Berlin: Deutscher Filmpreis: Tom Tykwers "Drei" ist Favorit

Berlin: Deutscher Filmpreis: Tom Tykwers "Drei" ist Favorit

Die deutsche Zerknirschtheit tritt ja immer dann besonders zu Tage, wenn es etwas zu feiern gibt. Wenn also heute Abend in Berlin die Deutschen Filmpreise vergeben werden, wird es wieder Nörgler geben, die nach Hollywood schielen und den Glamour vermissen. Natürlich ist Deutschlands Filmpreis, die Lola, nur Oscars kleine Schwester. Doch zeigen die nominierten Werke, dass der deutsche Film inzwischen Qualität in vielen Genres bietet – die Vielfalt der Erzählweisen bei den Lola-Kandidaten zeichnet diesen Jahrgang aus.

Da ist etwa der Favorit, Tom Tykwers sechsfach nominierte Beziehungskomödie "Drei", eine leichte, rau-charmante Dreiecksgeschichte, vollgesogen mit dem Prenzlauer-Berg-Lebensgefühl intellektueller Enddreißiger. Mit ihm konkurrieren Historienfilme wie der schmissige "Goethe!", der etwas pedantische RAF-Film "Wer wenn nicht wir" oder das opulent ausgestattete Drama "Poll". Lolas könnten auch das unkonventionelle Roadmovie "Vincent will meer" gewinnen oder die betörende Tanz-Doku "Pina" in 3D oder Geschichten, die sich mit Migration beschäftigen – komödiantisch wie "Almanya" oder dramatisch wie "Shahada". Es spricht für die Lebendigkeit der deutschen Szene, dass Filmemacher nicht einer bestimmten Masche folgen, sondern gute Geschichten erzählen müssen, um anerkannt zu werden. Einziges Zeichen deutscher Piefigkeit ist die Nominierung des Fußball-Historien-Dramas "Der ganz große Traum" .

Für die Branche war 2010 ein maues Jahr, der Umsatz ging um knapp sechs Prozent zurück, die Zuschauerzahlen um 13,5 Prozent. 126,6 Millionen Tickets wurden laut Filmförderungsanstalt verkauft. Doch die 1100 Mitglieder der deutschen Filmakademie, die über die Lolas befinden, müssen solche Zahlen nicht interessieren. Geht es beim Filmpreis doch um die Auszeichnung herausragender Leistungen – auch von Darstellern. Bei den Frauen ist die hinreißende Sophie Rois die Favoritin, spielt sie in "Drei" doch ihre ganze jungenhaft herbe und doch warmherzige Faszination aus. Allerdings hat auch Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin in "Wer wenn nicht wir" starken Eindruck hinterlassen. Bei den Männern würde man Alexander Fehling für seine leidenschaftliche Goethe-Darstellung die Lola gönnen. August Diehl wäre eine laue Entscheidung, Florian David Fitz dagegen ist die Seele des Überraschungserfolgs 2010 "Vincent will meer".

Moderiert wird die Gala heute von Barbara Schöneberger. Wer sich die diesjährige Oscarverleihung angesehen hat, weiß, dass die Hollywood-Neider sich beruhigen können. Den Vergleich mit Anne Hathaway und James Franco muss Deutschlands Moderatoren-Superweib nicht scheuen.

(RP)
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