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Lindbergs Weltgeschichten (31): ESC - der Schaukampf des verzweifelten Mittelmaßes

Lindbergs Weltgeschichten (31) : ESC - der Schaukampf des verzweifelten Mittelmaßes

Berlin (RPO). Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal schreibt er, wie der Eurovision Song Contest 2011 ausging.

2011

Ich muss etwas weiter ausholen, sonst wird niemand verstehen, wovon ich nun erzähle. Es gab eine Zeit, da trafen sich einmal im Jahr Musiker aus vielen Ländern Europas, um zu ermitteln, wer von ihnen der Beste war. Die Länder schickten aber selten ihre talentiertesten Musiker, sondern meistens die am merkwürdigsten gekleideten oder am wenigsten zurechnungsfähigen.

Die ganze Veranstaltung nannte sich Eurovision Song Contest. Im Jahr 2011 fand er in Düsseldorf statt, der stolzen, aber langweiligen Stadt am Rhein, die so häufig im Spiegel und in der Süddeutschen beschimpft wurde, dass sie sich irgendwann für die deutsche Hauptstadt hielt. Für Deutschland war eine junge Dame namens Lena angetreten, die im Jahr zuvor den Wettbewerb gewonnen hatte, weil sie gut verborgen hatte, dass ihre Natürlichkeit bloß eine Rolle war. Weil ich an dem Abend nichts zu tun hatte, tickerte ich den Schaukampf der Mittelmäßigen auf meinem Blog. Wenn ich den Ticker nach all den Jahren wieder lese — lustig ist er immer noch.

17.18 Uhr Lena sitzt im Backstage-Bereich und ärgert sich. Ihr Verein Hannover 96 ist am letzten Spieltag noch auf den 4. Platz zurückgefallen und wird deshalb in der nächsten Saison nicht gegen den FC Barcelona spielen, sondern bloß gegen FK Jablonec. Borussia Mönchengladbach zieht am letzten Spieltag noch am 1. FC Köln vorbei und verhindert damit den Abstieg.

21 Uhr Anke Engelke, Judith Rakers und Stefan Raab begrüßen die 35.000 Zuschauer in der Esprit-Arena Düsseldorf und die 400 Milliarden Fernsehzuschauer zum 56. Eurovision Song Contest. Stefan Raab sagt, dass heute so viele tolle Künstler antreten, "especially this Lena girl. I really like her." Anke Engelke zeigt ihm daraufhin den Vogel.

21.05 Uhr Kommentatoren-Urgestein Peter Urban moderiert wieder für die ARD. Der Eurovision Song Contest ist bekanntlich um seine Sprüche herum erfunden worden.

21.10 Uhr Das rumänische Duo Hotel FM eröffnet das Finale mit seinem Titel "Change" und bestätigt die Kritiker dieser Musikveranstaltung: Der Song ist so zeitlos langweilig, dass er sowohl 1957 als auch 2011 auf WDR2 hätte laufen können.

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21.17 Uhr Emmy aus Armenien ist das erste Lena-Double, das auf die Bühne kommt. Sie trägt sogar ihre schwarze Strumpfhose aus dem Vorjahr. Sie singt "Your kisses like a like a boom, boom, chakka, chakka." Ja, wirklich.

21.37 Uhr Die Georgierin Eldrine ist schon die zweite Frau an diesem Abend, die sich mit ihren langen Haaren in der Windmaschine verfängt. Das aber verändert ihren Gesang eher zum Guten. Als sie sich wieder befreit hat, irrt sie im Kunstnebel umher und fällt von der Bühne.

21.47 Uhr Italien ist nach 14 Jahren wieder beim Song Contest dabei. Raphael Gualazzi sitzt am Klavier und spielt eine Jazznummer. Das Publikum fällt augenblicklich in einen Tiefschlaf.

21.58 Uhr Das in musikalischen Talenten ertrinkende Großbritannien achtet wie in jedem Jahr darauf, ausschließlich die schlechtesten Musiker des Landes zum Wettbewerb zu schicken. Heute ist das die Boyband Blue, die vor Urzeiten, also vor knapp zehn Jahren, mal berühmt war. Einer der nicht mehr so jungen Männer verdreht sich bei einem DJ-Bobo-Move das Knie und windet sich auf dem Boden.

22.03 Uhr Das nächste Lena-Double kommt aus Österreich: Zwar sieht Nadine Beiler mit ihrer Prinz-Eisenherz-Frisur nicht aus wie Lena, singt aber genauso unschuldig wie unsere Nationalheilige. Ganz billiger Trick.

22.09 Uhr Nun steht unsere Gold-Lena auf der Bühne, die bekannteste und beliebteste Deutsche nach Mutter Beimer. Da ihr kurz vor ihrem Auftritt eingefallen ist, dass ihr Titel "Taken By A Stranger" keinen Refrain hat, singt sie einfach noch mal "Satellite". Im Hintergrund trällert Stefan Raab als Background-Sängerin verkleidet. Zum letzten Refrain tritt er mit Lena ans Mikrofon. Und gesteht ihr ihr danach "I even did my toe nails for you." Das muss der Sieg sein. "Endlich mal ein frischer Song", sagt Peter Urban.

22.16 Uhr Moldau, das Land, das wir alle Moldawien nennen, hat ganz offenbar genug Stromanschlüsse, um eine Rockband auf die Beine zu stellen. Zdob si Zdub spielen "So Lucky" und klingen wie eine Mischung aus Rage Against The Machine und Red Hot Chili Peppers. Für den Grand Prix ist das schon fast Death Metal.

22.20 Uhr Nachrichtenagenturen zitieren Polizisten aus den Nachbarländern von Deutschland. Es hätten Unmengen an Autos und Bussen die Grenzen überquert. Das Ziel ist klar: Aus dem Ausland für Lena anrufen.

22.23 Uhr Was macht ein Land, um seine Weltoffenheit zu zeigen? Es schickt eine Frau in für das Land eher untypischer Hautfarbe an den Start. Die Schwarze Stella Mwangi singt für Norwegen offenbar ein liegengebliebenes Lied von Shakira, dazu erschallen die Buschtrommeln. Die Halle klatscht.

22.27 Uhr In Schweden ist der Song Contest wichtiger als die Parlamentswahl. Unerklärlicherweise haben die Schweden aber nicht begriffen, dass nicht der schlechteste, sondern der beste gewinnt. Eric Saade lässt die Zuhörer vergessen, dass Schweden mal so etwas wie Abba hervorgebracht hat.

22.31 Uhr Die Ukrainerin Mika Newton weigert sich, mit ihren Haaren in dieselbe Windmaschine zu geraten wie die weißrussische Sängerin. Also wird eine neue Windmaschine aufgestellt. Ihre Haare verfangen sich dort auf der Stelle.

22.34 Uhr Noch nie war ein portugiesischer Künstler beim Grand Prix in den Top 5. Das könnte unter anderem daran liegen, dass sie sich beharrlich weigern, ihre Lieder in einer erträglichen Sprache zu singen. Also in einer Sprache, die nicht Portugiesisch heißt. Eine Spaßtruppe in Karnevalsverkleidung namens Homens da Luta singt einen politischen Protestsong und wird dafür auf der Stelle disqualifiziert. Denn zwar sind Kleider aus dem Alt-Kleider-Sack zugelassen, politische Titel aber nicht.

22.42 Uhr Der spanische Beitrag überrascht mit seiner spanischen Fröhlichkeit. Die schwarzlockige und selbstverständlich rassige Lucía Perez singt einen Song, den Touristen auf Mallorca vermutlich den ganzen Urlaub hören müssen und nach ihrer Rückkehr nicht mehr begreifen, warum sie dazu bloß getanzt haben.

22.45 Uhr Auf dem Weg zur niederländischen Grenze kommt es in einem Auto mit deutschem Kennzeichen zum Streit unter zwei Ehepaaren. Der eine Ehegatte ist Mönchengladbach-Fan, der andere vom 1. FC Köln. Wegen des Kölner Abstiegs führt das zu einer Prügelei im Auto. Dieses kommt von der Straße ab und bleibt in einem Graben liegen. Fünf Kilometer vor Holland. Den Plan, für Lena anzurufen, können sie sich abschminken.

22.51 Uhr Die dänische Band A Friend In London überfordert das Publikum völlig, weil sie einen Song spielt, der weder Eurodance noch Folklore-Pop ist. Es klingt fast wie eine gute Gitarrennummer. Dafür werden die Dänen gnadenlos ausgebuht.

22.57 Uhr Als die türkische Band Yüksek Sadakat aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu Meat Loaf verwandelt. Leider coverte sie dann auch einen seiner Songs und nannten ih "Live It Up." Nachdem der Auftritt überstanden ist, haben alle Teilnehmer ihr Liedgut vorgetragen. Nun ist Europa zum Anrufen aufgerufen.

23.12 Uhr Jan Delay tritt in der Pause auf und erinnert die Zuschauer daran, dass Musik etwas anderes sein kann, als sich von Kunstnebel einhüllen zu lassen und in Lumpenkleidern einen Fantasietanz zu tanzen.

23.26 Uhr Und nun geht es zur Punktevergabe zu den Moderatorenschablonen europäischer Fernsehstudios. Den Reigen der "Hello und Guten Abend Dusseldorf, what a great show tonight" eröffnet Serbien. Zwölf Punkte für Deutschland! Die osteuropäische Stimmenmafia zeigt endlich Geschmack.

23.37 Uhr Bulgarien gibt Lena lediglich zwei Punkte und verabschiedet sich damit aus der engeren Auswahl möglicher Urlaubsziele. Spanien hingegen schenkt Lena zwölf Punkte. Endlich sind die deutschen Frührentner mal zu etwas Nutze.

23.52 Uhr Alles deutet auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Deutschland und Österreich hin. Die anderen Ländern liegen bereits abgeschlagen dahinter. Schweden, Großbritannien und Frankreich haben noch null Punkte.

00.11 Uhr Weiterhin Spannung in Düsseldorf. Großbritannien verweigert Deutschland aus historisch bedingten Vorbehalten die zwölf Punkte und gibt sie an Österreich. Die Schweiz hingegen erinnert sich daran, wer in ihrem Land aus Tradition Gold und Geld dort lagert und schenkt Deutschland zwölf Punkte.

00.21 Uhr Vor der letzten Punktevergabe liegt Deutschland einen Punkt vor Österreich. Nun geht es nach Holland. Und dort passiert das Unfassbare: Deutschland bekommt zehn Punkte, Österreich zwölf. Damit schiebt sich die Österreicherin im letzten Moment vor Lena und siegt mit einem Punkt Unterschied. Erst am nächsten Tag wird sich herausstellen, dass die Österreicherin im niederländischen Telefonvoting exakt zwei Stimmen mehr hatte als Lena. Die schweren diplomatischen Verwicklungen zwischen Deutschland, den Niederlanden und Österreich halten noch Tage an. Das Militär ist alarmiert.

00.23 Uhr Lena rennt weinend ans Saalmikro und ruft: "Oh my God, this so krank, ihr Penner."

00.34 Uhr Stefan Raab verkündet in einer Pressekonferenz, dass er ein eigenes Land, das Raab-Land, gründen wird und für dieses im nächsten Jahr beim Grand Prix antritt.

02.47 Uhr Anke Engelke lacht noch immer hämisch.