Games-Kritik: Mass Effect 2: Das dreckige Dutzend

Games-Kritik : Mass Effect 2: Das dreckige Dutzend

Düsseldorf (RPO). Der zweite Teil des Science-Fiction-Rollenspiels ist endlich da. Und Entwickler Bioware zeigt uns die dunkle Seite der Galaxis: die Helden sind angeknackst, der galaktische Rat leckt sich die Wunden. Und zwischen Piraten, Söldner und Kartellen wächst die Bedrohung aus dem ersten Teil. Das Spiel besticht durch eine grandiose Atmosphäre. Und die wiegen kleine Mängel in der Steuerung wieder auf.

Die Story Commander Shepard ist wieder da. Der Held aus dem ersten Teil macht sich wieder auf, um die Bedrohung durch die seltsamen Maschinenwesen Reaper aufzuhalten. Es gibt da aber ein kleines Hindernis: Er stirbt gleich zu Beginn. Allerdings wird er von der zwielichtigen Geheim-Organisation "Cerberus" mit allem, was SciFi-Medizin hergibt, ins Leben zurückgeholt. Natürlich ist das nicht umsonst. Der Commander soll für "Cerberus" arbeiten und klären, warum weit entfernte menschliche Kolonien von dem geheimnisvollen, insektoiden Volk der "Collectors" überfallen und entführt werden.

Shepard traut der manipulativen Geheim-Organisation zwar nicht über dem Weg. Vor allem nicht, nachdem er im ersten Teil sporadisch auf ihre menschen- und alienverachtenden Experimente gestoßen ist. Aber eine große Wahl bleibt ihm nicht. Der Commander wird nach seinem Tod zwar offiziell als Held gefeiert, inoffiziell möchte der neue galaktische Rat aber kaum etwas mit ihm zu tun haben.

Auch die große Liebe aus dem ersten Teil wendet sich von ihm ab — weil er nun für "Cerberus" arbeitet. Denn die faschistoid anmutende Organisation tut alles, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Und mit alles ist tatsächlich alles gemeint: Moral, Ethik und Skrupel sind für "Cerberus" Fremdworte. Nicht gerade der beste Partner, den Shepard sich wünschen kann.

Als ob das nicht düster genug wäre, bewegt er sich in einer Region der Galaxis — den Terminus-Systemen -, in denen Mafia-Kartelle, Söldner und Piraten ihr eigenes Recht geschaffen haben. Kein Wunder, dass die "Collectors" gerade dort zuschlagen, wo sich kein Widerstand formieren kann. Um sie aufzuhalten, schart Shepard eine Reihe von Mitstreitern aus teils alten, teils neuen Charakteren um sich.

Doch dieses "dreckige Dutzend" kämpft mit eigenen Problemen, die er lösen muss — wenn er ihre Loyalität gewinnen möchte. Dafür bewegt sich der Commander zwischen Rachegelüsten, Morden und Bombenanschlägen. Es sind schwere moralische Entscheidungen, vor denen Shepard steht. Doch nur so kann er die "Collectors" aufhalten, hinter denen der alte Feind, die Reapers, stehen. Und je nach Spielweise werden auch nicht alle Gefährten überleben.

Spielstände aus Teil eins Wer seinen Spielstand aus den ersten Teil importiert, wird im Laufe des Spiels mit den Folgen seiner Entscheidungen aus der Vergangenheit konfrontiert. Das kann witzig bis tragisch sein. Und an einer Stelle erhält man sogar einen Ausblick auf den dritten Teil - je nachdem, ob man díe letzte Königin des Insektenvolks Rachni getötet oder am Leben gelassen hat.

Kopierschutz und Download-Content Einen Kopierschutz wie im ersten Teil gibt es nicht. Trotzdem sollte man sich registrieren. Dadurch erhält man Download-Inhalte, die Bioware immer weiter ausbauen möchte. Gleich zu Beginn ist das die Absturzstelle der alten Normandy und ein neuer Charakter. Eine besondere Rüstung soll folgen.

Grafik In der PC-Version wirkt die Grafik durch die Lichteffekte dynamischer und realistischer als im ersten Teil. Die Qualität ist aber nur ein wenig besser geworden. Weil das Spiel zeitgleich für die XBox erschienen ist, konnten die Entwickler eben keine komplett neue Grafik-Engine einführen. Das ist indes kein Nachteil. Mass Effect 2 läuft selbst auf älteren Rechnern ohne große Qualitätseinbußen flüssig.

Steuerung/Handling Wer den ersten Teil kennt, muss sich bei der Steuerung kaum umgewöhnen. Gut ist, dass auf ein Inventar-System verzichtet wurde. Im ersten Teil war es ziemlich unübersichtlich. Nun sammelt Shepard alles Wichtige automatisch ein. Neue Waffen und Rüstungen gibt es zudem nur über Forschung an Bord seins Schiffes — der neuen, verbesserten "Normandy".

Gewöhnungsbedürftig ist das neue Waffensystem: Im ersten Teil kühlten die SciFi-Pistolen und -Gewehre von alleine ab und waren dafür im Extremfall einige Sekunden blockiert. Im zweiten Teil benötigt man Kühl-Magazine - die indes ständig ausgehen. Erledigte Gegner hinterlassen zwar dankenswerter Weise immer wieder so eine Waffen-Kühlbox. Doch im Eifer des Gefechts müssen die erst einmal eingesammelt und nachgeladen werden. Das kann man mögen, muss man aber nicht.

Denn das degradiert die Hightech in den Händen irgendwie zu stinknormalen Waffen. Der Effekt zeigt sich mit der Zeit im Laufe des Spiels während schwieriger Missionen. Man kann nicht einfach rumballern, um zum Ziel zu kommen. Vielmehr muss man taktisch vorgehen, sehr gezielt schießen, und die eigenen Fähigkeiten sowie die des Teams geschickt einsetzen. Nichts für Leute mit einem nervösen Zeigefinger.

Die nervigen Planeten-Missionen, bei denen man mit dem Erkundungspanzer "Mako" über nur wenig abwechslungsreiche Oberflächen fuhr, hat Bioware abgeschafft. Das klingt zunächst gut. Dafür darf man nun aber mit einem Scanner (rechte Maustaste) auf der Suche nach Rohstoffen über die Oberfläche fahren. Und das ist auf Dauer leider so eintönig, dass man sich die Mako-Fingerakrobatik aus dem ersten Teil zurückwünscht.

Fazit Es ist ein düsteres Kapitel, das Bioware mit "Mass Effect 2" aufgeschlagen hat, in das sich auch das dunkle, kompromisslose, aber schlüssige Ende einfügt. Dazu gehört eine sehr frühe Erkenntnis im Spiel: Shepard selbst hat die Reaper auf die Menschheit aufmerksam gemacht, als er im ersten Teil einen von ihnen vernichtet hat. Für das Maschinenvolk eine ganz neue Erfahrung, mit der die Menschheit sehr schnell auf Platz eins der Gegner-Liste aufgerückt ist.

Die Charaktere im Spiel sind so authentisch und überzeugend, die Dialoge so treffend gewählt, dass so mancher Drehbuch-Autor davon etwas lernen könnte . Bisweilen hat man den Eindruck in einem Film mitzuspielen. Die höchste Auszeichnung, die ein Rollenspiel haben kann. Bioware hat einen Meilenstein geschaffen.

Selten hat eine Geschichte so dermaßen gepackt und emotional mitgerissen. Da nimmt man die kleineren Schwächen in Kauf — und wartet ungeduldig auf den letzten Teil. Denn "Mass Effect" soll eine Trilogie sein. "Mass Effect 2" gehört dabei zu einer neuen Art von Spielen, die auch Erwachsene mit Spieltrieb begeistern kann.

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