minister Mehmet Nuri Ersoy besitzt mehrere große Hotels in Antalya, eine Reiseagentur und eine Fluggesellschaft. Was soll ich da noch sagen? Normalerweise sollte eine Regierung neutral sein zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zumindest sollte ein Technokrat das Ministerium leiten oder ein Bürokrat. Aber in der Türkei setzt man einfach einen Arbeitgeber ins Ministerium, da kann von Ausgleich natürlich keine Rede sein.

Der Minister ist seit sechs Jahren im Amt, haben Sie einmal mit ihm gesprochen?

Yahyaoglu Wir haben es oft versucht, aber er lehnt immer ab. Wir haben auch schon versucht, in seinen Hotels gewerkschaftlich zu organisieren, aber unsere Mitglieder sind gefeuert worden.

Wie sehen Sie die Zukunft des Tourismus in der Türkei?

Yahyaoglu Wir sehen in dem Sektor eigentlich große Chancen für die Türkei. Wir haben hier Kultur, wir haben Geschichte, wir haben über eine Million arbeitslose Universitätsabsolventen, die in einem diversifizierten Tourismus beschäftigt werden könnten. Stattdessen macht der türkische Tourismussektor immer nur Sand, Strand und Sonne, vier Monate im Jahr mit möglichst billigen Arbeitskräften. Qualifizierte Arbeitskräfte bleiben nicht hier, sie gehen ins Ausland: Wenn sie eine Fremdsprache können, verdienen sie auf einem Kreuzfahrtschiff 3500 Euro plus Trinkgelder, in Bulgarien oder Ägypten schon 2500 Dollar – das entspricht 80.000 bis 120.000 Lira, die sie ihrer Familie heimbringen können, statt in Antalya mit 20.000 Lira nicht bis zum Monatsende zu kommen.

Erholen sich europäische Urlauber auf dem Unglück der türkischen Tourismus-Beschäftigten?

Yahyaoglu Ja, natürlich. Dass sie billig Urlaub machen wollen, ist ihnen nicht zu verdenken. Aber so ist der Kapitalismus: Das ist Ausbeutung.

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