Sicherheitssoftware ist gefragt wie nie: NSA beflügelt deutsche IT-Branche

Sicherheitssoftware ist gefragt wie nie: NSA beflügelt deutsche IT-Branche

Mit der Software XKeyscore sammelt der US-Gemeindienst NSA offenbar millionenfach Datensätze auch in Deutschland. Ein Skandal, der diplomatische Wellen über den Atlantik schlägt. Dabei gibt es auch Profiteure in Deutschland. Ganz oben auf der Liste: Sicherheitsexperten der deutschen IT-Branche.

Eigentlich haben Edward Snowden und Andrea Wittek außer ihrem jugendlichen Alter nicht viel gemeinsam. Aber der Überläufer des US-Geheimdienstes NSA könnte die Lebenswege der Geschäftsführerin des kleinen Augsburger Start-Up-Unternehmens kräftig durcheinanderwirbeln.

Denn ungewollt ist der Amerikaner mit seinen Enthüllungen über NSA-Abhöraktionen zum besten Werber für ihr Unternehmen Secomba geworden. Seither läuft das Geschäft mit der Verschlüsselungssoftware "BoxCryptor" fantastisch, mit Zuwachsraten im zweistelligen Bereich allein im Juli. Das Umsatzziel der erst 2011 gegründeten Firma von einer Million Euro in diesem Jahr dürfte locker geschafft werden.

Secomba ist dabei nur ein sehr kleiner Spieler in einem sehr großen Wirtschaftskrimi, der seit den Snowden-Enthüllungen vor allem in Europa und Deutschland spielt. In den deutschen Medien dominiert zwar die im Wahlkampf hitzige Auseinandersetzung über die Kooperation deutscher und amerikanischer Geheimdienste.

Aber in Wahrheit wird jetzt die Milliarden-Euro-Frage neu beantwortet, wem Privatleute und Firmen künftig ihre Daten anvertrauen. Erste Experten warnen vor riesigen Verschiebungen in der boomenden globalen IT-Industrie, weil das Vertrauen in den Umgang mit sensiblen Daten in den USA, aber auch Großbritannien schwer angeschlagen ist. "Ich möchte jetzt kein Lobbyist für amerikanische oder britischen Firmen sein", meint ein deutscher Geheimdienstmitarbeiter.

Eine neue Studie der ITIF (The Information Technology & Innovation Foundation) in Washington geht wegen des entstandenen Vertrauensverlustes von einem möglichen Schaden für die bisher boomende US-Cloud-Industrie in den kommenden drei Jahren von 22 bis 35 Milliarden Dollar aus. Der bisher erwartete dominierende US-Anteil am Aufbau von Datenspeichern auch außerhalb der USA dürfte drastisch schrumpfen, so die Analyse.

Eine Umfrage der Cloud Security Alliance kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass nach den Snowden-Enthüllungen 56 Prozent der außerhalb der USA lebenden Befragten angaben, keine US-Clouds mehr nutzen zu wollen. Durchaus mit dem Blick auf die Chancen der EU-Firmen streute die EU-Kommissarin für IT-Fragen Neelie Kroes am 4. Juli bei einem Industrietreffen in Tallinn noch Salz in die Wunden, als sie vorhersagte: "Wenn europäische Cloud-Kunden der US-Regierung oder deren Versicherungen nicht trauen können, werden sie vielleicht auch US-Speicher-Anbietern nicht mehr trauen."

Für die global agierenden US-Konzerne sei die gegenwärtige Situation "eine Katastrophe", meint Gesche Joost, Netzexpertin der SPD, auch mit Blick auf US-Konzerne wie Google oder Facebook. Im Zeitalter von "big data" ist das Datensammeln schließlich das Geschäftsmodell dieser Firmen. Der vermeintlich kostenlose Service einer Suchmaschine oder eines sozialen Netzwerkes, der in Wahrheit Milliarden-Investitionen erfordert, wird von den Nutzern in Form von Daten bezahlt.

Das Geschäftsmodell ist sofort obsolet, wenn die Kunden aus Angst vor kommerziellem, geheimdienstlichem oder kriminellem Missbrauch ihre Daten verweigern. Die Reuters-Recherche bei fast Dutzend Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Geheimdiensten zeigt: Die Europäer und vor allem die Deutschen wittern ihre Chance.

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Die NSA-Debatte ist deshalb wie ein Weckruf, meint etwa Michael Hange, der Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI). "Jetzt wird über die NSA diskutiert, aber es geht darum, sich grundsätzlich vor allen Angriffen und vor Informationslecks zu schützen." Plötzlich wird realisiert, dass es transatlantisch sehr unterschiedliche Rechtslagen im Umgang mit Daten gibt. Auch eine breite Öffentlichkeit beschäftigt sich nun mit der Frage, an welchen Stellen Geheimdienste eigentlich Daten absaugen können - und was dies bedeutet.

Mit Schrecken stellen Firmen und Nutzer fest, dass sie eigentlich keine Ahnung haben, wo ihre Daten beim undurchsichtigen Weg durch das Netz landen. Die Folge ist eine massive und gefährliche Verunsicherung der Internet-Nutzer, warnt der Branchenverband Bitkom nach einer entsprechenden Umfrage. "Eine Volkswirtschaft, die IT weniger nutzt, macht einen Rückschritt", beschreibt Bitkom-Chef Dieter Kempf die Folgen.

Als Antwort macht die zusätzlich vom Wahlkampf getriebene Politik mobil: Bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel Mitte Juli in den Urlaub entschwand, hatte sie noch schnell die Richtung vorgegeben. Nötig sei "eine ambitionierte IT-Strategie auf europäischer Ebene..., der eine Analyse der heute fehlenden Systemfähigkeiten in Europa zugrunde liegen muss." Im Klartext: Die Europäer sollen ihre Abhängigkeit von den USA reduzieren.

"Wir brauchen ergänzend auch eigenständige deutsche und europäische Lösungen und Angebote bei der IT-Infrastruktur", sekundierte Wirtschaftsminister Philipp Rösler.
Genau genommen träumen die politische Klasse und auch Industrievertreter derzeit den alten Airbus-Traum. In einem Kraftakt und mit erheblichen Subventionen hatten Deutsche, Franzosen und Briten 1970 einen gemeinsamen Flugzeugbauer gegründet, der heute mit dem US-Konzern Boeing um die Weltspitze kämpft. "Jetzt wird es Zeit, über einen Internet-Airbus nachzudenken", forderte der Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand (NITMi), Oliver Grün, vor kurzem.

Das Problem: Experten spotten, dass die IT-Unabhängigkeit von den USA in Wahrheit reines Wunschdenken sei. "Der Airbus-Vergleich zieht einfach nicht, weil Äpfel mit Birnen verglichen werden", sagte Bitkom-Präsident Kempf. Die IT-Branche entwickele sich viel schneller als die Luftfahrtindustrie, das Internet lebe zudem nun einmal von der globalen Vernetzung und nicht von Insellösungen. "Es ist sicherlich so, dass die Abkoppelung Europas im Internet nicht realistisch ist", dämpft auch BSI-Chef Hange die Erwartungen.

Andere verweisen auf frühere gescheiterte politische Ideen wie die einer deutsch-französischen Suchmaschine, den geplatzten Traum eines sächsischen Silicon Valley, wo der Nukleus einer eigenständigen europäischen Chipproduktion entstehen sollte, oder die Probleme beim Satellitenprojekt Galileo, mit dem sich die Europäer bei der digitalen Navigation von der Supermacht abkoppeln wollen. Am Ende waren oder sind andere Weltregionen schneller oder wettbewerbsfähiger.

Die IT-Abhängigkeit des größten Binnenmarkts der Welt von den USA und von China ist deshalb in den vergangenen Jahren sogar noch gewachsen, bemerken die Politiker angesichts der NSA-Debatte nun erschrocken.

Die Hardware wie Computer und Handys wird vor allem in Asien produziert, die globalen IT-Konzerne wie Google, Apple, Amazon, Microsoft und sozialen Netzwerke wie Facebook sitzen alle in den USA. "Bei den Routern gibt es zwei sehr große Anbieter auf dem Weltmarkt aus den USA und China", sagt Bitkom-Chef Kempf.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Axt ans Bündnis - die Presse zum NSA-Skandal

(REU)