Bayer: Neues Glyphosat-Urteil - wegen Monsanto droht Milliarden-Schadenersatz

Bayer und der Unkrautvernichter : Betriebsrat findet Entscheidung für Monsanto trotz Glyphosat-Klagen richtig

Erneut verurteilt eine US-Jury den Konzern wegen des Unkrautvernichters. Experten rechnen für alle Fälle mit bis 25 Milliarden Euro Schadenersatz. Mitarbeiter sind besorgt. Die Grünen fordern Bayer auf, sich von Glyphosat zu verabschieden.

Der Kauf des Saatgut-Riesen Monsanto entwickelt sich zum Albtraum für Bayer. Nun musste der Leverkusener Konzern eine zweite Schlappe einstecken: Die Jury des Distriktgerichts in San Francisco sah es als erwiesen an, dass Monsantos glyphosathaltiger Unkrautvernichter Roundup für die Krebserkrankung von Ed Hardeman verantwortlich ist, und sprach dem 70-jährigen Kläger rund 80 Millionen Dollar (umgerechnet 71 Millionen Euro) an Schadenersatz zu.

Die Bayer-Aktie setzte ihre Talfahrt fort und fiel zeitweise auf 54 Euro, den niedrigsten Wert seit 2012. Allein seit dem ersten Urteil 2018 ist Bayers Börsenwert um 40 Prozent gesunken. Mittlerweile liegt er nur noch bei 52 Milliarden Euro. Damit ist Bayer weniger wert als die 59 Milliarden Euro, die man einst für Monsanto gezahlt hat. „Nachdem nun schon die zweite Jury Round­up für Krebserkrankungen verantwortlich gemacht hat, könnten die Klagen für Bayer teuer werden. Möglicherweise drohen Milliarden-Abschreibungen auf Monsanto“, sagte Stefan Röhle, Analyst bei Independent Research.

Die Leverkusener reagierten ernüchtert: „Bayer ist über das Urteil der Jury enttäuscht“, teilte der Konzern mit. Man sei weiter davon überzeugt, dass Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung sicher sei. Mehr als 800 Untersuchungen, die bei den Zulassungsbehörden eingereicht worden seien, würden das bestätigten. Zugleich kündigte Bayer an, Berufung einzulegen.

Bereits 2018 war Bayer von einer Jury zur Zahlung von 78 Millionen Dollar (69 Millionen Euro) an den Platzwart Dewayne Johnson verurteilt worden. Die Verurteilung im Fall Hardeman ist gravierender, weil es sich um einen „Bellwether Case“ handelt: Er ist zwar rechtlich nicht bindend, gilt aber als repräsentativ für 760 weitere, in San Francisco gebündelte Fälle einer Massenklage und gibt für diese die Richtung vor.

Bislang haben 11.200 Amerikaner – Farmer, Gärtner und Verbraucher – den Konzern verklagt. Sie machen Roundup für ihre Erkrankung, meist Lymphdrüsenkrebs, verantwortlich. Bayer rechnet damit, dass die Zahl weiter steigt. Die Klagewelle birgt zwei Gefahren: Zum einen drohen milliardenschwere Schadenersatzzahlungen. Zum anderen macht der Aktienabsturz Bayer anfällig für eine Übernahme durch – womöglich zerschlagungslustige – Investoren. Seit Langem wird spekuliert, dass der US-Fonds Elliott eingestiegen ist.

Der Finanzmarkt rechnet bereits durch, wie hoch der Schadenersatz am Ende ausfallen könnte. Die Bank JP Morgan rechnet mit bis zu 18 Milliarden Euro. Laut Bayers Großaktionär Union Investment ist in Bayer-Börsenkursen von etwa 60 Euro Schadenersatz von 20 bis 25 Milliarden Euro eingepreist. Selbst wenn es Bayer gelingt, das Blatt zu wenden, könnte es teuer werden: Beim Gerinnungshemmer Xarelto hat Bayer gerade mit einer Partnerfirma 775 Millionen Dollar (690 Millionen Euro) für Vergleiche auf den Tisch gelegt, obwohl man die ersten Prozesse gewonnen hatte.

Die Arbeitnehmer verfolgen die Entwicklung gespannt: „Die Glyphosat-Klagen beschäftigen natürlich auch die Belegschaft, zumal der öffentliche Druck groß ist. Einzelne Mitarbeiter sind auch beunruhigt“, sagte Heinz-Georg Webers, Vizechef des Gesamtbetriebsrats. „Wir haben aber weiter Vertrauen in den Vorstand, dass die strategische Entscheidung, Monsanto zu übernehmen, richtig war.“ Man hoffe, dass sich Bayer in der Berufung durchsetze. Während in der ersten Instanz Geschworene entscheiden, urteilen in Berufungsinstanzen allein Richter, die sich womöglich weniger von Emotionen leiten lassen.

Die Grünen sehen sich bestätigt. „Die Übernahme von Monsanto erweist sich immer mehr als  Desaster für Bayer. Die mit Glyphosat verbundenen Risiken, die Bayer sich mit Monsanto eingekauft hat, könnten am Ende gar die Existenz des Konzerns gefährden“,  sagte Oliver Krischer, Vizechef der Bundestagsfraktion. „Bayer sollte jetzt die Reißleine ziehen und sich von Glyphosat verabschieden. Das Produkt hat keine Zukunft und ist für den Konzern jetzt schon eine Katastrophe.“

Welche Auswirkungen die Klagen  auf das laufende Sparprogramm haben, ist offen. Unlängst hatte Bayer den Abbau von 12.000 seiner 117.000 Stellen angekündigt. Derzeit handelt das Management mit den Betriebsräten die Verteilung des Abbaus auf die einzelnen Standorte aus, insbesondere auf Leverkusen. Es werde noch einige Wochen dauern, bis man Klarheit habe, so Betriebsrat Webers. Das Interesse der Beschäftigten an den Abfindungs- und Vorruhestandsprogrammen sei sehr groß, wie sich in den Infoveranstaltungen zeige. „Wichtig: Es bleibt dabei, dass betriebsbedingte Kündigungen bis 2025 ausgeschlossen sind.“

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