Drama "Herbst": Leben nach der Folter

Drama "Herbst" : Leben nach der Folter

(RP). Man gibt ihm die Freiheit wieder, weil er gewiss nicht mehr viel mit ihr anfangen kann. Yusuf (Onur Saylak), der Mann, der in "Herbst" aus einem türkischen Gefängnis in das Dorf seiner Geburt zurückkehren kann, ist schwer krank, von der Schwindsucht ausgezehrt und auch, so legt sein Schweigen nahe, in seinem Gemüt schwer angegriffen.

"Herbst" von Regisseur Özcan Alper gehört nicht zu jenen sowohl anklagenden wie Mut machenden Filmen, die den Kampf türkischer oder kurdischer Dissidenten und die massive Repression des Staatsapparates zeigen. Dieser Film fängt eine andere Stimmung ein, die viele türkische Linke nach der reihenweisen Aburteilung aufmüpfiger Studenten in den 90er Jahren erfasst haben mag: die Stimmung der Niederlage, die bange Frage, was nun übrig bleibt von den eigenen Lebensentwürfen.

Dabei verlässt sich Alper nicht auf Dialoge und Debatten, im Gegenteil, er setzt auf Stimmungsmalerei mit der Kamera. Wenn Yusuf (Onur Saylak) in seine ländliche Heimat an der Grenze zu Georgien zurückkehrt, dann sieht man nicht umsonst viel Wolken und Nebel in waldiger Einsamkeit. Nur scheint das hier kein Geborgenheitsangebot zu sein, kein Versprechen, dass die Natur ihre Bewohner hüten wird, sondern eher ein Verschwimmen, ein Abgleiten ins Ungefähre, ins nicht mehr klar Definierte. Ja, diese Provinz ist nicht mehr der Kampfplatz der Großstadt und ihrer gesellschaftlichen Debatten, auf den Yusuf einst gezogen ist. Aber sie ist auch kein zeitlos träumendes Refugium. Yusufs Vater ist tot, von den alten Bekannten ist Yusuf entfremdet. Kontakt findet er zu einer Außenseiterin, zur Prostituierten Eka.

In dieser Figur findet Alper dann doch zu so etwas wie romantische Verklärung. Eka ist eine Leserin, sie kann so etwas wie ironische Distanz zu ihrem Gewerbe und ihren Freiern wahren, und sie steht wohl für die Idee, dass es da noch immer eine Türkei der Nichtangepassten gibt. Sie setzt dem Staat und den Normen Widerstand entgegen, aber nicht entlang ideologischer Frontlinien. Manchmal schwelgt "Herbst" in seinem Trübsinn, nähert sich dem Martyrium eines Kaputtgefolterten fast feinschmeckerisch. Aber dann findet er wieder zu Bildern, die frei von Tändelei sind, die etwas, das die Mächtigen vergessen wissen möchten, die große Bühne bereiten.

Bewertung: 3 von 5 Sternen

(RP)
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