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Satire: Exklusiv und fiktiv — das große Lena-Interview (7/7)

Satire : Exklusiv und fiktiv — das große Lena-Interview (7/7)

Düsseldorf (RPO). Nach dem bitteren Ausgang des ESC 2011 in Düsseldorf zog sich Lena Meyer-Landrut drei Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Nun aber, im Jahr 2014 gibt sie unserem Reporter das erste Interview nach der langen Auszeit. Wir veröffentlichen es in sieben Teilen.

Teil 7

Und dann war der große Tag gekommen, der Tages des Finales 2011.

Ja, ich wachte auf mit dem Gefühl, als würde ich an diesem Tag zu meiner eigenen Hinrichtung gehen. Stefan hingegen grinste vor sich hin, weil er ja an dem Abend seinen großen Auftritt hatte und eine Rockversion von "Satellite" spielte. Mit einer Premiere: angeschlossene Instrumente beim ESC. Darauf freute er sich tierisch. Die Buchmacher hingegen hatten mich nochmal weiter nach unten gesetzt. Mit Glück würde ich noch in den Top 10 landen. Ich konnte nicht glauben, dass dieser langweilige Schwiegermutterliebling aus Frankreich und die Frisurterroristen aus Irland den Sieg unter sich ausmachen würden.

Was sie ja dann auch nicht machten, gerade die Franzosen enttäuschten. Das war ein Abend der Überraschungen.

Allerdings. Den Sieger Aserbaidschan hatten ja noch einige auf dem Zettel, aber Italien, Schweden, Ukraine und Bosnien? Ich bitte Sie, das war Musik aus einem Jahrhundert, als wir alle noch nicht geboren waren. Offenbar waren nur Idioten in der Lage zu telefonieren.

So schlecht haben Sie sich dann ja aber nicht geschlagen.

Klar, zehnter Platz mit einem Song, der keiner war - mehr war da nicht drin. Trotzdem: An diesem Abend hat sich das ganze Ausmaß der europäischen Geschmacklosigkeit gezeigt.

Wie fanden Sie den Siegersong?

Ich war überrascht, dass die beiden es nicht gleich auf der Bühne trieben. Bitte zwingen Sie mich nicht, mich an den Song zu erinnern. Oo, ooo, oo, ooo... verdammt. Sie Idiot.

Sie hatten so dunkle Augen an dem Abend. Es war fast unheimlich.

Ja, später kamen Leute zu mir, die sagten, sie hätten Angst, dass meine Augen alles Licht in der Umgebung aufsagen würden. Vielleicht bin ich ja deshalb nur zehnte geworden. Die Aserbaidschanerin ist auch irgendwann zu mir gekommen und hat gesagt, dass man Leute wie mich in ihrem Heimatdorf noch immer auf den Scheiterhaufen stelle.

Es war ja dann bei der Punktevergabe sehr schnell absehbar, dass Sie irgendwo im Mittelfeld landen würden. Wie gingen Sie mit dieser Erkenntnis um?

Für ein paar Minuten war ich nur froh, dass dieser Quatsch endlich vorbei ist. Dass ich noch ein paar Interviews gebe und dann erstmal meine Ruhe haben. Aber auch damals stellte ich mir schon die Frage: Und was kommt danach? Wie will ich das, was ich geschafft habe, je wieder erreichen? Dieses Gefühl verfolgte mich die nächsten Jahre. Und es hat lange gedauert, bis ich es wieder loswurde.

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Das hat wohl mit der Sache in Australien zu tun, oder?

Ja. Wissen Sie was? Jetzt erzähle ich Ihnen, was in Australien passiert ist. Sie lassen ja doch nicht locker.

Schießen Sie los.

Wo fange ich? Mmm… also ich war dort schon eine ganze Weile herumgeirrt, Sydney, Melbourne, Strände, Jungs und so weiter. Dann beschloss ich, dass ich genug Menschen gesehen hatte und mietete einen Wagen, um einfach mal ins Landesinnere zu fahren, also in die totale Ödnis.

Kein schöner Ort.

Aber der beste Ort, um endlich zu sich selbst zu finden.

Das klingt jetzt aber wie in einem schlechten ARD-Film.

Stimmen kann es ja aber trotzdem. Bei mir war es auf jeden Fall so.

Sie sind also in die australische Wüste gefahren?

Ja, mit so einem alten Jeep. Einfach drauf losgefahren. Ich hatte mir nicht mal eine Karte eingepackt. Ich fuhr, bis um mich herum nur noch Wüste war. Ein gutes Gefühl, einfach mal über Stock und Stein zu brettern und niemanden zu sehen außer vielleicht mal ein komisch aussehendes Tier.

Mir wäre das ja zu heiß.

Ach, Sie halten einfach nichts aus. Es war einfach toll, seinen Kopf leerzufahren. Aber dann passierte, was passieren musste. Ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich war, und es wurde dunkel. Ohne Karte nicht die angenehmste Situation. Und um mich herum nichts, also wirklich nichts. Nicht mal so ein wahnsinniger Killer, der ja in Filmen häufiger in solchen Gegenden herumläuft.

Lassen Sie mich raten, dann ging auch noch Ihr Benzin zur Neige?

Ja, so war es aber wirklich. Ich hielt dann an, um mit dem Restsprit bei Tageslicht weiterzufahren, auch wenn ich Angst hatte, diese Gegend überhaupt nicht mehr zu verlassen. Und dann sah ich plötzlich diesen gelben Fleck.

In Ihrem Auto?

Nein, in der Ferne.

Und was war das für ein Fleck?

Das wusste ich auch nicht. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg, bis ich erkannte, dass der gelbe Fleck das Licht war, das durch ein Fenster drang. Dort hinten stand tatsächlich ein Haus.

Und da sind Sie einfach mal drauf zugelaufen?

Klar, es war ja meine einzige Chance. Ich kam immer näher und sah, dass es ein ziemlich zerfallenes Haus war, mit einem schiefen Dach, einem verrosteten Tor und einem ziemlich fahruntüchtigen Auto vor dem Schuppen. Ich hatte zwar keine Ahnung, was mich da erwartete, aber wo Licht brannte, da wohnten zumindest Menschen. Also klopfte ich an.

Ich wäre vor Angst weggerannt in dieser Situation.

Sie sind wirklich wie ein kleines Kind.

Öffnete jemand?

Erstmal passierte gar nichts, also klopfte ich noch mal, immer noch keine Reaktion. Ich klopfte ein drittes Mal. Dann rief jemand "Ja, Moment". Und zwar nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch. Die Stimme kam mir irgendwie bekannt vor. Die Tür ging auf und vor mir stand ein - ich muss es so sagen - wirklich widerlich aussehender Mann. Uralt, Halbglatze, zottelige Haare an den Rändern, eingefallenes Gesicht, mit Ölflecken beschmutzter Pullover, zerschlissene Jeans. Er sah mich fragend an und ich erzählte ihm meine Geschichte. "Klar, kommen Sie rein", sagte er. Und er führte mich ins Wohnzimmer, jedenfalls sollte es das wohl sein, aber alles war sehr chaotisch, vollgestellt mit Büchern und Tellern und Zeitschriften. An einem Tisch saß eine blonde Frau, die ungefähr genau so verranzt angezogen war wie der Typ. "Setzen Sie sich", sagte er und räumte einen Stuhl frei.

Haben Sie sich nicht geekelt?

Na klar, sehr sogar. Aber ich konnte ja schlecht sagen: "Sorry, mir ist das zu dreckig hier. Ich gehe dann mal wieder und versuche, alleine aus dieser Gegend herauszufinden, auch wenn ich keine Ahnung habe, wo ich überhaupt bin, und Sprit habe ich auch nicht mehr." Ich setzte mich also zu den beiden, die gerade dabei waren, irgendein Kartenspiel zu spielen, ich kenne mich da nicht aus. Zwischen ihnen stand eine Flasche Wein. Sie sahen mich an und ich sah sie an und dann wurde mir plötzlich klar, an wessen Tisch ich da saß.

Und zwar?

Das waren niemand anderes als Ralph Siegel und Nicole.

Nein.

Doch, die beiden alten ESC-Helden. Ich sah nochmal genauer hin, denn sie waren wirklich verranzt, und in dem Moment erkannten sie, dass ich sie erkannt hatte, und sie grinsten. "Ja, wir sind es", sagte Nicole, "wollen Sie auch ein Glas Wein?" Ich nickte und dann erzählten sie mir die ganze Geschichte. Sie beide waren jahrzehntelang alten Erfolgen hinterhergerannt, den größten hatten die beiden ja 1982 zusammengefeiert mit Nicoles Sieg beim Song Contest. Daran waren sie nie mehr herangekommen und als sie erkannten, dass dies auch nie mehr so sein würde... also das hat sie ziemlich fertiggemacht. Also beschlossen sie so wie ich, erstmal alles hinter sich zu lassen und nach Australien zu fahren. Vor zwei Jahren war das.

Und dann landeten sie in der Wildnis?

Ja, sie fuhren direkt ins Landesinnere und entdeckten dieses Haus, eigentlich ja mehr eine Hütte. Und dort wollten sie erstmal bleiben und mit sich klarkommen. Dieses Gefühl überwinden, nicht mehr gut genug zu sein, das Beste schon hinter sich zu haben. Währenddessen ließen sie das Haus ziemlich herunterkommen, kümmerten sich kaum um den Abwasch und solche Dinge, das war ihnen einfach egal.

Ich kann es mir kaum vorstellen.

Stimmt aber. Und als sie eines Tages im größtmöglichen Chaos saßen, dass man sich vorstellen kann, so dass sie kaum noch einen freien Platz zum Sitzen fanden, da stellten sie fest: Wenn sie nun einfach in ihrem Müll liegenbleiben würden, bis ans Ende ihrer Tage, wenn sie also keinen Finger mehr krumm machen würden, dann hätten sie immer noch mehr erreicht als die meisten anderen Menschen auf dieser Welt. Auch wenn das schon so weit zurücklag. Und genau das taten sie fortan auch: nichts mehr. Und sie fühlten sich gut dabei. Da verstand ich.

Was?

Na dass ich auch schon jetzt mehr erreicht hatte als die meisten anderen Menschen. Und im Gegensatz zu Ralph und Nicole hatte ich sogar noch mein ganzes Leben vor mir. Ich konnte mit allem scheitern, was ich anpacken würde, und trotzdem wäre da immer noch der Eurovision Song Contest 2010. Das konnte mir keiner nehmen. Diese Erkenntnis war ungeheuer befreiend für mich.

Und dazu verhalf Ihnen ausgerechnet Ralph Siegel, Stefan Raabs größter Kontrahent?

Sie denken immer gleich so. Mir war es ziemlich egal, wer mir zu dieser Erkenntnis verhalf.

Wie ich sehe, haben Sie sich aber nicht dazu entschlossen, in Australien zu bleiben und mit den beiden bis ans Ende Ihrer Tage in einer versifften Bude zu hausen.

Die beiden doch auch nicht.

Wie meinen Sie das?

Wenn wir gleich dieses Interview beendet haben, verlasse ich diesen Raum und setze mich in ein Taxi. Das fährt mich direkt ins Studio von Ralph Siegel. Er wartet dort schon mit Nicole auf mich. Zusammen nehmen wir einen Song auf, mit dem wir beim Vorentscheid des ESC antreten wollen.

Aber in Deutschland herrscht doch Stefan Raab.

Ich trete doch nicht für Deutschland an. Ich trete für Österreich an. Wird das ein Spaß. Verdammte Axt!