“Enshrouded“ im Test Wie ein Phönix aus dem Nebel

Düsseldorf · Dass deutsche Entwicklerstudios nicht nur Gurken à la „Gollum“ hervorbringen, beweist Keen Games aus Frankfurt. Ihr neuster Titel ist eine gelungene Mischung aus Sandbox-Game und Survival-Rollenspiel. Wir haben „Enshrouded“ getestet.

“Enshrouded“ entführt uns in die magische Welt von Embervale, wo wir zum Schurken, Krieger oder Magier werden.

“Enshrouded“ entführt uns in die magische Welt von Embervale, wo wir zum Schurken, Krieger oder Magier werden.

Foto: Keen Games

Man nehme eine Prise „The Elder Scrolls: Skyrim“, eine wenig „The Legend of Zelda“ und würze die Mischung mit einer ordentlichen Portion „Valheim“ und schon bekommt man „Enshrouded“. Dieses Rezept liest man aktuell häufiger, wenn es um das deutsche Sandbox-Game geht. Doch was so einfach klingt, funktioniert in der Praxis nicht wirklich. Denn die hessische Survival-Hoffnung ist viel zu vielschichtig, um sie mit Genre-Konkurrenten der letzten Jahre zu vergleichen. Das bedrückende Miasma-System, die liebevoll gestaltete Welt und der optionale Koop-Modus machen „Enshrouded“ zu einem ganz besonderen Erlebnis, das über 100 Spielstunden verspricht.

Rollenspiel mit Abstrichen

Zu Beginn des Spiels erstellen wir unseren Charakter und wählen aus zahlreichen Anpassungsmöglichkeiten. Neben Geschlecht und Haarfarbe dürfen wir auch entscheiden, ob wir Bart tragen oder uns glattrasiert wohler fühlen. Wer umfangreiche Editoren im Stil von „Cyberpunk 2077“ oder der „Soulsborne“-Reihe mag, wird allerdings enttäuscht. Zwar gibt es viele Anpassungsmöglichkeiten, aber wirklich austoben können wir uns nicht. Und so landen wir nach kurzer Zeit mit einem leicht bekleideten Helden in der Wildnis, begeben uns auf die Suche nach Ressourcen und müssen uns erst mal Waffen und eine Basis bauen.

 Die Handlung von „Enshrouded“ ist nett, steht aber nicht im Mittelpunkt des Spiels.

Die Handlung von „Enshrouded“ ist nett, steht aber nicht im Mittelpunkt des Spiels.

Foto: Christina Willems/Keen Games

Ganz beiläufig erfahren wir, dass unser Charakter über besondere Fähigkeiten verfügt, um das Land Embervale vom Miasma-Nebel zu befreien. Zwar lernen wir auch, wie und warum der Nebel das Land heimgesucht hat, wirklich tiefgründig ist die Handlung jedoch nicht. Stattdessen stehen Überleben, Erkunden und Craften im Mittelpunkt. Damit das auch funktioniert, spendieren uns die Entwickler einen umfangreichen Fähigkeitenbaum, der uns anfangs etwas überfordert hat. Im Stil von „The Elder Scrolls: Skyrim“ können wir festlegen, ob wir lieber einen Nahkämpfer, Magier oder Bogenschützen spielen wollen. Oder alles auf einmal.

Von Magie und Miasma

Dass diese Entscheidung wohldurchdacht sein sollte, merken wir in den Kämpfen. Die sind ganz schön knackig und erinnern uns an die Titel wie „Elden Ring“. Magier sind in vielen Situationen im Vorteil und wer nicht ausweicht, verliert schnell mal die Hälfte des Lebensbalkens. Glücklicherweise dürfen wir unsere verlorenen Items nach einer Niederlage wieder einsammeln, sodass wir beim Kämpfen nicht allzu sehr unter Druck geraten. Dafür aber beim Erkunden, den dank des Miasma-Timers haben wir in den vernebelten Gebieten nur fünf Minuten Zeit, bis unser Charakter tot umfällt. Indem wir unseren Flammenaltar aufrüsten und die Miasma-Wurzeln zerstören, können wir unser Zeit-Polster vergrößern.

 Obwohl der Charakter-Editor einige Anpassungen zulässt, ist er unserer Meinung nach zu dürftig ausgefallen.

Obwohl der Charakter-Editor einige Anpassungen zulässt, ist er unserer Meinung nach zu dürftig ausgefallen.

Foto: Christina Willems/Keen Games

Wem das zu aufwendig ist, der kann im Survival-Baum auch einfach die Fähigkeit „Inneres Feuer“ skillen oder sich einen Miasma-Überlebenstrank gönnen. Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos und lassen sich gut an den eigenen Spielstil anpassen. Das gilt auch für das Kampfsystem, das wild zusammengewürfelte Kombinationen aus Magie, Nahkampf und Geschicklichkeit erlaubt. Ihr möchtet einen Schurken spielen, der mit Feuerbällen um sich wirft? Gar kein Problem. Denn klassische Rollen wie Tank, Heiler und Damage-Dealer gibt es in „Enshrouded“ nicht. Im Koop-Modus sind feste Spezialisierungen dennoch von Vorteil.

Und täglich grüßt die Grafik-Frage

Nach dem Drama um Daedalics „Gollum“ sind unsere Erwartungen an deutsche Entwicklerstudios nicht gerade gestiegen. Das Frankfurter Studio Keen Games hat mit „Enshrouded“ aber auch technisch einen sehr guten Job gemacht und den Ruf der deutschen Gaming-Branche reingewaschen. Natürlich kann das Spiel optisch nicht mit Grafik-Krachern wie „Horizon: Forbidden West“ oder „Cyberpunk 2077“ mithalten, aber dennoch ist der Open-World-Titel durchaus ein optisches Schmankerl. Während unseres Tests sind uns keine gröberen Bugs aufgefallen und das Spiel lief trotz riesiger Open-World durchgehend flüssig.

Der bläuliche Miasma-Nebel ist tödlich, also können wir uns zu Beginn des Spiels nur fünf Minuten darin aufhalten.

Der bläuliche Miasma-Nebel ist tödlich, also können wir uns zu Beginn des Spiels nur fünf Minuten darin aufhalten.

Foto: Keen Games

Allerdings hätten wir uns bei den Charakter-Modellen etwas mehr Liebe zum Detail gewünscht. Zwar geht es hier um ein Fantasy-Game, aber leider wirken die Gesichtszüge und Haare der Figuren etwas klobig, unrealistisch und starr. Dafür sind Schatten und Beleuchtung gut gelungen, wenn auch weit von Raytracing entfernt. Die Texturauflösung ist ordentlich und lässt Details an Kleidung und Waffen erahnen. Für ein Voxel-Game im Early Access ist das völlig ausreichend.

Fazit

„Enshrouded“ ist ein überraschend gelungenes Sandbox-Rollenspiel, das mit einem unterhaltsamen Bau-Modus und solider Grafik überzeugt. Wer Survival-Games wie „Valheim“ mag, wird auch mit dem neusten Werk von Keen Games seinen Spaß haben. Für Fans von realistischer Grafik und epochaler Handlung ist „Enshrouded“ hingegen weniger geeignet.

„Enshrouded“ ist am 24. Januar im Early Access für PC erschienen. Ende des Jahres soll eine Version für Playstation 5 und Xbox Series folgen. Hier geht es zum offiziellen Trailer.

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