Personalengpässe bei der Deutschen Bahn Das Bahn-Chaos ist auch in NRW möglich

Berlin · Die Bahn räumt ein, dass es auch in anderen Städten zu einer Situation wie in Mainz kommen könnte. Allerorten ist die Personaldecke dünn. Bahn-Chef Grube bricht für ein Krisentreffen seinen Urlaub ab.

Bahnkunden, die über den Mainzer Hauptbahnhof reisen wollen, müssen sich bis Ende August auf Zugausfälle und Verspätungen einstellen. Die Deutsche Bahn (DB), die Eisenbahn-Gewerkschaft (EVG) und Vertreter der Politik wollen sich morgen zu seinem Krisengespräch über die Personalengpässe treffen. Bahn-Chef Rüdiger Grube bricht seinen Urlaub ab, um an der Konferenz teilzunehmen, berichtet die "Bild"-Zeitung.

Die Personalnöte am Mainzer Hauptbahnhof sind kein Einzelfall. Auch in anderen Städten könnte es zu einer derart chaotischen Lage kommen. "Wir haben bundesweit eine angespannte Situation", sagte der Vorstandschef der zuständigen Bahntochter DB Netz, Frank Sennhenn. Ein Gewerkschaftssprecher hält es für möglich, dass es auch in Köln, Düsseldorf oder im Ruhrgebiet zu einer Situation wie in Mainz kommen kann. Die Bahn erklärte: "Aktuell sind alle Stellwerke in NRW arbeitsfähig; wir tun alles, dass es so bleibt."

Bei dem Krisentreffen wird zur Sprache kommen, dass die Bahngewerkschaft seit Monaten auf die angespannte Personaldecke verweist. Nach Schätzungen der EVG fehlen bundesweit rund 1000 Fahrdienstleiter. Über Jahre gab es einen Personalabbau in der Netzsparte, dem tausende von Stellen zum Opfer fielen. Zugleich verzögerten sich die Investitionen wegen des geplanten Börsengangs 2008. Damit wurden die Stellwerke langsamer als zunächst geplant durch moderne vollelektronische ersetzt, was zu einer Personalentlastung geführt hätte. Bahn-Vorstand Volker Kefer erklärte in der ARD, die Zahl der Fahrdienstleiter solle aufgestockt und eine "mobile Reserve" gebildet werden.

In Mainz spitzte sich die Situation gestern zu. Nachdem es in der vergangenen Woche Ausfälle im Nachtbetrieb gab, sind nun auch die Pendler und Fernreisenden tagsüber betroffen. Die Probleme lassen sich kurzfristig nicht lösen. Von 15 Fahrdienstleitern sind vier krank und drei im Urlaub, einer von ihnen erklärte sich gestern zur Rückkehr an seinen Arbeitsplatz bereit. Die juristische Lage ist eindeutig: "Ein Arbeitgeber darf einen Arbeitnehmer bitten, seinen Urlaub zu unterbrechen. Einen Zwang darf ein Unternehmen aber nicht ausüben", sagte der Arbeitsrechtler Reinhard Schütte. Die Bahn prüft den Einsatz von pensionierten Fahrdienstleitern, dies sei aber "extrem schwierig".

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Anton Hofreiter (Grüne), warnte davor, dass die Fahrdienstleiter ihren Urlaub unterbrechen. "Es geht um Mitarbeiter, die Höchstbelastungen zu tragen haben. Viele Fahrdienstleiter haben zudem etliche Überstunden auf dem Buckel", sagte Hofreiter. Die Fahrdienstleiter seien für den Zugverkehr das gleiche wie Fluglotsen im Luftverkehr: "Es führt zum Sicherheitsrisiko, wenn man nicht genug Fahrdienstleiter ausbildet und einstellt." Nach ARD-Informationen soll es auf dem Mainzer Hauptbahnhof vor zwölf Tagen zu einem Beinahezusammenstoß zweier S-Bahnen gekommen sein.

Der Bundesregierung warf Hofreiter vor, dass sie von der Bahn kurzfristige Renditen fordere, statt langfristig auf die Funktionstüchtigkeit des Schienenverkehrs zu setzen. Der Jahresgewinn der Bahn lag zuletzt bei 1,5 Milliarden Euro.

(RP)