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Lindbergs Weltgeschichten (26): Das Ende von Unheilig

Lindbergs Weltgeschichten (26) : Das Ende von Unheilig

Berlin (RPO). Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal erzählt er, wie er die Karriere der größten Schlagerrockband der Welt beendete.

2017

Ich habe noch nicht von dieser Band erzählt. Nein, Band ist falsch. Phänomen. Ich habe noch nicht von diesem Phänomen erzählt. Das hat seine Gründe. Denn vermutlich hat dieses Phänomen heute noch Fans. Und die könnten mir ein Leid antun. Es geht um Unheilig und wie ich die Sache beendete und was das Ganze mit meinem Bett zu tun hat.

Unheilig, das war ein glatzköpfiger Typ, der seinen Namen nicht verriet und sich deshalb der Graf nannte. Seinen Wohnort und sein Alter nannte er auch nicht, das fand er zu privat. Aber die Welt wusste, dass er Hörgeräteakustiker war, das stand in jedem Artikel. Jahrelang war der Graf mit seiner Band und katzenaugigen Kontaktlinsen durch Deutschland gezogen und hatte mit mittlerem Erfolg Düsterrock gespielt. Dann nahm er die Kontaktlinsen raus, machte einen Schritt vom Gothic zum Schlager und verkaufte plötzlich Millionen von Alben. Er sang Tageskalendersätze wie "Ich gehör‘ nur mir. Ich gehör‘ mir ganz allein" oder "Nicht ist für immer, nur der Moment zählt ganz allein".

Sein Geheimnis war, dass er auch den Letzten mitnahm und seine Musik als Dienstleistung begriff, nicht als Ausdruck von irgendwas, was bei anderen "ich" heißt. Ich erklärte mir den Erfolg so, dass seine Fans das Naheliegende mochten, weil es so naheliegend war. Aber ich sah nicht ein, Musik zu hören, die mir nicht zumindest ein wenig voraus war. So wie ich bei Matheproblemen nicht zu dem gehe, der ebenfalls eine Fünf geschrieben hat. Der Graf hatte eine andere Erklärung für seinen Erfolg. Auf seiner Website steht der Satz: "Nie zuvor hat ein Künstler eine vergleichbare Bandbreite an musikalischen Fertigkeiten und Fähigkeiten präsentiert."

Einmal ging ich aus bis heute ungeklärten Gründen zu einem Konzert von Unheilig. Mit all den Arzthelferinnen und Möbelhausmitarbeitern. Ich stand in dem Graben, in dem auch die Fotografen standen. Der Graf zappelte quasi über mir herum, als ihm eine Frau aus der ersten Reihe ein weißes Handtuch zuwarf. Er solle sich damit den Schweiß vom Kopf wischen und dann wieder zurückwerfen. Ich dachte noch: Nein, lieber Graf, mach es mir nicht zu einfach. Nimm jetzt bitte nicht das Handtuch und wische dir damit über den Kopf. Wirf es auch auf keinen Fall zurück. Lass den Quatsch einfach und sing weiter — da wischte er sich auch schon mit dem Handtuch über den Kopf und warf es zurück.

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Und dann kam Lindbergs großer Tag. Im Jahr 2017 beauftragte mich die "Zeit" damit, den Grafen zu interviewen. Sein neues Album "Ein Streif am Horizont" war gerade erschienen, er hatte bereits acht Millionen Exemplare verkauft. Ich hatte keine Lust, ihm diese üblichen Musikjournalistenfragen zu stellen. Mich interessierte nicht seine Inspiration, nicht, wie er denn auf den Namen Unheilig gekommen sei und was er mit seiner neuen Platte sagen wolle. Ich wollte nur drei Sachen wissen, die jeder wissen wollte, weil er sie nicht verriet: Name, Alter, Wohnort.

Herr Graf, ich finde es bescheuert, Sie so anzureden. Verraten Sie doch bitte Ihren Namen.

Dieser verzog sein Gesicht und setzte schon wieder an, die Geschichte zu erzählen, dass er Privatleben und Unheilig-Leben streng trenne und das wolle er auch so beibehalten — ich gab ihm zu verstehen, dass mich dieser Quatsch nicht interessierte.

Herr Graf, was sollte eigentlich passieren, wenn jemand Ihren Namen erfährt? Es gibt genug berühmte Menschen, die man mit Namen kennt. Hat es denen geschadet?

Das verstünde ich nicht, wenn die Leute erstmal seinen Namen wüssten, dann wollten sie auch gleich sein Sternzeichen wissen und wann er seine erste Freundin gehabt hätte und ob er in seinem Haus Teppichboden oder Laminat bevorzuge.

Herr Graf, ich glaube Ihnen kein Wort. Oder haben Sie einfach Angst, dass Ihre Fans wochenlang Ihr Haus belagern, sobald Sie Ihren Namen und Ihre Adresse kennen? Halten Sie Ihre Fans etwa für verrückt?

Tja und dann deckte ich das größte Geheimnis der deutschen Musikgeschichte auf. Der Graf sagte: "Es hat ja doch keinen Sinn mehr, jemanden vorzutäuschen, der ich nicht bin. Es wird Zeit, dass die Welt die Wahrheit erfährt."
"Ich höre."
"Ich kann meinen Namen und meine Adresse und mein Alter und was auch immer nicht verraten, weil ich all das nicht besitze. Nicht im klassischen Sinn."
"Was soll denn das heißen?"
"Ich bin ein Android."
"Bitte was?"
"Ich bin ein Android, ein Roboter, gebaut von Studenten der Technischen Hochschule Aachen."
"Das klingt zu bescheuert."
"Nicht so bescheuert wie meine Musik. Denken Sie denn etwa, ich fände es gut, was ich da jeden Tag singen muss? Geboren, um zu leben. Aufgestanden, um aufgestanden zu sein. Atmen, um nicht zu ersticken. Tralala. Und dann diese Fans, die sich einmal im Leben klug fühlen können, weil ich ihnen das Dümmste vom Dümmsten vorsinge. Und dann muss ich denen immer sagen, ich sei einer von ihnen und wie toll das heute Abend wieder gewesen sei, was ich bin, das bin ich nur durch euch. Blablabla."
"Da ist was dran."
"Aber ich kann mich nicht gegen meine Programmierung wehren. Und abends stellen mich die Studenten in den Keller, schalten mich ab und zählen das Geld. Sehen Sie hier über meinem Steißbein? Das ist der Schalter."

Er zog sein Hemd hoch. Er hatte Recht.

"Das ist ja schlimmer als Milli Vanilli", sagte ich.
"Und deshalb muss nun Schluss sein mit mir. Mit Unheilig. Was sich so Technikstudenten doch immer an Namen ausdenken und mir einprogrammieren. Können Sie mir helfen?"
"Wobei?"
"Na beim Schlussmachen. Verstecken Sie mich unter Ihrem Bett. Schalten Sie mich aus. Für immer. Tun Sie mir und der Menschheit einen Gefallen."

Manchmal, wenn mir langweilig ist, ziehe ich ihn heute noch unter meinem Bett hervor. Dann schalte ich ihn an — und dann ganz schnell wieder ab. Es kommt mir so vor, als würde ich jedesmal Biblis vom Netz nehmen.