Düsseldorf: Sehr weiß und ungeheuer oben

Düsseldorf: Sehr weiß und ungeheuer oben

Wolken sind Naturphänomene ohne Tempolimit. Man kann sie anschauen, aber nicht anfassen. Von jeher inspirieren sie Dichter und Maler, und einmal lösten sie gar eine Kunst-Revolution aus. Ein Blick in die Kulturgeschichte der Wolke.

Für alle Wunsch-Aeronauten, Luftschloss-Architekten und andere Verehrer der erhöhten Aussicht ist Bertolt Brechts "Erinnerung an die Marie A." das schönste Gedicht überhaupt. Brecht erzählt darin von seiner Jugendliebe. Er erinnert sich nicht mehr so recht an sie, aber er weiß noch genau, wie der Himmel aussah, als er das Mädchen küsste: "Und über uns im schönen Sommerhimmel / War eine Wolke, die ich lange sah / Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah, war sie nimmer da".

Überhaupt sollte man das unbedingt mal wieder tun, küssen natürlich, aber eben auch Wolken gucken. Das ist eine gute Jahreszeit, um die Wolken zu beobachten, und man wird nie enttäuscht von den "Schaustellern des Himmels", wie der österreichische Schriftsteller und Hans-guck-in-die-Luft Franzobel sie nennt. Dieses Schwebende, Unbestimmte. Das Dazwischen, für das die Wolken stehen. Der dauernde Transit, die ständige Drift. Und dann diese Namen, die man nur aneinanderzureihen braucht, und schon hat man ein Gedicht: Cirrus, Cirrocumulus, Cirrostratus, Cumulonimbus. Welches göttliche Wesen auch immer die Wolken erfunden hat, es schuf die schönstmögliche Art, Atmosphäre sichtbar zu machen. O aerosole mio!

Die Menschen waren immer schon fasziniert von den Wolken, sie waren ihnen stets mehr als die Ansammlung feinster Wassertröpfchen und Eiskristalle. In Aristophanes' Komödie "Die Wolken" sind sie Akteure, die sogar reden können. Vor dem 19. Jahrhundert galten sie als Erscheinungsform des Göttlichen. Im Buch Mose nähert sich Gott den Menschen in Gestalt einer Wolkensäule. Und in der Malerei waren zunächst die niederländischen Meister die größten Wolken-Fans. Ihre Landschaftsdarstellungen bestanden mitunter zu zwei Dritteln aus einem Wolkengebirge, das von der unsichtbaren Anwesenheit des Göttlichen kündete.

Die einzelne Wolke hingegen wurde erst um 1820 bildwürdig, wie Florian Illies in seinem neuen Buch "Gerade war der Himmel noch blau" nachweist. Das sei die Zeit gewesen, als alle Wahrheiten sich in Luft auflösten, schreibt er. Nichts sei mehr sicher gewesen, alles im Fluss. Und so kam es, dass Europas größte Maler wie besessen Wolken jagten. 1828 hielten sich William Turner, John Constable, Jean-Baptiste Camille Corot, Caspar David Friedrich und Carl Blechen gleichzeitig in Italien auf, ohne von der Anwesenheit des je anderen zu wissen. Was suchten sie in diesem Wolkenkuckucksheim? Eine neue Wirklichkeitserfahrung. Eine offenere Malweise für Licht, Atmosphäre und das Flirrende. Eine andere Bildsprache der Farben. Sie wollten Geschwindigkeit abbilden und das Vergehen. Die Wolkenstudie in Öl war das geeignete Medium, sie war der angemessene Ausdruck der Zeit. Illies schreibt: Die Wolke hat die Kunstgeschichte beschleunigt.

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Dass plötzlich alle Welt die Schönheit des Flüchtigen zu greifen versuchte, lag auch an einem englischen Wissenschaftler. 1803 klassifizierte Luke Howard in London die Wolken: Federwolke, Haufenwolke, Schichtwolke, Regenwolke. Goethe war darüber so aus dem Häuschen, dass er Howards Schrift ins Deutsche übersetzte und Caspar David Friedrich bat, den Text zu illustrieren. Der lehnte aber ab - was ziemlich schade ist: Was wäre das für ein Buch geworden! Goethe schaute nun jedenfalls genauer hin, er wurde gewissermaßen zum Wolkenkratzer, und er kam dem Phänomen sprachlich sehr nahe: "Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt."

Die Wolken wurden weithin zum Symbol. Kierkegaard betrachtete sie als Sinnbild für die Gedanken und für die inneren Zustände des Menschen. Sie eigneten sich als Metapher für eine Welt, die sich in jedem Augenblick neu erschafft. Das Skizzenhafte, das ihnen per se innewohnt, mutete zeitgenössisch an. Wolken sind ja immer auf dem Sprung; buchstäblich in Windeseile verändern sie sich. Und die Faszination hält bis heute an. Die Wolke sei die auffälligste Vorläuferin der modernen nichtgegenständlichen Kunst, hat der Kunstpsychologe Rudolf Arnheim gesagt. Der Himmel ist demnach das Labor der Moderne, und wie gültig noch immer ist, was in den verflüssigten und duftigen Nebel- und Dunst-Landschaften eines William Turner seinen frühen Ausdruck fand, erkennt man an den wunderbaren Wolkenbildern von Gerhard Richter.

Man muss aber gar nichts wissen über die Kulturgeschichte der Wolken. Man kann sie einfach bloß anschauen, dazu sind sie ja da, nur zum Angucken, denn man kann sie nicht berühren, sie sind nicht zu fassen und nicht zu begreifen. Die Wolke ist die extremste Erscheinungsform des Nichts. "Sie war sehr weiß und kam von oben her", schrieb Bertolt Brecht. "Doch jene Wolke blühte nur Minuten / Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind".

(hols)