Biografie über den NS-Propagandaminister: Joseph Goebbels — Hitlers Hetzer

Biografie über den NS-Propagandaminister : Joseph Goebbels — Hitlers Hetzer

Düsseldorf (RP). Joseph Goebbels, geboren in Rheydt, war der Propagandaminister des nationalsozialistischen Regimes. Eine Biografie sieht ihn als krankhaften Narziss, der seine Persönlichkeitsstörung in der Politik auslebte – mit fatalen Folgen.

Düsseldorf (RP). Joseph Goebbels, geboren in Rheydt, war der Propagandaminister des nationalsozialistischen Regimes. Eine Biografie sieht ihn als krankhaften Narziss, der seine Persönlichkeitsstörung in der Politik auslebte — mit fatalen Folgen.

Vielleicht ist unter allen Gestalten der NS-Führungsspitze Joseph Goebbels der, auf den das Adjektiv "monströs" am ehesten zutrifft — eher als auf Adolf Hitler, der für die Deutschen inzwischen seltsam entrückt, körperlos, sozusagen das abstrakte Böse geworden ist. Eher auch als auf Hermann Göring und Heinrich Himmler, die nicht nur Großverbrecher, sondern stets auch Karikaturen ihrer selbst waren.

Außer Albert Speer führt von den NS-Bonzen nur Goebbels ein bürgerliches Familienleben. Als einziger aber löscht er auch seine Familie aus. Am 1. Mai 1945 bringen Joseph und Magda Goebbels im Führerbunker der Reichskanzlei ihre sechs Kinder mit Gift um. Goebbels ist ein Mörder — nicht nur im politischen, auch im schauerlich-konkreten Sinn. Über ihn ist kürzlich eine Biografie erschienen.Für den Autor Peter Longerich ist Goebbels ein nach Anerkennung gierender Nazi-Narziss, eine völlig verkrachte Existenz, die ihre Persönlichkeitsstörung durch politische Tätigkeit kompensiert — mit bekannt fatalen Folgen.

Autor analysiert dessen Leben

Goebbels, 1897 in Rheydt als viertes Kind der katholischen Eheleute Fritz und Katharina Goebbels geboren, erfolgloser Gelegenheitsautor, stößt 1924 zu den Nazis, wird 1926 Gauleiter im "roten Berlin", 1933 Propagandaminister. Hitler bestimmt ihn vor seinem Ende 1945 zum Nachfolger als Reichskanzler. Jeglicher Verantwortung entzieht sich Goebbels tags darauf durch Selbstmord. Longerich beschreibt Goebbels' Leben nicht nur, er analysiert es — durchaus psychologisch gemeint: der Nazi auf der Couch.

Nun begibt sich, wer die braune Diktatur erforschen will, mit diesem Ansatz oft auf dünnes Eis, weil das verquere Denken der NS-Elite durch Quellen oft bloß vage belegt ist; Hitler-Biografen sind dabei reihenweise eingebrochen. Longerich aber gelingt der Balanceakt, auch weil Goebbels ein ebenso mitteilsamer wie radikaler, also dankbarer Fall ist. Longerich stützt sich vor allem auf dessen Tagebücher und Selbstzeugnisse — eine Quelle, die recht gut erforscht ist.

Goebbels beginnt früh, seine Weltsicht zu Papier zu bringen, und er beschreibt seine Kindheit in trüben Worten. Grund dürfte ein Nervenleiden sein, das den rechten Fuß zum "Klumpfuß" mit habe er sich stilisiert — zu einem Einzelkämpfer, der er gar nicht war, resümiert Longerich: "Tatsächlich erfuhr er in Rheydt durchaus Anerkennung und Zuwendung, pflegte Freundschaften und Liebschaften." Goebbels' Gier nach Anerkennung sei auch keine Kompensation seiner Behinderung gewesen; der Grund der Störung liege klassisch in Goebbels' "Anhänglichkeit an seine Mutter".

Beleg ist Longerich Goebbels' autobiografischer Roman "Michael Voormans Jugendjahre" von 1919, in dem es heißt: "Eine nur liebte ihn — das war seine Mutter." Es zeigt sich: Eine Lebensbeschreibung erlaubt auch bei Großnazis und auch auf Grundlage bekannter Quellen noch Erkenntnisgewinn — wie schon 2000 Ian Kershaw ("Hitler") bewies.

Rhetorischer Fanatimsus

Zu lernen gibt es bei Longerich außerdem viel über die NS-Diktatur: etwa dass es die Realität verkürzt, den Nationalsozialismus unbesehen rechts einzuordnen — Goebbels fühlt sich als Sozialist, als er Nazi wird. Oder dass Inhalte manchmal zweitrangig sind gegenüber der politisch- religiösen Form. "Es ist ja auch gleichgültig, woran wir glauben, wenn wir nur glauben", schreibt Goebbels 1924. Oder dies: Auch der oft als allmächtig stilisierte Minister musste sich seine Propaganda- Kompetenzen teilen. Das Zuständigkeitschaos — Kernmerkmal des Nationalsozialismus — macht vor Goebbels nicht halt.

Gewisse Eigenmächtigkeiten sind freilich möglich. 1933 erfahren die Rheydter, wie Verwaltungshandeln in der Diktatur funktioniert. 1929 war ihre Stadt mit München-Gladbach, Hardt, Odenkirchen und Giesenkirchen zu "Gladbach- Rheydt" zwangsvereinigt worden. Den Widerstand dagegen greift der Propagandaminister auf und lässt die Stadtehe wieder trennen. Die Rheydter danken es ihm — mit Fackelzug und Ehrenbürgerwürde.

Goebbels gehört, das betont Longerich, nie zum innersten NS-Entscheidungszirkel. Das beleidigt seinen Stolz und verstärkt zugleich seine Sucht nach Hitlers Gunst. Goebbels muss flexibel sein, um dem Führer zu gefallen. Dazu können seichte Propagandafilme ebenso dienen wie 1938 seine Entscheidung, auf Hitlers Drängen hin die Affäre mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova zu beenden, die ernsthafteste von vielen Liebschaften.

Dazu kann aber auch rhetorischer Fanatismus dienen wie 1933, als er ankündigt, den Juden werde "das freche Lügenmaul gestopft" werden, und 1943 in seiner berüchtigten Sportpalast-Rede. Monströs ist das alles, monströs sind die Verbrechen, denen Goebbels' Hasstiraden den Weg bereiten. Monströs ist aber auch der Satz, mit dem Goebbels den Mord an seinen Kindern rechtfertigt: Deutschland werde den Krieg nur überstehen, "wenn unser Volk Beispiele vor Augen hat, an denen es sich wieder aufrichten kann. Ein solches Beispiel wollen wir geben." Selbst das Ende ist Propaganda.

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