Mülheim/Ruhr: Asylbewerber spielen sich selbst

Mülheim/Ruhr: Asylbewerber spielen sich selbst

Adem Köstereli bietet in Mülheim mit fünf Migranten einen Bilderreigen.

Sie trauen den Wörtern nicht, sie sprechen in Bildern und in Bewegungen. Sie sind zu fünft, verschiedener Nationalität, aus Mülheimer Asylbewerberheimen, und seit einem halben Jahr entwickelten sie mit dem Regisseur Adem Köstereli "ihr Ding", das den Titel "Zwei Himmel" bekam. Der Austausch fand in der ihnen gemeinsamen Fremdsprache Deutsch statt, aber Erfahrungen von Verlust und Flucht bildeten die Grundierung ihrer Arbeit.

Zwei junge Frauen und drei junge Männer gaben ihre Nachtmare preis in Bildern. Sie überwanden ihre Scheu. Sie fingen an zu spielen. Und was ihnen in ihrem Stück "Zwei Himmel" über die Lippen kommt, ist oftmals mehr Geräusch als Sprache, ist Flüstern und Stammeln, Beschwörung und Gebet. Das Schweigen überwiegt. In einem abgenutzten Industriebau aus den 30er Jahren - der im Verlauf seiner wechselvollen Geschichte auch Spätaussiedlern und Asylbewerbern aus vieler Herren Ländern eine vorübergehende Bleibe bot - hat die Gruppe ihre Bühne gefunden. Abgenutzte Beton-Ästhetik umfängt das Spiel der Figuren, als wären sie dort zuhause. "Bleibt", hat jemand an die Wand gesprayt. Der Hinweis auf die bevorstehende Gebäudesanierung meint eine Wand, die nicht eingerissen werden soll. Das fehlende Ausrufungszeichen, das die Anweisung in eine Aufforderung ganz anderer Art verwandelte, bezeichnet demnach eine Utopie: "Bleibt!"

Der Zuschauer erlebt das changierende Spiel verschiedener Wirklichkeiten: zum einen der Realität des Briefträger/Mittlers/Engels, der im Asyl einen Ablehnungsbescheid zustellt und dabei von Phantasien übermannt wird, die sich als schwarz gewandete Figuren manifestieren. Zum anderen der Realität dieser gesichtslosen Geister-Silhouetten, die ihrerseits verstrickt sind in Erinnerungen wie in tiefe Träume. Als Flüchtlinge suchen sie nach ihrer Identität. Die verlorene Heimat erscheint ihnen in Bildern des Werdens und Vergehens, im Lebenszyklus der Begegnung von Mann und Frau, der Trennung, des Todes. Traditionelle bosnische Weisen verankern das Spiel in der Gegenwart.

Die Inszenierung lässt sich und uns so viel Zeit, dass wir anfangen, die Minuten zu spüren und den beeindruckenden Raum wahrnehmen als einen, in dem "unsere" Flüchtlinge" hausen. Köstereli setzt auf den kreativen Prozess und die Kraft der Bilder, die seine Darsteller ihm vorgespielt haben, um sie loszuwerden. Behutsam gibt er ihnen einen formalen Rahmen und ist damit weit entfernt von den in Mode gekommenen Erscheinungsformen des "dokumentarischen Theaters", das sich oft im Sozialen verliert und die Kunst vergisst.

(RP)
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