Migräne — So entkommt man der Schmerzhölle

Migräne : Warum Dreiviertel der Patienten unnötig leiden

Migräne oder Spannungskopfschmerzen sind unerträglich. Viele, die darunter leiden, greifen selbst zu Medikamenten, die den Dauerschmerz erträglich machen. Das aber hat seine Tücken. Denn Kopfschmerzen können auch durch ein zu häufiges Einnehmen von Schmerzmitteln entstehen. Schockierend häufig könnte man laut neuer Forschungsergebnisse Kopfschmerzen anders in den Griff bekommen.

Rund eine Million Deutsche leiden unter chronischer Migräne. An mehr als 15 Tagen, hindert sie ein unerträglicher Kopfschmerz daran, einen klaren Gedanken zu fassen. Viele helfen sich selbst damit, möglichst frühzeitig ein Schmerzmittel einzunehmen. So, ihre Hoffnung, werde das Pochen im Kopf nicht unkontrollierbar und ein halbwegs normaler Tag möglich. Denn Migräne knockt die Betroffenen oft dermaßen aus, dass sie gewöhnliche und alltägliche Aufgaben nicht mehr meistern können. Aus diesem Grund zählt die WHO die chronische Krankheit zu den zehn Erkrankungen mit der stärksten funktionellen Behinderung weltweit.

Erst harmlose Selbsttherapie, dann Abhängigkeit

Doch vielfach geht der Plan von der Selbsttherapie nicht auf und endet in einer Abhängigkeit. Der unkontrollierte Gebrauch rezeptfreier Arzneimittel auf der Suche nach der Erlösung von Kopfschmerzen und Migräne kann eine gefährliche Spirale in Gang setzt, die zum gefürchteten Schmerzmittelkopfschmerz führt. In mehr als Dreiviertel der Fälle chronischer Migräne oder Spannungskopfschmerz könnte ein Entzug das Problem lösen und die Patienten nachhaltig von ihren Schmerzen befreien, betonten europäische Neurologen bei einem Kongress in Istanbul. Denn der Schmerz, den die Betroffenen spüren, ist durch die Einnahme von Schmerzmitteln auf eigene Faust hervorgerufen. Indem sie versuchen, das Pochen und Drücken aus dem Kopf zu bekommen, steuern sie in die nächste Hölle, aus der sie nur durch körperliche Entgiftung wieder hinauskommen.

Denn das Gehirn stellt sich auf die Einnahme der medikamentösen Gegenmittel ebenso ein, wie die körpereigenen Schmerzregler. Der Körper gewöhnt sich an den chemischen Kopfschmerzstopp mit der Folge, dass die betäubende Dosis immer höher ausfallen muss. Könnten die Betroffenen aus eigener Kraft diesen Teufelskreis durchbrechen, wäre ein großer Teil von ihnen nach Einschätzung der Neurologen schmerzfrei.

Wie schnell für chronisch Geplagte der Weg aus dem Schmerz zurück in ein normales Leben führen kann, zeigt eine Studie der Universität Pavia. Im Rahmen einer betreuten Therapie konnte die Kopfschmerzdauer der Patienten, die zuvor auf Selbstmedikation zurückgegriffen hatten, innerhalb der ersten drei Behandlungsmonate mehr als halbiert werden, parallel dazu nahm die Intensität der Kopfschmerzen und die Dosis der monatlichen Analgetika, also Schmerzmittel, ab.

Zeichen von Kopfschmerzen durch Medikamentenmissbrauch

Zeichen für Kopfschmerzen, die durch Medikamentenmissbrauch hervorgerufen sind, sind die zunehmende Häufigkeit und Schwere der Schmerzepisoden, obwohl mehr Mittel dagegen eingenommen werden. Schmerzen, die vormals episodisch vorgekommen sind, können — so ein weiterer Hinweis — dann als Dauerschmerz auftreten. Besonders Patienten, die schon im Kindesalter auf solche Arzneimittel angewiesen sind, tragen ein hohes Abhängigkeitsrisiko. Gefährdet sind daneben auch Menschen, die von verschiedenen Schmerzarten geplagt werden, zum Beispiel Migräne- und Spannungskopfschmerzen oder solche mit hohem Stresspotential.

Wenn anderen eine Kopfschmerztablette hilft, beginnt bei ihnen ein dumpfer, drückender Schmerz, der sich chamäleonartig dauernd verändert. Mal macht er sich auf beiden Schläfenseiten bemerkbar, dann wieder ist er nur in einer Kopfhälfte zu spüren. Während er zunächst kaum auszuhalten ist, wird er dann plötzlich erträglich. Das Gefährliche an der Situation: Wie alle Menschen, die chronischen Dauerschmerz erdulden müssen, sind die Patienten besonders anfällig, Depressionen zu entwickeln, ebenso wie Begleitsymptome zu denen Übelkeit, Sehstörungen oder Lärm- und Lichtempfindlichkeit zählen.

Spätfolgen: Geschwüre, Krebs und Nierenschäden

Der Schmerz, den die Patienten zu bekämpfen versuchen nimmt schleichend immer mehr Raum in ihrem Leben ein. Aus 15 Tagen mit Kopfschmerzen werden 20 Tage im mindestens zehnstündigen Schmerzdelirium, die die lebensfrohen Tage auffressen. Das Leben dreht sich so sehr um den Schmerz, dass mögliche Spätfolgen, die durch die regelmäßige Schmerzmitteleinnahme drohen, bei Seite geschoben sind. Doch sie sind gravierend.

Zu ihnen gehört die Gefahr gefährlicher Durchblutungsstörungen, auch Ergotismus genannt. Durch die Einnahme von Schmerzmitteln mit Ergotalkaloiden verengen sich die Blutgefäße derart stark, dass es zu Durchblutungsstörungen kommen kann. Die zeigen sich in kribbelnden Händen oder Füßen, Missempfindungen auf der Haut, Erbrechen oder Durchfall oder Verwirrtseinszuständen. Im äußersten Fall kann der Zustand des Betroffenen lebensbedrohlich werden und zu einem Herz- oder Atemstillstand führen. Diese Medikamente werden heute meist nur noch in der Kurzzeittherapie von chronischen Kopfschmerzen eingesetzt. Als böse Folge des Medikamentendauergebrauchs können sich außerdem Nierenschäden, Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre und auch Krebs zeigen.

So entkommt man der Schmerzhölle

Alleine von einer Schmerzmittelabhängigkeit weg zu kommen, ist kaum möglich. Denn einige Mittel können und dürfen nicht einfach von heute auf morgen abgesetzt werden. Zudem ist es für Schmerzpatienten sehr schwierig mit den Entgiftungseerscheinungen und Schmerzen alleine klar zu kommen. Aus diesem Grund sollte man sich einem Arzt anvertrauen und den Entzug unter ärztlicher Begleitung durchführen. Die Patienten werden in der Regel angehalten, ein Kopfschmerztagebuch zu führen, in dem sie eintragen wann sie welche Dosen welchen Medikaments eingenommen haben. Der eigentliche Entzug kann entweder ambulant oder in einer Klinik erfolgen. Unter Begleitung werden dort normale Schmerzmittel sofort abgesetzt. Nicht möglich ist das bei Medikamenten wie Codein oder Opium. Diese werden langsam ausgeschlichen. Alternativ bietet man den Patienten zur Überbrückung beispielsweise Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Naproxen an.

In einer Verhaltenstherapie bekommen die Patienten Hilfen dazu an die Hand, wie sie mit Schmerzen umgehen können, ohne in die alten Muster zurückzufallen. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, für einige Monate ein Antidepressivum einzunehmen.

Belastbare Zahlen zu den Erfolgen solcher Entgiftungsprogramme liefert eine Studie der Katip Celebi Universität in Izmir. 77 Prozent der Studienteilnehmer hatten zwölf Jahre nach dem Therapieprogramm nach wie vor keine medikamentenindizierten Kopfschmerzen mehr. Bei mehr als 20 Prozent konnten die Schmerzen um mehr als die Hälfte reduziert werden.

Hier geht es zur Infostrecke: Migräne – Das sind die Auslöser und Ursachen

(wat)