Moritz Bleibtreu spielt in Kinofilm "Nicht mein Tag" mit

Kinofilm "Nicht mein Tag" : Moritz Bleibtreu hat ein Faible für Ganoven

Er zählt zu den besten deutschen Schauspielern, was vor allem an der Auswahl seiner Rollen liegt. Am Donnerstag kommt der neue Film von Moritz Bleibtreu in die Kinos: "Nicht mein Tag". Ein Treffen am Set kurz vor Ende der Dreharbeiten.

Der Mann, der schnellen Schrittes auf den Tisch am Rande des Filmsets "Nicht mein Tag" zukommt, sieht ziemlich wild aus. Ein Rocker. Breiter Gang, Lederjacke, Haare bis zur Schulter. Auf seine Handknöchel ist das Wort "Outlaw" tätowiert. Als er den Tisch erreicht hat, streckt der "Gesetzlose" die Hand aus. Er sagt "Hallo, ich bin Moritz", und dann "Moment, ich hab' den Aschenbecher vergessen". Schon ist Moritz Bleibtreu wieder weg. Dabei haben wir eigentlich nur ein paar Atemzüge Zeit.

Es gibt diese Verlegenheitsporträts, in denen der Reporter beschreibt, wie sich der Händedruck des prominenten Gegenübers anfühlt. Anhand des Händedrucks von einem, den man sonst nur von der Kinoleinwand kennt, so die These, lasse sich ableiten, was das so für ein Mensch ist, der Star. Das ist ziemlicher Quatsch. Moritz Bleibtreu, der in Köln den neuen Kinofilm von "Bang Boom Bang"-Regisseur Peter Thorwarth dreht, schüttelt die ihm entgegengestreckte Hand ganz normal: fest und kurz. Das verrät höchstens eins: Bleibtreu hat Routine. Er entstammt einer Schauspielerfamilie, seine Mutter ist die 2009 verstorbene Theater- und Filmdarstellerin Monica Bleibtreu, der österreichische Schauspieler Hans Brenner sein Vater. Auch Urgroßtante und Großvater arbeiteten für die Bühne. Aufgewachsen ist der heute 41-Jährige dagegen an einem Ort, der nicht nur für die schönen Künste steht. Im Hamburger St. Georg-Viertel, einer rauen Gegend, in die seine alleinerziehende Mutter wegen der Nähe zum Theater zieht. Nach der elften Klasse schmeißt Bleibtreu die Schule, geht als Au-Pair nach Paris, lebt in Rom und New York, wo er Schauspielunterricht nimmt. Mit 21 Jahren heuert er am Schauspielhaus in Hamburg an. Nach kleineren Fernsehrollen gelingt ihm 1997 in "Knockin' On Heaven's Door" der Durchbruch. Mit "Lola rennt", "Das Experiment" und "Der Baader Meinhof Komplex" etabliert er sich als feste Größe im deutschen Kino.

Was Bleibtreu auszeichnet, stärker als viele seiner Kollegen, ist die Nähe, die er transportiert. Er macht das vor allem mit seinem Gesicht, über das schon viel geschrieben wurde, weil Bleibtreu aus ihm so freundlich wie feindselig gucken kann. Wer "Im Juli" gesehen hat, den märchenhaften Liebesfilm von Fatih Akin, konnte Bleibtreu ohne Umschweife sein Herz öffnen; wer ihn im Gangster-Drama "Chiko" erlebte, fürchtete sich vor seinem starr-wirren Blick.

Oft spielt Bleibtreu Kleinkriminelle, halbseidene Ganoven. So auch in "Nicht mein Tag". "Diese Rollen haben ein Faible für mich", sagt Bleibtreu. Er fühle sich filmisch sozialisiert durch Gangsterstreifen von Coppola und Scorsese und überhaupt sei er, Moritz Bleibtreu, einer, der sich auf sein Gefühl verlasse. Er guckt jetzt ernst. "Es gibt da offensichtlich einen Zusammenhang zwischen meiner Befindlichkeit und meiner Rollenwahl. Oft blicke ich drei Jahre nach dem Film zurück und denke mir: ,Ah, lustig, da gab es Parallelen zu meinem Leben damals'."

Aber wie läuft das vorher, wie entscheidet er sich für eine Rolle? Er müsse das Gefühl haben, der Figur emotional etwas geben zu können, sagt Bleibtreu. Was später aus dem Film werde, sei dann nicht mal mehr das Entscheidende. "Das ist wie beim Fußball: Du kannst ruhig 0:3 verlieren — wenn du die ganzen 90 Minuten gelaufen bist."

Bleibtreu erzählt von Nappo, dem Kriminellen, den er in "Nicht mein Tag" spielt und der "unserer professionalisierten Leistungsgesellschaft" etwas entgegensetze. "Nappo ist bei sich, er hat sich gefunden. Gerade deshalb kann man aus seinen Augen die anderen gut beobachten." Und was sieht Nappo, der in sich ruhende Gangster? Bleibtreu streicht sich beim Inhalieren die schulterlangen Haare seiner Perücke zurück: "Alle dürstet es nach etwas Existenziellem. Und trotzdem leben sie dieses vorherbestimmte, langweilige Leben." Nicht nur dem Ganoven Nappo, auch dem Schauspieler Moritz Bleibtreu ist diese Einstellung zuwider: "Dinge müssen nicht immer konventionell sein, damit sie funktionieren."

Bleibtreu führt seine Zigarette zum Mund, mit der Hand, auf der steht, er sei ein Gesetzloser. Der letzte Zug, dann geht es weiter mit dem Dreh. Tiefgang ist während eines Vierminuten-Interviews eigentlich nicht vorgesehen. Moritz Bleibtreu hat jetzt trotzdem Lust auf große Worte: "Wir sind geboren, um glücklich zu sein. Ganz einfach. Dass wir dauernd scheitern, das ist doch ganz normal. Daran darf man sich nur nicht aufhalten."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Kinofilm "Nicht mein Tag" feiert Premiere

(RP)
Mehr von RP ONLINE