Krebs, Bandscheibe, Migräne: Der große Schmerzmittel-Report

Krebs, Bandscheibe, Migräne : Der große Schmerzmittel-Report

Egal, ob nach Operationen, durch schwere Krankheiten oder noch undiagnostiziert - Schmerzen machen vielen Menschen täglich das Leben schwer. Bei 12 Millionen Deutschen ist er gar chronisch. Lesen Sie hier, welche Schmerzformen es gibt, und welche Medikamente wann helfen.

Es pocht, zieht, reißt oder drückt: Schmerz kann viele Formen haben. Er setzt schlagartig ein, wenn wir zerstörerischen und gefährlichen Einwirkungen von außen ausgesetzt sind oder als alarmierende Empfindung, wenn Krankheiten im Körper wüten.

Pro Jahr werden bundesweit mehr als drei Milliarden Einzeldosierungen von Schmerzmittel allein über Selbstmedikation eingenommen. Rund 85 Prozent davon wegen Kopfschmerzen, so Prof. Dr. Hartmut Göbel, einer der führenden Schmerztherapeuten in Deutschland und Chefarzt der Schmerzklinik Kiel.

Rund 200 Millionen Packungen schmerzstillender Arzneimittel gehen im Schnitt jedes Jahr über den Apothekentresen. Viele davon sind frei verkäuflich und helfen bei leichten bis mäßigen Schmerzen, andere sind nur auf Rezept zu haben. Neben Kopfschmerzen, die die Deutschen als den häufigsten Grund für eine Einnahme nennen, sind es oft Zahnschmerzen und bei den Frauen Regelschmerzen, die die Toleranzgrenze überschreiten. Denn wie Schmerz empfunden wird, ist höchst individuell.

Doch nicht jeder nimmt sie ernst, sondern ignoriert sie, so lange es geht. Mit möglicherweise schlimmen Folgen: Denn der Schmerz brennt sich buchstäblich ins Gehirn ein. Mit der Folge, dass sich das Schmerzgedächtnis an den Schmerz auch dann erinnert, wenn er gar nicht da ist. Darum sollten sich Betroffene, frühzeitig an einen Arzt wenden und auf eine Schmerztherapie bestehen.

Denn in Anlehnung an einen Stufenplan, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1986 entwickelt hat, gibt es individuell angepasste Behandlungsansätze. Schmerzen aushalten müsste heute keiner mehr.

Bekannte Schmerzmittel auf Rezept

Migränekopfschmerzen sind heftig und dennoch ein Fall für Stufe eins des Schmerzmodells der WHO. Ebenso auch chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates, zu denen Arthrose, Osteoporose oder chronischer Rückenschmerz gehören.

Sie sollten rechtzeitig, also wenn der Schmerz beginnt, mit Arzneimitteln wie Paracetamol, Diclofenac oder Ibuprofen behandelt werden. Auch Metamizol, das zum Beispiel im Präparat Novalgin steckt, gehört dazu und wird vor allem bei krampf- und kolikartigen Schmerzen eingesetzt.

Die Wirkung macht den Unterschied

Es gibt sie zum Teil in Dosierungen, die frei verkäuflich in der Apotheke zu erhalten sind, hochdosiert gibt es sie allerdings nur auf Rezept. Diese Arzneien fallen alle - ganz gleich in welcher Dosierung — in die Gruppe der nicht-opioiden Schmerzmittel, auch Analgetika genannt. Sie blockieren biochemische Prozesse im Körper, die Schmerzen und Schwellungen sowie Entzündungen hervorrufen.

Opioide, wie sie mit Wirkstoffen wie Kodein, Tilidin — bekannt durch den Handelsnamen Valoron — oder Tramadol in der zweiten Stufe eingesetzt werden, wirken direkt auf das Schmerzzentrum im Gehirn. Sie entfalten ihre schmerzdämpfende Wirkung, indem sie auf Nervenzellen an den gleichen Bindungsstellen andocken wie die körpereigenen Schmerzhemmstoffe.

Die eigene Schmerzpolizei versagt aber bei starken Schmerzen oder chronischen Erkrankungen. Mit einer medikamentösen Gabe von Opioiden ist es möglich mittelstarke, starke Schmerzempfindungen dauerhaft gut zu kontrollieren. Sie sind allerdings verschreibungspflichtig, da einige unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Sie wirken bewusstseinsverändernd, und können sowohl rauschähnliche Zustände auslösen, aber auch Übelkeit oder Atemnot.

Morphin als Pflaster, Tablette und Co.

Verabreicht werden können diese Abkömmlinge des Morphins in unterschiedlichen Darreichungsformen wie Pflastern, Tropfen oder Tabletten. Ergänzend können dann Nicht-Opioide-Analgetika eingesetzt werden, die den schmerzdämpfenden Effekt verstärken.

Helfen bei Arthroseschmerzen zum Beispiel entzündungshemmende Antirheumatika nicht ausreichend, können sie mit schwach wirkenden Opioiden wie Valoron oder Tramundin ebenso kombiniert werden wie mit Schmerzmitteln der Stufe eins. Allerdings ist es sinnvoll, die Mittel zunächst zu testen, denn nicht in allen Fällen helfen sie wie gewünscht.

Schmerzspezialisten sind für früheren Einsatz von Opioiden

Das Stufenmodell, das den Einsatz dieser Therapeutika bei starken Schmerzen vorsieht, ist als zu starr umstritten. Kritiker bemängeln zudem, dass beim Einsatz von Medikamenten wie ASS, Diclofenac und Ibuprofen über einen längeren Zeitraum die Nebenwirkungen problematisch werden können und es häufiger zu Geschwüren oder plötzlichen und gefährlichen Blutungen kommen kann.

Aus diesem Grund sehen sie in ihnen nicht immer das Allheilmittel. Immer mehr Schmerztherapeuten sind satt dessen der Auffassung, dass man besser gleich zu schwach dosierten Opioiden greifen sollte, sagt die Schmerzambulanz des Uniklinikums Gießen. Die Opioide haben dagegen keine schädigenden Effekte auf Magen, Leber oder Nieren und bleiben auch bei Langzeittherapie, die im schlimmsten Fall ein Leben lang erfolgen muss, in gleicher Dosierung wirksam.

Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Darmträgheit lassen sich kontrollieren und verschwinden nach Aussage der Experten meist nach konstanter Einnahme und durch eine angepasste Ernährung mit vielen Ballaststoffen und gegebenenfalls verdauungsfördernden Medikamenten.

Sorge vor der Abhängigkeit begründet?

Viele Patienten, aber auch Ärzte haben Sorge vor einer Abhängigkeit, die aus einer solchen Therapie resultieren könnte. Bei einer sachgemäßen Verschreibung und Einnahme, so die Auffassung einer internationalen Expertenkonferenz, sei eine Sucht allerdings nahezu ausgeschlossen.

Sichergestellt wird das durch ein festes Einnahmeschema von Medikamenten, die verzögert, also retardiert, wirken. Dadurch ist ein immer gleich bleibender Wirkspiegel sichergestellt und die Betroffenen bringen das Arzneimittel nicht mit der Schmerzbefreiung in Zusammenhang.

Sorge Nummer zwei ist die Angst vor einer ständigen Benommenheit. Doch auch in dieser Angelegenheit beruhigen die Ärzte: Patienten, die ständig unter starken Schmerzen leiden, nehmen ihre Umwelt eingeschränkter wahr als solche, die vielleicht Morphium nehmen, aber gut eingestellt sind.

Schmerzmittel der Stufe drei wurden früher ausschließlich in der Palliativmedizin eingesetzt. Heute ist das anders geworden. Sie werden dann gegeben, wenn andere Schmerzmittel keine ausreichende Linderung erzielen.

Das kann nach Operationen der Fall sein, aber auch bei Bandscheibenvorfällen, chronischen Schmerzen oder in der Begleitung Sterbenskranker. Patienten mit schweren Krebserkrankungen im Endstadium profitieren von hochdosierten Medikamenten wie Morphin, Fentanyl, Buprenoprphin oder Oxycodon, ebenso wie schwer Lungenkranke COPD-Patienten.

Was Sie Ihren Chirurgen vor der OP fragen sollten

Grundsätzlich raten Experten dazu, bei Schmerzen offensiv nach Möglichkeiten der Linderung zu fragen. Vor allem nach Operationen leiden Patienten oft unnötig, sagt die Deutsche Schmerzliga.

Aus diesem Grund sollte man sich schon vorher erkundigen, wie die Schmerzbehandlung nach dem Eingriff aussieht und welche Mittel der Klinik zur Verfügung stehen.

Hier geht es zur Infostrecke: Das große Lexikon der Schmerzmittel

(wat)