Gastwirt Wilfried Vennen: Das ist das Geheimnis einer guten Wirtschaft

Korschenbroicher Gastwirt Wilfried Vennen : Das Geheimnis einer guten Wirtschaft

Früher kamen die Gäste zum Kartenspielen und Würfeln, heute fragen sie erst mal nach dem W-Lan-Passwort. So beschreibt Gastwirt Wilfried Vennen den Wandel in der Gastronomie. Trotzdem gebe es ein Erfolgsrezept.

Fragt man Wilfried Vennen, worauf es ankommt, um als Wirt einer traditionellen Gaststätte erfolgreich zu sein, gibt es eine Lektion in Sachen Kundenansprache. „Wenn ein Gast ein Wasser bestellt, dann frage ich ihn schon mal, ob ich ihm auch Seife und Handtücher bringen soll“, sagt der Wirt und grinst: „So etwas kann man natürlich nur bei Stammgästen machen.“ Und genau dafür müsse man ein Gefühl entwickeln. Gastwirt zu sein, das bedeute eben nicht nur Bestellungen aufzuschreiben. „Es geht auch um das persönliche Engagement.“

Seit 1898 betreibt seine Familie die Gaststätte „Im Alten Brauhaus“, seit 25 Jahren führen Wilfried Vennen und seine Frau Birgit mit kurzer Unterbrechung die Geschäfte. Produktion, Vertrieb, Marketing – wofür Großkonzerne ganze Abteilungen beschäftigen, erledigt hier die Familie gemeinsam. Und auch wenn die Vennens seit jeher auf klassische rheinische Küche setzen, müssen sie sich als Betrieb immer wieder neu erfinden. Auch die Gastronomie ist permanentem Wandel unterworfen.

Knapp 38.000 Gaststätten gibt es laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) allein in NRW – Kantinen und Caterer nicht mitgezählt. 2017 machte die Branche knapp 16,3 Milliarden Euro Jahresumsatz. Doch diese Zahlen sagen über den Wandel der Branche wenig aus. Denn gerade die klassische Kneipe stirbt langsam aus. 1994 gab es laut Dehoga noch 21.000 klassische Kneipen landesweit, inzwischen sind es weniger als 8000. Laut Verband trägt daran auch das Rauchverbot, das in NRW seit 2013 in Gaststätten gilt, eine Mitschuld.

Aber Wilfried Vennen kennt auch viele andere Gründe, er erlebt sie schließlich Tag für Tag. „Tach zusammen“, sagt er, wenn sich die Tür öffnet und Gäste den Schankraum betreten – und das kommt an diesem Sonntagmittag ziemlich häufig vor. Die Plätze sind schnell belegt. Nur die Hocker an der Theke bleiben leer.

Früher hätten die Leute hier stundenlang gesessen, sagt Vennen. Hochpolitisch gehe es da manches Mal zu, andere Male sei er eher als Beichtvater gefragt. Aber solche Abende sind seltener geworden. Auch den klassischen Frühschoppen, bei dem die Gäste das erste Bier kurz nach dem Gottesdienst trinken, gibt es so nicht mehr. „Früher kamen die Leute auch zum Kartenspielen oder Würfeln, heute fragen sie erstmal nach dem Wlan-Passwort.“

Inzwischen kommen die Gäste eher zum Essen,die rheinische Küche hat sich in der Region herumgesprochen. Rheinischer Sauerbraten, Altbiergulasch oder eine Kutscherpfanne mit Spießbraten und Bratkartoffeln, das seien die beliebtesten Gerichte, sagt Vennen. Allerdings biete man inzwischen auch für Vegetarier Gerichte an, das werde immer wichtiger.

Der Bierabsatz geht nicht nur in Deutschland seit Jahren zurück, sondern auch in der Korschenbroicher Wirtschaft, wo sie immer noch fünf Sorten frisch vom Fass zapfen, Pils, Kölsch und natürlich Alt. „Solange es Hannen Alt gibt, schenke ich hier Hannen aus“, sagt Vennen. Die Gäste würden allerdings inzwischen in der Mehrzahl Pils trinken, „leider Gottes“, sagt der Alt-Trinker Vennen.

Auch andere Geschmäcker haben sich geändert. „Früher wurde zum Pils regelmäßig eine Runde Schnaps bestellt“, sagt Vennen. Heute werde weniger, dafür ausgewählter getrunken. Unter einem Blechschild mit der Aufschrift „Schnaps Allee“ stehen wie zum Beweis Obstbrände und andere Spezialitäten aufgereiht. Nichts, was man einfach so im Handel bekäme, wie Vennen stolz betont. Und dann sind da noch die hauseigenen Kreationen, ein Kirsch- und Kräuterlikör. Wo früher Kurze gekippt wurden, gibt es nun Edelbrände im Schwenker.

Der Kräuterlikör verkauft sich am besten, Whisky hingegen eigentlich gar nicht. „Im Jahr verkaufe ich davon keine drei Stück“, sagt Vennen: „Aber unser Whisky-Tasting ist dafür immer ausgebucht.“ Je 25 Gäste werden an zwei Abenden von einem Experten in die Welt der schottischen Single Malts eingeführt, inklusive Drei-Gänge-Menü.

Auch das ist so eine Neuerung. An der Wand im alten Brauhaus hängt zwar eine Tafel mit den zehn Wirtshausgeboten, zu denen auch der sonn- und feiertägliche Besuch des Wirtes zählt. Aber allein auf die Festigkeit des Glaubens seiner Gäste will sich Wilfried Vennen nicht verlassen. „Man muss sich immer etwas einfallen lassen“, sagt der Gastwirt.

Neben Speisen und Getränken gibt es praktisch jeden Monat eine besondere Veranstaltung: Musical Dinner Shows, Auftritte der Kölner-Band „Räuber“ oder wie am Samstag ein Treffen von 140 Fans der Serie „Mord mit Aussicht“, deren erste Staffel zum Teil hier gedreht wurde. Regelmäßig greift Vennen auch an „Mitsingabenden“ selbst zum Akkordeon.

„Gastwirt ist kein Beruf“, sagt der gelernte Briefträger Vennen über sein Leben in dem Traditionsgasthaus: „Das ist eine Berufung.“

Kräuter- und Kirschlikör gibt es bei Vennens aus eigener Herstellung. Foto: Ilgner Detlef (ilg)

Dieser Text ist kein gewöhnlicher. Er gehört zu einer Sonderausgabe der Rheinischen Post am 1. April 2019. Geplant und gestaltet wurde diese nicht von der RP-Redaktion, sondern von zwei „Chefredakteuren für einen Tag“: Schauspielerin Annette Frier und Kabarettist Konrad Beikircher. Mehr dazu und alle Texte dieser Sonderausgabe finden Sie hier.

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