1. Kultur

Die gute alte Schallplatte erfreut sich wachsender Beliebtheit

Das Comeback der Schallplatte : Renaissance der Rille

Totgesagte leben länger. Das gilt auch für Schallplatte und Plattenspieler. Beide haben eine treue Fangemeinde, die sogar wächst. Denn Vinyl steht für Gefühl.

Adele und ihr Management haben ein ausgeprägtes Gespür dafür, was ein Hit werden könnte. Das neue Album „30“ der britischen Sängerin gehört auch acht Wochen nach Veröffentlichung zu den aktuell meistverkauften. Für Rekorde sorgt „30“ nebenbei an ungewohnter Stelle: Mehr als 500.000 Exemplare hat Adeles Produktionsfirma Sony auf runde, 180 Gramm schwere Tonträger aus Vinyl mit einem bratpfannengroßen Durchmesser von 30,48 Zentimeter pressen lassen, gedacht für eine gemächliche Wiedergabegeschwindigkeit von 33 1/3 Umdrehungen pro Minute. Langspielplatten, vulgo: LPs; die Älteren werden sich erinnern.

Eine halbe Million Schallplatten eines einzigen Albums, knapp die Hälfte davon allein in den USA noch vor Weihnachten verkauft, das ist in Zeiten, in denen alle Welt Musik nur noch streamt oder auf die inzwischen auch schon überholte Compact Disc zurückgreift, ein beachtlicher Vorgang und ein neuer Höhepunkt im erstaunlichen Comeback dieser akustischen Uralt-Technik, das noch größer wäre, könnte die Produktion mit der Nachfrage Schritt halten.

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Das mechanische Zusammenspiel von Nadel und Rille wurde immerhin vor knapp 145 Jahren erfunden. Am 18. Juli 1877 gelang es Thomas Edison zum ersten Mal, die menschliche Stimme einzufangen. Ein mit Paraffin überzogener Papierstreifen hielt sein „Hello“ fest. Eine Vervielfältigung der Aufnahme war aber noch nicht möglich. Erst zwei Jahrzehnte später begann der Siegeszug der Schellackplatte, und vor mehr als 70 Jahren, am 31. August 1951, wurde Deutschlands erste LP auf der Musikmesse in Düsseldorf triumphal vorgestellt.

Dann, in den 90er Jahren, war einstweilen Schluss. Die Verbreitung der CD beendete den Boom, ehe das Musikgeschäft größtenteils ins Internet abwanderte. Nicht einmal DJs erzeugen heute mehr akustische Spezialeffekte mittels Plattenspielern, für die es einst sogar extra geschliffene Nadeln zum Rückwärtsabspielen gab.

Nun also Adeles Album „30“, frisch gebacken sozusagen, und wie warme Semmeln geht es auch weg. Der Coup sorgt dafür, dass die wenigen weltweit verbliebenen Presswerke mit den Aufträgen momentan nicht mehr hinterherkommen. Ed Sheeran musste die Analog-Version sein neuen Album „Equals“ deshalb früher fertigstellen, denn auch Abbas Neuerscheinung „Voyage“ befeuert die Rückkehr des Vinyls.

Letzter Wille Plattenrille – das war einmal. Die Absatzzahlen der vergangenen Jahre weisen das Gegenteil aus: 4,2 Millionen LPs wurden 2020 in Deutschland verkauft, das waren 800.000 mehr als 2019. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 gingen nur noch 700.000 Exemplare über den Ladentisch. In der ersten Hälfte 2021 haben die Umsätze sogar noch einmal um 50 Prozent zugelegt. Der Marktanteil der Schallplatte liegt somit bei inzwischen sechs Prozent, die CD kommt auf 14 Prozent – bei fallender Tendenz.

Die anachronistisch wirkende Entwicklung erinnert an das Revival der analogen Fotografie, das ebenfalls seit geraumer Zeit zu beobachten ist. Rollen mit Negativfilm sind zuweilen bereits rar, der Markt für gebrauchte Kameras aus vordigitaler Zeit zieht an, die Preise für diese einst teuren High-Tech-Produkte steigen nach langer Flaute wieder. Vor allem junge Leute finden den Umgang mit der alten Technik faszinierend.

„Das Interesse an der Platte ist deutlich gewachsen“, bestätigt Ralf Brendgens, seit 28 Jahren Inhaber von „Hitsville“ im Herzen der Düsseldorfer Altstadt. Allein die Haptik sei schon etwas Besonderes. In Brendgens kultigem Laden finden sich Schallplatten und CDs von Pop über Punk bis hin zu elektronischer Musik. Ob es sich bei der Rillen-Renaissance um einen langfristigen Trend handelt oder der Zenit irgendwann überschritten wird? Was gerade „in“ ist, endet immer irgendwann, glaubt der Musikexperte, doch momentan ist seine Kundschaft in Kauflaune. „Vom 15- bis 75-Jährigen ist alles dabei“, berichtet Brendgens.

Das Hören von Musik hat sich ebenso verändert wie unser Umgang mit Fotografien. In beiden Fällen ist das Erlebnis nicht mehr das, was es einmal war.  Fotos mussten tatsächlich physisch aus irgendeinem Aufbewahrungsort hervorgeholt werden, die Betrachtung von liebevoll gestalteten Alben war ein sehr bewusster Vorgang, ein anhaltender Moment voller Konzentration, der Lohn sorgfältiger Auswahl und aufwendiger Produktion. Auch wenn sich der Zugang heute viel einfacher gestaltet, so liegen doch tausende Bilder mehr oder weniger unbeachtet in den Speichern von Millionen Smartphones.

Auch eine Platte stand meist neben vielen anderen im Regal zu Hause, man zog sie mit Bedacht  hervor, entnahm sie sorgsam einer Hülle aus nicht selten opulent gestalteten Covern und legte sie auf den Plattenspieler, ein innerhalb des technischen Ensembles im Raum unübersehbares Gerät, das vorsichtig in Betrieb gesetzt wurde. Das hatte nichts Beiläufiges und machte es leichter zu begreifen, wie Musik entsteht. Spannend jedes Mal der Moment, in dem sich herausstellte, ob man den Anfang des gewünschten Stücks irgendwo in der Mitte mit der Nadel exakt getroffen hatte oder noch die letzten Klänge der Komposition davor durchs Wohnzimmer wehten.

Wenn sich die Welt dann 33 1/3 Mal pro Minute um die Musik drehte, bedeutete das Entschleunigung. Einer Band wurde geduldig zugehört. Auf einem Touchscreen durch die Titel scrollen? Sowas gab es damals nicht einmal an Bord des „Raumschiffs Enterprise“. Ein Knistern lag in der Luft, es knackste, rauschte und rumpelte. „Das Leben hat nun mal Oberflächengeräusche“, pflegte die britische Radiolegende John Peel den durch Staub und Kratzer verursachten Sound zu kommentieren.

Schließlich: So eine Platte musste wegen des begrenzten Abspielplatzes irgendwann einmal umgedreht werden, was Teil der Zeremonie war. Bei den Singles befand sich das Lied, weswegen der Kauf hauptsächlich getätigt worden war, üblicherweise auf der A-Seite, auf der anderen, der B-Seite, hingegen ein weniger populäres Stück. B-Filme oder ein Plan B erschienen fortan stets als die schwächere Alternative. Allerdings kam es zuweilen vor, dass die B-Seite sich als die bessere herausstellte, etwa bei Reinhard Meys Lied „Über den Wolken“, das sich auf der Rückseite von „Mann aus Alemannia“ befand.

Der Erwerb einer LP setzte den Gang in eines der Musikgeschäfte voraus, die damals noch zahlreich vorhanden waren. Die Auswahlkriterien waren streng, denn die Kosten für ein Album entsprachen in etwa dem Monatsbeitrag, der heute für einen Streamingdienst mit schier unüberschaubarer Anzahl von Titeln zu entrichten ist. Schwarzes Gold, gewissermaßen. So entstand im Lauf von Jahrzehnten eine Sammlung, bei der jedes Einzelexemplar mit einer Erinnerung verknüpft war.

HiFi-Nerds schwören bis heute auf den wärmeren Klang, der aus der Rille kommt. Obendrein wirkt ein moderner, bis zu mehrere Tausend Euro teurer Plattenspieler oder auch ein älteres Exemplar in diesen Tagen wie ein kulturelles Statement. Dabei ist die Schallplatte der digitalen Wiedergabe technisch hoffnungslos unterlegen. Ausgerechnet ihre Unzulänglichkeiten aber tragen offenbar dazu bei, dass der Klang als atmosphärischer, räumlicher, satter empfunden wird: Der Höhenpegel ist reduziert, im Bassbereich herrschen Verzerrungen, alles zusammen erhöht paradoxerweise die Empfindung von Harmonie. Mag sein, dass diese Unschärfe den Raum für ein Geheimnis schafft. Das macht einen klaren Ausgang des Streits zwischen Traditionalisten und Modernisten unmöglich.

Eine CD ist unbestechlich, Musik streamen nahezu steril. Eine Schallplatte indes steckt voller Unzulänglichkeiten. Aber vielleicht macht es sie deshalb so sympathisch, vielleicht erkennen wir uns selbst in ihr wieder – ein wenig abgespielt schon, mit manchem Kratzer, in den Höhen nicht mehr ganz so präsent, dafür im Volumen durchaus passabel.

Vinyl steht eben für Gefühl.