1. Kultur

Ein Widerspenstiger aus Überzeugung - zum Tod von Klas Ewert Everwyn

Nachruf auf Klas Ewert Everwyn : Ein Widerspenstiger aus Überzeugung

Im Alter von 91 Jahren ist jetzt der Schriftsteller Klas Ewert Everwyn gestorben. Vor allem seine Jugendbücher und Hörspiele machten ihn einer großen Leserschaft bekannt.

William Faulkner war sein literarischer Hausheiliger. Sein großes Vorbild für das Handwerk, mit dem man spannende Geschichten erzählt. Faulkner war das, was er selbst sein wollte: nämlich als Autor sogenannter Erwachsenenliteratur wahrgenommen zu werden. Und nicht immer nur der Schöpfer von Kinder- und Jugendbücher. Die aber waren und blieben seine großen Erfolge. Mit ihnen erntete er beachtliche Aufmerksamkeit, gewann viele treue Leser, etliche Auszeichnungen. Der Wunsch einer anderen, zusätzlichen Wahrnehmung seines literarischen Schaffens blieb Klas Ewert Everwyn allerdings verwehrt. Am 16. Januar ist der Düsseldorfer und Monheimer Schriftsteller im Alter von 91 Jahren gestorben. Wie es hieß, sei er friedlich eingeschlafen.

Wer Klas Ewert Everwyn begegnete, hatte einen freundlichen Menschen vor sich, zu dem es auch gehörte, auch mal eigenwillige Seiten von sich zu zeigen, mitunter nett störrisch zu sein. Auch darum schätzte Everwyn Menschen, die nicht gleich zu allem Ja und Amen sagen, wenn sie etwas nicht für richtig halten. Das war keine Marotte, sondern eine Botschaft: für jene, die noch dabei waren, ihren Platz in der Welt und für sich eine eigene Meinung zu finden. Das vor allem machte ihn zum Jugendbuchautor von Büchern, in denen das Engagement eine große Rolle spielt und die 1986 sogar mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis geehrt wurden.

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An die jungen Leser richtete sich auch das Buch „Dormagener Störfall von 1996“. Anlass war damals eine Betriebsstörung in den Bayer-Werken, und Everwyn strickte daraus einen Unfall mit verheerenden Ausmaßen. Die Aufmerksamkeit war natürlich enorm.

Klas Ewert Everwyn war gebürtiger Kölner. Er hatte dort die Schule besucht und war – nach seinem Einsatz als damals 15-jähriger Fronthelfer – in die Verwaltung gegangen; war Regierungsangestellter in Düsseldorf, städtischer Beamter in Neuss und schließlich ein Beamter im Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen. Eine bürgerliche Existenz also. Doch seine Romane und Hörspiele bedeuteten ihm viel mehr als nur eine Art Ausgleich zum Bürokratie-Job. Seine Bücher waren ihm stets ein Anliegen. Klas Ewert Everwyn ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland gewesen, er gehörte dem Verband deutscher Schriftsteller und im weiteren Umfeld auch der Gruppe 61 an, in der sich jene Autoren versammelt hatten, die sich literarisch der Arbeitswelt widmeten. Klas Ewert Everwyn hat sich in vielen Themen wohlgefühlt; in der Geschichte, in der Gegenwart und als leidenschaftlicher Fan immer wieder im Fußball. Und das schon früh: „Platzverweis“ erschien 1969; es folgte gut zehn Jahres später unter anderem „Fußball ist unser Leben“.

Manchmal lagen die Themen auch direkt vor seiner Haustüre, wie bei seiner Novelle „Der Opfergang des Polizisten Franz Jürgens“. Everwyns Düsseldorfer Schreibstube lag nämlich direkt gegenüber dem Polizeipräsidium, wo sich in den letzten Kriegstagen Ungeheuerliches ereignet hatte: Jürgens, Kommandeur der Ordnungspolizei, wollte den amerikanischen Truppen die Stadt kampflos übergeben und sie dadurch vor weiteren Zerstörungen bewahren. Doch Nazis verhafteten und exekutierten ihn, einen Tag vor Einmarsch der Alliierten.

Die Novelle ist keine Märtyrergeschichte geworden. Sie erzählt Geschichte so, wie sie sich zugetragen haben könnte, unprätentiös, unpathetisch. Es ist die Geschichte von Menschen, die versuchen, in den letzten Tagen des apokalyptischen Krieges ihre Haut zu retten. Irgendwie. Diese Zeit spiegelte Everwyn in der Person des Franz Jürgens, der eine Wandlung in wenigen Tagen vollzieht: In dem Pflichterfüller erwacht ein Mensch, der hinter der Pflicht plötzlich auch den Sinn zu befragen beginnt. Jürgens findet für sich darauf eine Antwort, und er handelt dann ebenso rigoros, wie er es zuvor im Polizeidienst wohl auch getan hat.

Die Liste seiner Werke ist lang; rund 30 Titel finden sich darauf, dazu etliche erfolgreiche Hörspiele. Klas Ewert Everwyn war ein unermüdlich erzählender Zeitzeuge. Das Vergangene galt es, in die Gegenwart zu holen und so erfahrbar zu machen, um es für die Zukunft nutzen zu können. Wie bei William Faulkner; oder wie bei einem anderen großen Düsseldorfer Schriftsteller. In einen seiner letzten Text erinnerte sich Klas Ewert Everwyn an seine Begegnungen mit Dieter Forte (1935-2019) – erschienen unter dem für beide so zutreffenden Titel: „Ich schwimme gegen den Strom“.