Gastbeitrag Ingrid Bachér über das Alter

Persönliche Betrachtung : Auch im Alter hofft man auf die Zukunft

Gastbeitrag Das Alter ist eine unmessbare Landschaft, und sie öffnet sich dem, der weiter vorangeht. Die späten Jahre bringen die Unsicherheit des Körpers und die Erkenntnis, was das bedeutet, dass wir Geschöpfe sind. Dazwischen Leerlauf, Atemholen und wieder neu beginnen.

Nun liegt eine Neuausgabe meines Tagebuches über das Alter vor. Es endete 2003 mit dem Satz: „Ich bin im Alter angekommen. Ich richte mich ein, aber nicht auf Dauer. Aufmerksam leben, als ob ich eine Schlange beobachte.“ Nun, da irrte ich, es sind jetzt siebzehn Jahre vergangen, seitdem ich dies schrieb, und ich habe gelernt: das Alter ist kein begrenzter Raum, sondern eine Landschaft, weitläufig und unmessbar, nie ganz zu erkunden, und sie öffnet sich dem, der weiter vorangeht. In ihr begegnen wir Chimären, Mystifikationen und Mythen, Lehrsätzen und Irrtümern, dem schleichenden Gift der Zerstörung alles Stofflichen und der Befreiung davon. Ja, das Alter kann nächtlich finster sein, von Gewitter durchzogen, bringt Abbrüche in Krankheit und Schwermut, der Tod der Lieben und der Freunde, das Absterben aller Gewissheiten, die Unsicherheit des Körpers und die Entdeckung der Schöpfung, die Erkenntnis, was das bedeutet, dass wir Geschöpfe sind.

„Aufmerksam leben, als ob ich eine Schlange beobachte“, das gilt noch immer und intensiver von mir gewollt. Im alten Kloster an der Maxkirche in Düsseldorf, das nun ein Gasthaus ist, hörte ich in den Kellergängen den Chor von Stimmen und ging ihnen nach und erschrak, als ich, ganz nah nun den Stimmen, in einen schmalen Gang einbog und vor einer Gruppe Benediktiner-Mönche stand, lebensgroß in dunklen Gewändern, die Gesichter verhüllt von tief herabgezogenen Kapuzen. Aus den Mönchsfiguren stieg der Gesang, und sie täuschten Leben vor durch eine leichte Bewegung der Gewänder. Vor ihnen ein Pult, darauf eine Schrift mit einer der Ordensregeln der Benediktiner aus dem 6. Jahrhundert: „Zu jeder Stund über Tun und Lassen seines Lebens wachen.“

Ein Satz wie eine Herausforderung. Ich versuche, ihr nachzukommen. Dazwischen Leerlauf, Atemholen und wieder neu beginnen. Dann wieder scheitern und „besser scheitern“, so nannte Beckett das.

Mein älterer Bruder sagt, er habe aufgehört zu schreiben, er hat alles gesagt, was ihm entscheidend wichtig war. Vielleicht komme ich auch noch dahin. Das Alter eine Abstinenz vom Leben, in Besinnung auf das Ende. Doch noch schreibe ich, meistens nur für mich, um festzuhalten den Moment, den unwiederbringlichen, um zu bezeugen heute dieses Morgenlicht, als ich am offenen Fenster stand und über den Rheinhafen sah und sah, wie das Licht am Horizont aufbrach, wie der Lichtschein den Himmel immer mehr erfasste, Farbe ihm gab und leicht aufstieg, mit rosanen Fingern die Morgenröte … so steht es schon in der Odyssee, und staunend nehme ich es wahr. Wie damals so auch jetzt, stetig aufs Neue die Auferstehung des Tages, die Klarheit des Beginns.

Kein Text übers Alter, der nicht den Schatten des Todes bedenkt, das offene Ende, auf das alles Lebende zugeht. Jetzt erlebte ich, dass ein anderer Freund sich entschlossen hatte, selbst den Zeitpunkt seines Todes zu bestimmen. Unheilbar krank, hatte er sich einen festen Termin in der Schweiz beim Exit-Verein geben lassen, um dort zu sterben. Am Abend, bevor er dorthin fuhr, trafen Robert und ich uns noch einmal mit ihm und seiner Frau in seinem Haus. Wir aßen und tranken und diskutierten. Alles war ganz normal und zugleich gespenstisch unwahr, weil er, dem Tod so nah, so anwesend war, so wie wir ihn kannten und oft umarmt hatten. Immer wieder sah ich ihn an und dachte, es ist unmöglich, er wird nie wieder hier sein und nirgends mehr. Noch einmal sprachen wir darüber, ob es Unrecht wäre, sich selber das Leben zu nehmen, ob es gegen das Gebot Gottes wäre, sich dem von ihm auferlegten Schicksal zu entziehen. Dagegen stand die Einsicht, dass wir selber schon längst mit Hilfe der Medizin und der Pharmazie unsere Lebenszeit ungewöhnlich verlängert hatten. Wobei die Gefahr uns bekannt war, vielleicht am Leben gehalten zu werden und unter qualvollen Umständen noch existieren zu müssen, wenn wir nicht mehr fähig waren, für uns selber zu entscheiden.

Es wäre gut gewesen, unser Freund hätte in seinem Haus sterben dürfen, doch war es unmöglich, hier im Land die nötige Hilfe zu bekommen. Vor kurzem erst war das Gesetz noch verschärft worden, mit dem Ärzten hohe Strafen angedroht wurden, wenn sie, wie in solchen Ausnahmefällen erforderlich, ein sicher wirkendes Medikament dem Patienten besorgten und bei dessen Einnahme auch zugegen waren. „Wer nicht genug Geld hat, um ins Ausland zu gehen, der kann sich in unserem Land nur unter den Zug werfen oder aufhängen, alles unsicher, und nur im höchsten Grade der Verzweiflung wäre es mir möglich“, sagte unser Freund, „also besser so fern der Heimat im fremden Bett, bei fremden Leuten …“.

 Jahre können vergehen, und alles scheint sich zu wiederholen – doch in einer einzigen Sekunde, in einer Begegnung, so kurz auch immer, kann uns die Erfahrung treffen, die Erkenntnis, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Nicht träge werden, nehme ich mir immer wieder vor, nicht wegsehen, nicht der Schwerhörigkeit nachgeben, dem ungenauen Sehen. Ja, es gibt das Lebensfeindliche, den Drang, den anderen zu vernichten, die Begierde zu töten und den Befehl dazu. Und es gibt die Stille danach.

Im Fernsehen sah ich einen Bericht aus Syrien, es war nach einem Luftangriff nahe der Stadt Homs. Der Reporter stieg über Leichen, die auf der Straße lagen und ging auf einen Mann zu. Er war allein und stand unbeweglich neben einem Toten, der zu seinen Füßen lag und noch sehr jung aussah. Und ich sah auf meinem Bildschirm, Tausende von Kilometern weit entfernt, wie der Reporter den Mann ansprach und ihn bat, etwas für die Weltgemeinschaft zu sagen, die in diesem Augenblick Zeuge dieses Kriegsverbrechens war. Der Mann schwieg, wandte den Blick nicht ab von dem Getöteten, der ihm wohl nahe gewesen war. Schließlich sagte er nichts als diese Worte: „Er kam von Gott und ist zu Gott gegangen.“ Das werde ich nicht vergessen, der junge Mann kam von Gott und ging zu ihm zurück. Auch ich bin dessen sicher, im Tod werde ich zurückkehren, woher ich kam.

Ich möchte dich nicht verlassen, sagt Robert, und ich erinnere mich: „Verlässt du mich nicht, verlass ich dich auch nicht“, so spricht ein Kind zum anderen in der Geschichte vom Fundevogel. Und zurück kommt die Wiederholung des Schwurs: „Verlässt du mich nicht, verlass ich dich auch nicht. Nun und nimmer mehr.“ Da sind sie auf der Flucht vor der alten Köchin, die dem einen Kind nach dem Leben trachtet, da es ein fremdes ist. Die Rettung liegt in der Wandlung, die in höchster Not möglich ist: Beide wechseln ihre Gestalt, verwandeln sich in Rose und Strauch, in Kirche und Krone, in Ente und Teich, werden zu Pflanze, Tier und Wasser, und siegen so am Ende über die Hexe, die im Wasser ertrinken wird.

Schopenhauer schrieb, dass man ihn für toll halten würde, wenn er einem ernsthaft versicherte, die Katze, welche eben jetzt auf dem Hof spielte, sei noch dieselbe, welche dort vor dreihundert Jahren die nämlichen Sprünge und Schliche gemacht habe. „Aber ich weiß auch“, schrieb er weiter, „dass es sehr viel toller ist zu glauben, die heutige Katze sei durch und durch und von Grund aus eine andere als jene vor dreihundert Jahren.“ Kontinuität im Wandel, das Gesetz der Schöpfung, ins Spiel der Gedanken aufgenommen.

Ich hoffe, ich werde noch einmal nach Bagnoregio kommen und im Lago di Bolsena schwimmen. Der See ist zum Ufer hin sehr flach und so wird ein Betrachter Zeit haben, vom Strand aus eine Frau zu sehen, die langsam aufrecht in den See geht und sich dann plötzlich ins Wasser stürzt und davon schwimmt.

Ich werde es sein oder eine andere Frau, in dieser oder einer späteren Zeit.