"Frau Müller muss weg" - Kampfbereit im Klassenzimmer

Filmkritik zu "Frau Müller muss weg" : Kampfbereit im Klassenzimmer

Sönke Wortmann lässt in seiner neuen Komödie "Frau Müller muss weg" einen Elternabend eskalieren. Die geschlossene Form erinnert an Roland Polanskis Kammerspiel "Der Gott des Gemetzels".

Das Beste wäre, jemand würde einfach die Kamera einschalten, während ein Elternabend läuft. Denn die Wirklichkeit, die sich im Klassenzimmer ereignet, wenn erwachsene Menschen nach Schulschluss auf zu kleinen Stühlen sitzen und für das vermeintliche Wohl ihrer abwesenden Kinder streiten, kann man in der Fiktion mit all ihrer Komik, Drastik und Abwegigkeit kaum angemessen nachbauen. Allerdings möchte natürlich niemand vorkommen in solch einem zwischen Gruselfilm und Satire pendelnden Werk — und zu nichts anderem würde diese Dokumentation zwangsläufig werden. Also muss es Spielfilme geben wie "Frau Müller muss weg".

Die Handlung spielt an der Juri-Gagarin-Grundschule in Dresden. Es ist Samstagnachmittag, und die Elternschaft hat die Klassenlehrerin zu einem außerordentlichen Treffen in die Schule bestellt. Anke Engelke ist die Anführerin, sie spielt sie mit einiger Wutlust, und als ihr Mann sie im Auto fragt, ob ihr das denn Spaß mache, was da gleich passieren wird, antwortet sie: "Ein bisschen." Viel ist hier Klischee und Karikatur, aber das ist in Ordnung, das passt, und Gabriela Maria Schmeide legt die Rolle der Lehrerin denn auch mit viel Warmherzigkeit und Gemütlichkeit aus. Der Frau soll nahegelegt werden, die Klasse abzugeben — ein Gruppenbeschluss liegt vor. Grund: Sie gibt zu schlechte Noten, finden die Eltern, der Lebenslauf der Kinder sei in Gefahr, Karrieren stünden auf dem Spiel, zwischen Gegenwart und Zukunft stehe diese Person.

Das Schauspieler-Ensemble wird das Schulgelände nicht verlassen, vom Klassenraum höchstens mal in Turnhalle oder Aufenthaltsraum driften, und diese geschlossene Form erinnert an Roman Polankis Kammerspiel "Der Gott des Gemetzels". Der "Frau Müller" dient ebenfalls ein Theaterstück als Vorlage, es stammt von Lutz Hübner, und Regisseur Sönke Wortmann, der die Komödie bereits auf der Bühne im Berliner Grips-Theater inszenierte, richtet es zumindest in der ersten Hälfte als angemessen absurde Angelegenheit ein.

Die Auftritte der Eltern orientieren sich an der Stellung ihrer Kinder in der Klasse, das ist fein beobachtet, und jeder unterschätzt die Lehrerin, keiner nimmt sie ernst. Die Eltern entlarven sich über ihre Sprache, die Formulierungen sind zugespitzt, der Sinn ist vergiftet. Aber alle Angriffe laufen ins Leere, die Lehrerin erstickt sie durch bloßes So-Sein. Aufrichtigkeit als wirkmächtigste Waffe gegen Sarkasmus und Zynismus. Das anzusehen, ist höchst amüsant.

Allmählich werden die Eltern zu Schülern, sie werden buchstäblich zusammengestaucht: Zwerge der Fürsorglichkeit. Sie merken, wie sie entlarvt und vorgeführt werden, und sie wehren sich mit Grausamkeit. Als die Lehrerin flieht, bleiben die Eltern in der Schule, warten auf die Rückkehr. Das ist nun der schwächere Teil des Film, hier werden bei Kakao aus Pappbechern Affären aufgearbeitet, Ehen unter dem Basketballkorb gerettet und im Chlorwasser des Schwimmbads Egozentriker geheilt. Da hätte man sich gewünscht, dass es radikaler zugeht, dass die Handlung eben nicht ins Beziehungsleben ausgreift, sondern im Boxring zwischen Pult und Tafel bleibt.

Der Schluss wird dann arg herausgezögert, aber das kennt man von Elternabenden ja. Allerdings bemüht sich Wortmann allzu stark um Versöhnlichkeit, und das ist in der Wirklichkeit mitunter anders.

(hol)