Gameskritik: "Machinarium": Liebesspiele im Öltank

Gameskritik : "Machinarium": Liebesspiele im Öltank

Frankfurt/Main (RPO). Selten hat ein Computerspiel eine schlichte Handlung so ansprechend umgesetzt wie "Machinarium". Ein kleiner Roboter namens Josef ist in dunklen Kellergewölben gefangen und sucht einen Ausweg. Das junge tschechische Entwicklerstudio Amanita Design hat diese Geschichte in einer traumhaften 2D-Szenerie gezeichnet, mit ebenso intelligenten wie witzigen Spielelementen verknüpft und in einen sphärischen Klangteppich gehüllt.

Der Roboter muss sich am Anfang des Spiels erst einmal selbst zusammenbauen. Seine Einzelteile findet er auf dem Schrottplatz, und das zweite zunächst noch fehlende Ärmchen fischt er mit einem Magneten aus dem Wasser. Dazu werden - wie für ein Point-and-Click-Adventure üblich - Gegenstände gesammelt, in ein Inventar gelegt und je nach Bedarf miteinander verbunden.

Wenn man in einer Spielszene einen Gegenstand verwenden will, in der das nicht passt, schüttelt der Roboter den Kopf. Das Spiel wird ausschließlich mit der Maus gesteuert, je nach Situation verwandelt sich der Cursor und zeigt so die gerade verfügbaren Möglichkeiten an.

Kommunikation in Sprechblasen

Was treibt dieses skurrile Blechdosen-Wesen an? Der Spieler erfährt dies, wenn er Josef eine Weile unbeoachtet lässt, um etwa zwischendurch einer ernsthafteren Aufgabe nachzugehen - das ist gut möglich, weil das "Machinarium" sowohl im Vollbildschirm- als auch im Fenstermodus läuft. Lässt man den Roboter allein, träumt er von einem Robotermädchen. Mal überreicht er dieser Freundin eine Torte, mal badet er mit ihr - in einem Öltank spritzen sie sich gegenseitig voll und kichern. Versteckt sich im "Machinarium" etwa eine romantische Liebesgeschichte?

Die Antwort muss erst mal offen bleiben, denn das Spiel verzichtet auf gesprochene Dialoge. Allenfalls in gezeichneten Sprechblasen findet Kommunikation statt.

Auf dem gemeinsamen Weg mit dem Roboter gelangt man zu einem riesigen Kellerofen mit einer Verladestation. In der Wand gibt es eine Röhrenöffnung, die den Sprung ins nächste Level verspricht. Das Machinarium hält einige wirklich sehr vertrackte Rätsel bereit, deren Logik aber meist überzeugend ist.

In scheinbar ausweglosen Situationen bietet das Spiel zwei Hilfestellungen am oberen Bildschirmrand. Eine Glühbirne zeigt das Ziel des Levels in einer Skizze an. Daneben gibt es ein ausführliches Hilfebuch, dessen Verschluss sich aber erst nach einem Minispiel öffnet: Ein Schlüssel muss an Mauersteinen und Spinnen vorbei ins Schlüsselloch gesteuert werden.

Die unwirkliche Welt des Machinariums hat einen Reiz, dem man sich kaum entziehen kann. Alle Szenen und Figuren sind handgezeichnet und entwickeln in diesem kleinen Computerspiel-Kunstwerk ihre eigene Lebendigkeit. Dazu gehört eine zeitweise beklemmende Atmosphäre, etwa wenn Josef in ein derart kleines Kerkerloch geworfen wird, dass nur noch ein Teil des Bildschirms sichtbar ist. Drumherum ist schwarzes Nichts.

Parodie auf Gewaltorgien von Action-Games

Aber der findige Roboter gibt nie auf. Weil er ein gutes Herz hat, setzt er zunächst alles daran, seinem jämmerlich ausschauenden Mithäftling den Wunsch nach einer Zigarette zu erfüllen. Der ist so schlecht drauf, dass ihm beim Bedanken der Arm abfällt - und dieser öffnet unserem Blechhelden den Weg in die Nachbarzelle und darüber hinaus.

Nach und nach kommen in immer weitere Figuren ins Spiel. Um einer pinkfarben gekleideten Roboterdame den Regenschirm abzunehmen, muss man ihr erst ein Hündchen bringen, das sich hinter Ölfässern versteckt. Also muss man das Roboter-Tier erst mit etwas Öl anlocken und dann mit einer Gummipropfen-Pistole einfangen - eine herrliche Parodie auf die Waffenarsenale und Gewaltorgien von Action-Games. So geht es weiter bis zum Ende, je nach Erfahrung des Spielers etwa sechs Stunden lang.

Das "Machinarium" ist in Flash programmiert - diese Technik ist seit je für Trickfilme bestens geeignet, bietet mit der Skriptsprache ActionScript aber auch vielfältige interaktive Möglichkeiten. Damit kann das Spiel sowohl auf einem Windows-PC (ab XP) als auch auf einem Mac (ab MacOS 10.4 "Tiger") installiert werden.

Festplattenbedarf (350 MB) und der benötigte Arbeitsspeicher (mindestens 1 GB) sind überschaubar. Im Vertrieb von Daedalic Entertainment kostet das Spiel 28,95 Euro - inklusive einer Audio-CD mit dem Sound für lange Regentage und einem Browserspiel von Amanita Design.

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(AP/csr)
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