Wetterumschwung, Migräne und Co. : Was uns alles Kopfschmerzen macht

Kopfschmerzen kennt beinahe jeder, und dennoch sind sie kein Normalzustand. Als Grippebegleiter, Katerkopfschmerz, bei Migräne oder sogar nach dem Sex können sie einem das Leben zur Hölle machen. Woher das mitunter unerträglich stechende oder pochende Gefühl kommt und wie Spezialisten dem Schmerz auf die Spur kommen, erfahren Sie hier.

Schmerztherapeut Prof. Arne May verbringt jeden Tag mit Kopfschmerzen. Allerdings quälen sie ihn in der Regel nicht selbst, sondern seine Patienten. In all seinen Berufsjahren hat er viele verschiedene Arten diagnostiziert und unzählige Personen nach ihren Schmerzempfindungen im Kopf gefragt.

"Mir sind nur vier Menschen weltweit begegnet, die dieses Gefühl gar nicht kennen", sagt der Leiter der Kopfschmerzambulanz der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Sie bilden eine Minderheit. Das zeigen auch epidemiologische Erhebungen, auf die sich die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) bezieht.

Etwa 70 Prozent der Bevölkerung gibt an, innerhalb eines Jahres mindestens einmal mit dem Schmerz im Kopf zu tun haben. Ein Massenphänomen also, das sich oft mit der einmaligen Einnahme eines leichten Schmerzmittels ausschalten lässt. Und dennoch sind Kopfschmerzen kein Normalzustand, den man ignorieren sollte, warnt Dr. Tim Hagenacker, Neurologe am Uniklinikum Essen. "Wer Schmerzen am Arm hat, der nimmt die auch nicht hin, sondern lässt sie ärztlich abklären", sagt der Experte für neuropathische Schmerzsyndrome.

Die Suche nach dem zutreffenden Schmerz unter über 230 möglichen Kopfschmerzarten scheint auf den ersten Blick wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wenn Spezialisten wie May und Hagenacker helfen möchten, den Schmerz in den Griff zu bekommen, dann hilft ihnen dabei in der Regel kein Urintest und auch kein Labortest. "Es gibt keine Methode, herauszufinden, was der Patient hat, außer der Anamnese und dem neurologische Befund", sagt May.

Bis kristallklar vor ihm liegt, was den Schmerz im Schädel verursacht, fragt er sich durch unzählige Möglichkeiten. Ist der Schmerz dumpf oder stechend? Ist er einseitig oder betrifft er den ganzen Kopf — vielleicht auch nur ein Auge? Tränt das Auge und läuft auch die Nase? Tritt der Schmerz schlagartig auf? — Das ist nur ein Ausschnitt aus all den Fragemöglichkeiten, die pfeilschnell und geordnet durch den Expertenkopf schießen. Auf der Suche nach der richtigen Fährte sind Lokalisation, Intensität, Dauer und Heftigkeit, der Schmerzcharakter — drückend, stechend oder pochend — oder Begleitsymptome wie Übelkeit oder Lärmempfindlichkeit von besonderer Bedeutung.

Entscheidend gefragt ist da auch der Patient. Nur aus seinen Puzzleteilen lässt sich das Gesamtbild zusammensetzen. Helfen kann dabei ein Kopfschmerzkalender, den unter anderem die DMKG zum Download anbietet. Darin notiert der Betroffene nicht nur Tag und Uhrzeit seiner Schmerzattacken, sondern auch mögliche Triggerfaktoren und was ihm geholfen hat. Eine solche Übersicht hilft nachher auch, die Wirksamkeit einer Therapie zu überwachen.

Wenn diese Faktoren zusammengetragen sind, geht es daran, zunächst herauszufinden, zu welcher der zwei großen Klassen die entsprechenden Kopfschmerzen passen und was sie verursacht: Entweder zu den sekundären Kopfschmerzen, die als Folge von Erkrankungen wie einer Grippe, einer Blutung nach einem Schlag auf den Kopf oder beispielsweise eines Tumors auftreten. Dabei sind die Schmerzen das Symptom für eine Erkrankung.

Beim primären Kopfschmerz ist der Schmerz die Erkrankung selbst. Der bekannteste Vertreter unter den primären Kopfschmerzen ist die Migräne. Jeden Tag schränkt das schmerzhafte Pulsieren in den Schläfen, der Stirn oder dem Hinterkopf rund 350.000 Menschen in Deutschland massiv in ihren Alltagstätigkeiten ein, so die DMKG. Manchmal so einprägsam und heftig, dass die Betroffenen Angst vor einer Wiederholung entwickeln.

Schon Kinder leiden manchmal an dieser Erkrankung, die nach Einschätzung von Prof. Arne May insgesamt 14 Prozent der Deutschen plagt. Bei einem Prozent wird sie sogar chronisch. Zusammen mit den Betroffenen fahnden Spezialisten wie er nach den individuellen Auslösern für diesen episodischen Kopfschmerz. Die können unterschiedlichster Natur sein. Manche vertragen Rotwein nicht gut, andere steuern nach einer zu kurzen Nacht in die nächste Attacke. "Ein solcher Schmerzanfall dauert immer zwischen vier und 72 Stunden. Ist das nicht so, ist es keine klassische Migräne", sagt der Spezialist.

Im Nachteil ist, wer aus einer Familie kommt, in der Tanten oder der Opa Migräne hatten, sagt Dr. Tim Hagenacker. Denn die Erkrankung hat eine erbliche Komponente, die das Risiko, auf bestimmte Umweltfaktoren mit empfindlichen Schmerzen, Sehstörungen oder Übelkeit und Erbrechen zu reagieren, deutlich wahrscheinlicher macht. Meist spüren die Betroffenen die Migräne kommen. Der Hamburger Kopfschmerzexperte May hat sich selbst bei vielen Patienten auf die Suche nach Triggerfaktoren gemacht. Ein Patient schwor, immer nach dem Genuss eines bestimmten Rotweins eine Schmerzattacke zu bekommen. May kaufte den Wein und stellte schließlich fest, dass bestimmte Nahrungs- oder Genussmittel zwar solche Anfälle auslösen können, "allerdings nur, wenn derjenige der nächsten Attacke ohnehin nahe ist. Würde er den Wein nicht trinken, würde es trotzdem auf eine Migräneattacke hinauslaufen. Vielleicht aber ein paar Tage später."

Nicht bei allen Schmerzen im Schädel lässt sich so gut erklären, was eigentlich zu den Qualen führt, wie es bei der Migräne der Fall ist. Vieles kann man nicht entschlüsseln, wohl aber ist es entgegen häufiger Annahmen nicht das Gehirn, das weh tut. Denn es besitzt keine Schmerzrezeptoren, die Hirnhäute hingegen schon. Im Vergleich zum Gehirn eines Gesunden reagiert die Schaltzentrale des Migränepatienten viel empfindlicher auf äußere Reize. Die sorgen für eine Irritation der schmerzvermittelnden Nervenzellen im Bereich der Hirnhautgefäße.

Anders ist das beim Clusterkopfschmerz, der als der qualvollste und heftigste Kopfschmerz gilt. Er ist immer einseitig und heftig im Bereich einer Schläfe oder eines Auges zu spüren. Oft tränt es darum und die Nase läuft. Hier kommt der Schmerz nach derzeitigem Forschungsstand dadurch zustande, dass Nervenbahnen in der Nähe des Trigeminusnervs stimuliert werden. Dieser Nerv ist für die sensorische Wahrnehmung an Kopf und Gesicht verantwortlich. Durch die Reize dort wird vermutlich eine Kaskade an Hirnstoffwechsel-Veränderungen in Gang gebracht, die für die Qualen sorgen.

Wieder anders könnte das bei der häufigsten Kopfschmerzart sein, beim Spannungskopfschmerz. Viele haben schon selbst den dumpf drückenden Schmerz erlebt, der durch den ganzen Kopf zieht. Er ist eher lästig als beeinträchtigend. Allerdings nimmt er bei körperlicher Beanspruchung im Gegensatz zur Migräne nicht zu. Früher dachte man, der Kopfschmerz rühre von einer zu hohen Anspannung der Nackenmuskulatur her. Heute weiß man, dass das nicht stimmt, sondern dass die Schmerzempfindlichkeit im Hirnstamm hinaufgesetzt ist.

Eindeutig klären lassen sich auch individuelle Schmerzempfindungen nach körperlich extremer Betätigung nur durch die gezielte Untersuchung entsprechender Kopfschmerzexperten. "Denkbar aber ist, dass ein anstrengungsindizierter Kopfschmerz vorliegt", sagt Dr. Tim Hagenacker. Viele berichten nicht nur nach dem Sport davon, sondern auch nach Pressakten, wie zum Beispiel dem Hochheben von Bierkisten, dem Stemmen von Gewichten oder sogar nach dem sexuellen Höhepunkt. Denkbar ist, dass bei solchen Anstrengungen der Druck auf die Gefäße im Kopf zunimmt und das letztlich den Schmerz auslöst. In diesem Fall sollte schnell ein Arzt aufgesucht werden.

Kopfschmerzen nach dem Sport können jedoch auch auf einen Migräneanfall zurückgehen. Denn auch körperliche Anstrengung wie ein verausgabendes Fußball-Spiel sind als Triggerfaktoren bekannt. Daneben kommen weitere Krankheitsbilder in Frage, die zeigen, wie schwierig die Diagnose eines so einfach erscheinenden Kopfschmerzbildes sein kann. Letztlich kann dahinter auch ein banaler Infekt stecken, der zu verstopften Nebenhöhlen führt, die beim Bücken nach dem Squash-Ball furchtbar drücken und pochen.

Zu lange in den Federn zu liegen oder plötzlich wechselndes Wetter — auch das bereitet manchem Kopfschmerzen. Doch auch hier gilt: Der Schlüssel zur Aufklärung der Qualen liegt in der individuellen Beschreibung der Symptome. Meist steckt hinter solchem Kopfdrücken allerdings ebenfalls Migräne, die durch einen unausgewogenen Lebensrhythmus nach einem unüblich langen Wochenendschlaf aus dem Lot sein kann und damit für einen Migränepatienten einen Trigger darstellen kann. Auch Wetterumschwünge, die mit Tiefdruck oder Feuchtigkeit einhergehen, können Migränegeplagten den nächsten Schmerzanfall bescheren.

Wenn Sie auch wissen möchten, was Katerkopfschmerzen auslöst, lesen Sie hier weiter.

Hier geht es zur Infostrecke: Wann Sie mit Kopfschmerzen zum Arzt sollten

(wat)